„Etwa 50 bis 80 Kinder müssen daher im Jahr zusätzlich sterben“

Über die Zukunft des Lebensschutzes nach dem Verbot des Münchner Kreisverwaltungsreferats

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 30. Juli 2011 (Vaticanista/KSZ).- Eine Frau steht betend mit einem Rosenkranz in der Hand vor der einzigen reinen Abtreibungsklinik in der bayerischen Landeshauptstadt. Sie hält ein Bild hoch, das Maria von Guadalupe zeigt, die als Patronin der Ungeborenen verehrt wird. Eine junge Frau mit asiatischen Gesichtszügen biegt zielsicher in die Straße im Münchner Westend ein, wechselt plötzlich schnell auf die Seite, wo die Beterin vor dem Hofeingang steht. Auf der gegenüberliegenden Seite, von wo sie gekommen ist, sieht ein Mann, eine voll bepackte Umhängetasche über seiner Schulter, ihr nach. Er schleicht schließlich auf seiner Straßenseite auf und ab.

„Wenn sie ihr Kind einmal im Arm halten, wissen sie, dass sie die Situation meistern können“; Foto: Koller (Archivbild)

„Wenn sie ihr Kind einmal im Arm halten, wissen sie, dass sie die Situation meistern können“; Foto: Koller (Archivbild)

Bis zum 17. Mai durfte er noch Frauen, die offensichtlich die Klinik ansteuerten, direkt vor deren Eingang ansprechen und ihnen ein Info-Faltblatt aus seiner Tasche mitgeben. Nachdem bereits Anfang März in Freiburg die Gehsteigberatung vor der Beratungsstelle von Pro Familia im Eilverfahren untersagt wurde, verbot das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München mit Wirkung vom 18. Mai entsprechendes Angebot auf dem Gehweg vor der Stapf-Ambulanz und brandmarkte es als „grobe Ungehörigkeit“. „Die ungeborenen Kinder wurden einfach aus der Abwägung ausgeschlossen. Die Behörde legte sich zudem vorzeitig fest und war für unsere Argumente nicht mehr zugänglich“, erklärt sich der Rechtsanwalt der Berater Stefan Brandmaier den Bescheid. 500 Euro Zwangsgeld müssten die Berater jedes Mal berappen, wenn sie ihm zuwider handeln. Weil alles so plötzlich kam, wehren sie sich sowohl gegen den Bescheid selbst als auch gegen dessen sofortige Vollziehung.

In den Jahren zuvor waren es Gehsteigberatern und -beraterinnen mindestens 800 Mal gelungen, die ungeborenen Kinder verzweifelter Mütter vor der Tötung zu retten. Auch half das Team Frauen nach der Abtreibung in dem Haus, in dem der Arzt Friedrich Stapf und seine Angestellten jährlich rund 4.000 dieser Tötungseingriffe durchführt. „Es hat mich viel gekostet, bis ich erstmals auf die Frauen, die nach einer Abtreibung da herauskommen, zugehen konnte“, räumt der Vorsitzende des Vereins „Lebenszentrum – Helfer für Gottes kostbare Kinder Deutschland“ , Wolfgang Hering ein. Das Münchner Lebenszentrum initiierte 1999 Gebet und Hilfsangebot vor der Klinik. „

Gleich bei der Abtreibungsklinik um die Ecke unterhält der Verein zudem eine Beratungsstelle: Vor dem Haus stehen drei Mütter mit Nachwuchs in Buggys und Kinderwagen, zwei Afrikanerinnen und eine Asiatin und schwatzen munter auf Englisch. Im rechten Schaufenster stehen Modelle von ungeborenen Kindern, im linken ein Porträt der seligen Mutter Teresa, die unter anderem auch wegen ihres Einsatzes für die Ungeborenen zum Vorbild für die Gläubigen wurde. Über ihrem Konterfei schmückt das Foto einer jungen Frau mit Baby das Gesamtbild. Die Szene hat nur einen Schönheitsfehler: Eine Kerbe direkt vor der Aufnahme, an der das Fensterglas zersplittert ist und von der ein riesiger Sprung ausgeht. „Vor unserer letzten großen Gebetszüge haben uns Linksradikale zum zweiten Mal die Scheiben. Sie haben sich im Internet dazu bekannt, aber erwischt hat sie die Polizei nicht“, berichtet Hering.

Eine der Beraterinnen und Stützen des Engagements vor der Stapf-Klinik ist die 29-jährige Maria Grundberger. Die junge Frau ängstigt sich weder vor der linken Gewalt noch vor der Konfrontation mit dem Leid der Frauen, die ihre Abtreibung bereuen. Die Katholische Sonntagszeitung traf sie auf dem Weg zu ihrer Arbeit als Hebamme zum nächsten Nachsorgetermin. „Es ist das Schönste auf der Welt, das Kind einer Mutter auf dem Arm zu halten, der man vor der Abtreibungsklinik begegnet ist und zu wissen, wenn wir uns dort nicht getroffen hätten, würde es das Kleine gar nicht geben“, sagt sie auf ihre Motivation für ihren nebenberuflichen Einsatz angesprochen. Vor einigen Monaten hatte sie eine besondere Begegnung in der S-Bahn: Eine junge Mutter mit Säugling fragte sie, ob sie manchmal vor einer Klinik in München stünde. Als Grundberger das bestätigte, antwortete die Frau schmunzelnd und in den Kinderwagen deutend: „Sie haben mich angesprochen und das ist das Resultat davon.“

Grundberger kommt selbst aus einer kinderreichen Familie. „Es ist wichtig, überhaupt erst einmal dem Kind eine Stimme zu geben. Mir war immer klar, dass Abtreibung keine Option ist“, erklärt die junge Frau mit langen braunen Haaren, geblümter Tunika und Jeans. Als sie als 17-Jährige einen Vortrag von Monsignore Philip Reilly hörte, der die Kombination aus Gebet und Gehsteigberatung durch sein Beispiel weltweit inspiriert hat, ist ihr Einsatzwille nicht mehr zu bremsen. „Es kann so einfach sein, ein Menschenleben zu retten“, lautet ihre Erkenntnis aus der Begegnung.

Sie wurde aber nicht einfach ohne Vorbereitung auf die Frauen in Not losgelassen: „Ich musste erst einmal eine Schulung in Wien bei einer Ärztin absolvieren“, erinnert sie sich. Als sie auf die Frauen zuging, kam es besonders darauf an, stets ruhig und unaufdringlich zu wirken, alles andere als aggressiv. „Was muss ich Ihnen anbieten, dass Sie sich doch noch für Ihr Kind entscheiden.“ So lautete einer ihrer Sätze, mit denen Grundberger bevorzugt das Gespräch eröffnete. Sie kommt auf die religiöse Dimension zu sprechen: „Wir beteten auch dafür, im richtigen Moment die richtigen Worte für die Frau zu finden.“ Meistens redete sie mit den Frauen. „Aber wenn gerade keine mit mir sprach, betete ich leise, dass sie doch noch mal herauskommen, doch umkehren und nicht abtreiben. Oder wenn sie abgetrieben haben, dass sie Trost und Vergebung finden.“ Gerade aber die Frauen, die in einer echten Notlage steckten, zeigten sich vor Ort ansprechbar, und ihnen könnte auch konkret geholfen werden.

Sie sah ihre Klientinnen mit der Gesamtsituation überfordert, ein Zustand, den selbst das Kreisverwaltungsreferat in seinem Bescheid einräumt: „Die Erkenntnis, menschliches Leben in sich zu tragen einerseits, und andererseits die Sorge, der künftigen Aufgabe nicht gewachsen zu sein, bleibt regelmäßig weiter bestehen“, heißt es in dem Bescheid. Grundberger schließt daraus, dass es sich um eine Entscheidung handelt, die Menschen gar nicht treffen sollten. Als Hauptgründe sieht sie vor allem alle möglichen Ängste, vor der Partnerschaft, vor Veränderung, vor der Mutterschaft und vor der Geburt. Oftmals fehlte die notwendige Ermutigung der Partner. „Vielen ist auch gar nicht so bewusst, dass der Embryo ein Mensch ist.“ Die Gynäkologen könnten da hilfreich sein: „Die wenigsten Frauen würden ein Kind, das sie schon einmal im Ultraschallbild gesehen haben, abtreiben, weil es dann ein Du für sie geworden ist“, glaubt die Hebamme. Gerade in den ersten drei Monaten, in denen die folgenschwere Entscheidung von ihnen erwartet werde, seien sie aufgrund der hormonellen Umstellung „ohnehin durch den Wind“.

In den elf Jahren ihrer Beratungstätigkeit machte Grundberger die Erfahrung, dass es Frauen niemals bereuten, wenn sie sich doch noch in letzter Minute für das Leben entschieden haben. „Wenn sie ihr Kind einmal im Arm halten, wissen sie, dass sie die Situation meistern können“, sagt die Mutter eines vierjährigen Sohnes.

Seit dem Verbot nun sieht alles anders aus: „Seitdem war ich einmal auf der gegenüberliegenden, der erlaubten Straßenseite. Ich stand dort einige Stunden lang und es war mir nicht möglich, eine Frau anzusprechen“, sagt sie. Weil sie von Klinikangestellten bereits bei der Terminvergabe vorgewarnt wurden, wechselten die Frauen von der S-Bahn kommend gleich auf die richtige Straßenseite, wo sie und ihre Mitstreiter sich nicht mehr blicken lassen dürften. Oder sie huschen, mit dem Auto eintreffend, gleich auf der Höhe der Klinik links aus dem Wagen. Obendrein störten sich die Anwohner an der Präsenz der Berater und drohten gar damit, die Polizei zu rufen. „Die Gehsteigberatung ist damit fast unmöglich gemacht worden. Etwa 50 bis 80 Kinder müssen daher im Jahr zusätzlich sterben“, sagt sie. Da hilft wohl nur noch beten, auch im Hinblick auf die Klage gegen den Bescheid, die das Lebenszentrum eingereicht hat.

[Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 30./31. Juli 2011]

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