Könige ohne Kleider

Kubanische Dissidenten im Exil setzen auf befreiende Wirkung der päpstlichen Worte

Von Michaela Koller

MADRID, 29. März 2012 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Gleich nach seiner Landung auf Kuba, dem letzten Ziel seiner jüngsten Auslandsreise, hat Papst Benedikt XVI. nicht nur die Bewohner der „schönen Insel“, sondern auch „alle Kubaner, wo auch immer sie sich befinden“ gegrüßt. Unausgesprochen erreichte der Gruß gerade auch die Kubaner im Exil, ja in der Verbannung, darunter Alejandro Gonzalez Raga und sein Freund Marcelo Cano Rodriguez. Sie verfolgen die aktuellen Ereignisse in ihrer karibischen Heimat gerade von Vallecas, einer Vorstadt Madrids aus. „Er ist ein milder Herr. Ich habe nicht erwartet, dass er mit der Faust auf den Tisch haut“, sagt Raga zu dieser und ähnlichen feinen Formulierungen, die aber nicht viel Interpretationsspielraum offenlassen.

Alejandro Raga; Foto: M. Koller

Alejandro Raga; Foto: M. Koller

Als Bedingung für die Entlassung aus politischer Haft 2008 musste er seine kubanische Staatsbürgerschaft gegen die Spanische eintauschen, für immer. Er durfte aber wenigstens einige Familienmitglieder mitnehmen. Einen Onkel, an dem er sehr hängt, konnte nicht nach Spanien auswandern. Sie werden sich wohl nie wiedersehen. Jedenfalls nicht, solange Raul Castro in Havanna herrscht. Das gehörte zum Handel zwischen dem Karibikstaat und der einstigen Kolonialmacht Spanien. Sein Freund Marcelo Cano musste noch zwei Jahre länger als politischer Gefangener ausharren – unter Haftbedingungen, von denen Deutsche höchstens im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen eine Ahnung bekommen können. Endlich führten auch die Vermittlungsbemühungen der katholischen Kirche des Landes für seine Freilassung zum Erfolg. „Ich war sieben Jahre und sieben Monate inhaftiert, von 17 Jahren, zu denen ich verurteilt worden war“, sagt der 47-Jährige kopfnickend zu Beginn des Gesprächs.

„Im Schwarzen Frühling sollten wir beide und schließlich 73 weitere Oppositionelle aus dem Spiel genommen werden“, beginnt der 54-jährige Raga ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen. Ursprünglich sollte der hagere Künstler 14 Jahre hinter Gittern sitzen. Es war die zweiwöchige Verhaftungswelle ab dem 18. März 2003, von der unter anderem 27 Journalisten betroffen waren und deren Opfer später als „Gruppe der 75“ weltweit bekannt werden sollten. Bereits zwei Wochen später gründeten ihre Angehörigen das Bündnis „Damen in Weiß“, deren Mitglieder nicht zu den Papstmessen gehen durften, sondern harter Verfolgung bis zur Folter ausgesetzt waren. „Wir hatten einen Zugang zu der Bevölkerung, der das Regime ängstigte. Wir verteilten Manuskripte und knüpften Kontakte“, beschreibt Raga ihre Methoden gegen die staatlich gelenkte Desinformation. In Camagüey, wo der bis zu seiner Verhaftung lebte, gab er ein monatliche Samisdatschrift mit Informationen über Menschenrechtsverletzungen heraus.

Der Wandel zum Regimegegner kam für Raga plötzlich nach dem mysteriösen Tod eines Freundes im Jahr 1999, der eigentlich das Land verlassen wollte. Der gelernte Restaurator und Techniker mit einer ausgeprägten Begabung für Kunsthandwerk und Malerei wurde schließlich noch Journalist, um die Wahrheit verbreiten zu können. „Dass alles nur eine große Lüge ist“, merkte auch Marcelo Cano. Als Arzt am Krankenhaus sah er, dass medizinische Versorgung auf Kuba nicht annähernd an den Ruf heranreicht, der ihr etwa ein Hugo Chavez verschaffte. Er schloss sich den Dissidenten an. Beider Aktivitäten führten zur Anklage „Kollaboration mit ausländischen Mächten“ und schließlich zur Verurteilung nach einem Prozess, der eine Farce war.

Die Unterdrückung Andersdenkender geht seither weiter. Auf mehrere Hundert Festnahmen, die das Regime vor und während des Papstbesuchs vornahm, angesprochen, widersprechen die Dissidenten im Exil: „Nein, es waren sogar noch mehr, über 1.200.“ Um ganz sicher zu gehen, schaut Raga noch einmal in seinem Laptop nach. „Das kubanische Volk soll schließlich nicht im Fernsehen Dinge sehen, von denen es nichts erfahren soll“, begründet er die Polizeiübergriffe selbst auf Bettler, die einfach tagelang weggeschlossen wurden. Das Regime störe nicht, dass internationale Medien breit über Massenfestnahmen berichteten. „Sie sagen, das es sich bei den Berichten um eine Kampagne des Weltimperialismus handelt“, antwortet Cano. Die kommunistische Führung sei wegen des Papstbesuchs nicht nervöser als sonst. Die hohe Zahl der Festnahmen spiegele vielmehr einen Wandel unter der Bevölkerung wider.

Marcelo Cano; Foto: M. Koller

Marcelo Cano; Foto: M. Koller

„Die Leute auf Kuba haben zu einem neuen Bewusstsein gefunden und verstehen jetzt die kubanische kommunistische Revolution anders“, erklärt er weiter. „Der Mythos von den makellosen Helden Castro löst sich auf. Sie sind jetzt nackte Könige.“ Auf die Frage, ob sie nun einen baldigen Zusammenbruch erwarteten, antworten beide vorsichtig. Cano erinnert sich noch gut an die Hoffnung, von der die Opposition beim Besuch von Papst Johannes Paul II. 1998 erfüllt war, ohne dass später Bevormundung, Willkür und gar Folter aufhörten. Das Volk auf der Insel lebe aber zur Zeit noch immer wie in einem Gefängnis, von äußeren Einflüssen abgeschirmt. „Es fehlt nicht nur eine charismatische zentrale Figur, sondern vor allem auch die Vernetzung wie in Mittel- und Osteuropa“, sagt Cano.

Aber ein Funke Hoffnung bleibt: Zu einem friedlichen Wandel, den sie sich wünschten, könnte ein allmähliches Erwachen der Kubaner führen. Veränderung komme nicht durch ein Wunder von außen. „Die Botschaften des Papstes könnten dabei helfen“, meint Raga. Schon vor der Landung in Havanna habe mit Benedikts Stellungnahme zum Kommunismus im Flugzeug alles gut angefangen. Der Papst hatte bereits auf dem Flug von Rom nach Mexiko auf die Lage auf Kuba Bezug genommen. „Die Ideologien des Marxismus, wie sie konzipiert wurden, entsprechen nicht mehr der Realität“, hatte er gesagt. Die Menschen dort könnten diesen Satz auf die beste Weise interpretieren. „Es ist nicht so sichtbar und man kann es nicht sofort messen, aber seine Worte können den Samen in die Herzen der Leute gesetzt haben“, hofft Raga. Wohl gerade, weil er nicht mit der Faust auf den Tisch schlug.

[Erstveröffentlichung: Die Tagespost, 29. März 2012; Dr. Angela Reddemann trug zu diesem Artikel bei]

 

 

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