Katholisches Osttimor zehn Jahre lang unabhängig

Menschen zählen auf Beistand der Kirche

Von Michaela Koller

DILI, 18. Mai 2012 (Vaticanista/KSZ).- Osttimor, das Land mit dem höchsten christlichen Bevölkerungsanteil in Asien, feiert am 20. Mai mit Staatsgästen den zehnten Jahrestag seiner Unabhängigkeit. „Dieses Vaterland, das Gott euren arbeitsamen Händen anvertraut, muss sich auf diejenigen Werte stützen, ohne die es keine echte Demokratie geben kann“, hatte 2002 der nun selige Papst Johannes Paul II. als Botschaft anlässlich der Unabhängigkeit gesandt. Die Worte verlas Bischof Carlos Ximenes Belo während einer heiligen Messe, mit der die Feierlichkeiten nach einem langen steinigen Weg damals eingeleitet wurden.

Das Regierungsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Dili; Foto: Koller

Das Regierungsgebäude im Zentrum der Hauptstadt Dili; Foto: Koller

Am 7. Dezember 1975 waren indonesische Truppen in das Land eingefallen. Auf die Annexion Osttimors folgten 24 Jahre Unterdrückung jeglicher Freiheitsbestrebungen mittels Polizei und Militär. Mindestens 102.800 Osttimoresen kamen durch Verfolgung und Vertreibung ums Leben. Nachdem am 30. August 1999 mehr als 78 Prozent der osttimoresischen Wähler für die Loslösung von Jakarta stimmten, erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt. Die indonesische Armee und pro-indonesische Milizen töteten dabei rund 1.500 Zivilisten, Hunderttausende Osttimoresen wurden vertrieben. Sie zerstörten zudem mehr als drei Viertel der gesamten Infrastruktur. Die Gewaltexzesse wurden endlich beendet, als der UNO-Sicherheitsrat Mitte September 1999 eine internationale Truppe entsandte.

Voraussichtlich wird die aktuelle UNO-Mission in Timor Leste, wie das Land offiziell heißt, Ende dieses Jahres auslaufen. Der gerade abgewählte Präsident José Ramos-Horta dankte noch im Februar in einer Rede vor den Vereinten Nationen der internationalen Staatengemeinschaft, die von September 1999 bis Mai 2002 das Land regierte. Gerade sind die dritten Präsidentschaftswahlen weitgehend friedlich abgeschlossen worden, aus denen der ehemalige Armeechef Taur Matan Ruak als Sieger hervorging. Im Juni wählen die Osttimoresen ihr nächstes Parlament und wenn diese Wahlen insgesamt ruhig verlaufen, dürfte auch dem Abzug der UNO nichts mehr im Weg stehen.

In der Kathedrale von Dili begingen die Osttimoresen das Jubiläum mit einer Heiligen Messe; Foto: Jörg Meier

In der Kathedrale von Dili begingen die Osttimoresen das Jubiläum mit einer Heiligen Messe; Foto: Jörg Meier

Die meisten Menschen in Osttimor leben von dem, was sie selbst um ihr Haus herum anpflanzen können. Vielerorts fehlt es noch immer an Essentiellem: feste Straßen, Strom, Wasser, Handynetz. Auch eine erste tiefe Krise mit Straßenkämpfen im Jahr 2006 hatte das Land ebenso zu überstehen, wie ein Attentat auf den Präsidenten José Ramos-Horta am 11. Februar 2008, bei dem dieser schwer verletzt wurde. Trotzdem ist der Staat, in dem sich mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zum Katholizismus bekennt, nicht gescheitert.

„Vieles ist in Osttimor in den jüngsten Jahren erreicht worden, das Land hat unzweifelhaft Fortschritte gemacht“, resümiert Osttimor-Expertin Monika Schlicher im Gespräch mit der Katholischen Sonntagszeitung. Sie überwacht als Hauptamtliche für die Organisation Watch Indonesia Menschenrechte, Demokratie und Umwelt in Indonesien und Osttimor. Schließlich habe Osttimor seinen Staat ganz neu aufbauen müssen. „Die Politiker haben verstanden, dass die Bevölkerung Sicherheit und Frieden sucht.“ Aber es gebe noch keinen Anlass, mit Superlativen um sich zu werfen, warnt Schlicher.

Sie sieht vor allem einen Mangel an Gerechtigkeit als Stolperstein auf dem Weg zu einem stabilen demokratischen Rechtsstaat. Die schwersten Verbrechen vom September 1999 sind noch nicht gesühnt. Die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Jahren 1975 bis 1999 sind ebenso niemals vor ein Gericht gestellt worden. Sie sitzen in Indonesien und werden nicht ausgeliefert. „Die beiden Regierung haben sich darauf verständigt, dass es für diese Leute keine weitere Strafverfolgung gibt, weil ihnen gute nachbarschaftliche Beziehungen vielversprechender erscheinen.“

Die indonesische Regierung sollte aber aufgefordert werden, Osttimor bei der Suche nach Verschwundenen zu helfen, Hinweise auf Massengräber etwa weiterzuleiten. Die Gesetzesvorlage für die Errichtung eines Instituts des Erinnerns mit einer Abteilung für die Suche nach Verschwundenen liegt dem Parlament schon seit zwei Jahren vor. „Es macht sich Unmut in der Bevölkerung breit, weil viele das Gefühl haben, dass ihr Einsatz für die Unabhängigkeit im unabhängigen Osttimor nicht anerkannt wird.“

Um der Wahrheit zur Ehre zu verhelfen, ist die Ortskirche selbst stark für Gerechtigkeit eingetreten. Priester und Bischöfe waren während der indonesischen Zeit unmittelbar Zeugen geworden, wie die Besatzungsmacht die Unabhängigkeitsbewegung durch Einschüchterung, Folter und Mord verfolgte. So ereignete sich etwa bereits 1981 an einer Pilgerstätte in Lacluta im Zentrum des Landes, die dem Heiligen Antonius geweiht war, ein Massaker an 500 Frauen und Kindern. Der damalige Bischof von Dili, Martinho da Costa Lopes, beschuldigte die indonesischen Streitkräfte des Massenmordes und trug dies auch dem damaligen indonesischen Diktator Suharto vor. Durch seinen Einsatz fühlten sich viele Timoresen von der Kirche verstanden, ebenso wie durch das mutige Eintreten seines Nachfolgers Carlos Ximenes Belo, der Beweise für die Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat sammelte und dafür 1996 zusammen mit José Ramos Horta den Friedensnobelpreis erhielt: Der Anteil der Katholiken stieg in dieser Zeit von 30 Prozent im Jahr 1975 auf 98 Prozent im Jahr 1999.

Die Menschen suchten in den Kirchen Zuflucht vor den Übergriffen pro-indonesischere Milizen und indonesischem Militär, waren aber letztlich auch dort nicht sicher. Am 6. April 1999 hielten sich 2.000 Timoresen in der Kirche der Ortschaft Liquica auf. Mit Tränengas trieben die Milizen sie zunächst vom Gelände, um sie dann anzugreifen. Bei dem Massaker kamen 60 bis 100 der Schutzsuchenden ums Leben. Das Militär schaffte die Leichen fort. „Bis heute wissen Angehörige nichts über deren Verbleib, und – wie Angehörige anderer Opfer der Verfolgung – warten sie noch auf Reparationen“, sagt Schlicher. Ein Gesetzesentwurf über die Entschädigung von zivilen Opfern harrt noch seiner Abstimmung im Parlament. Derweil ist es die Kirche, die den Menschen wieder nahe ist: Die Jahrestage von Gräueltaten begehen die Menschen gerne mit heiligen Messen im Gedenken an die Toten. „Die Menschen erwarten jedoch mehr, sie brauchen auch ein deutliches politisches Wort der Kirche zur Unterstützung ihrer Forderungen.“

[Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 19./20. Mai 2012]

 

 

 

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