Vermächtnisse im Wüstensand – Auf Jesu Spuren in Ägypten

Die Reisen nach Ägypten des Bestsellerautors Michael Hesemann erschließen seiner Leserschaft das Geheimnis, wie eine Kirche zugleich traditionell und hochmodern sein kann.

Über die Weihnachtsfeiertage habe in meiner Wohnung zwei Schätze entdeckt: Den einen fand ich in einem Stapel Bücher, die sich bei mir zur Rezension angehäuft hatten, nachdem mich die Redaktion von Explizit.net um eine Besprechung eines dieser Exemplare gebeten hatte: „Jesus in Ägypten“ von Michael Hesemann. Lesen Sie im folgenden, warum es mir so wertvoll ist. Ach, das war auch gleich quasi der Pfad zum zweiten Schatz: Mir fiel ein, dass ich eines dieser zusammengerollten Papyrusgemälde von meiner 13. Ägyptenreise vor einem Jahr mitgebracht hatte, das die Heilige Familie auf der Flucht vor König Herodes darstellt. Ich hatte es in der sogenannten Hängenden Kirche erworben, die sich nahe einer der Stationen der Reise Jesu befindet und über die Michael Hesemann in seinem Buch schreibt. Die der Gottesmutter Maria geweihte Kirche gehört zu den ältesten der christlichen Gotteshäuser am Nil. Zwar gibt es Hinweise auf eine Kirche im 3. Jahrhundert dort, allerdings geht der jetzige Bau auf das 7. Jahrhundert zurück. Es war höchste Zeit, dem Papyrusbild nun samt Passepartout und Goldrahmen einen würdigen Platz einzuräumen. Danke, Michael Hesemann für die ausführliche Wertschätzung unserer Glaubensgeschwister am Nil!

Foto: M. Koller

Foto: M. Koller

MÜNCHEN, 9. Januar 2013 (Vaticanista/Explizit).- Seit Rainer Maria Rilkes Ägyptenreise sind nun mehr als 100 Jahre vergangen. Seither folgten dem Dichter berühmte und berüchtigte Deutsche aus sehr unterschiedlichen Motiven an den Nil. Selten war deren Liebe und Hochachtung vor der Kultur und Geschichte so groß wie die des hanseatischen Pastors und großen Koptologen Otto Meinardus (1925 bis 2005). Er lebte und wirkte von 1956 bis 1968 in Ägypten, zu einer Zeit, in der sich Alt-Nazis, ausgediente Wehrmachtgenerale und deutsche Raketeningenieure dort damit beschäftigten irgend etwas auszulöschen, entweder die Realität ihrer Schuld oder den neu entstandenen Staat Israel. Meinardus hingegen war erfolgreich bemüht, etwas dem Vergessen zu entreißen: die Geschichte des ägyptischen Christentums.

„Das Verschwinden der Christen aus der Region ist für die gesamte Christenheit gefährlich“, mahnte kürzlich noch der ägyptische Jesuit Samir Khalil Samir. Sie haben ihm zufolge ein unschätzbar wertvolles Erbe ihren weltweit rund zwei Milliarden Glaubensgeschwistern hinterlassen. Was die Kopten, wie sich die ägyptischen Christen nennen, dazu beitrugen, ist vielfach aufgrund Meinardus‘ Forschungen international bekannt geworden, hüben wie drüben, völkerverbindend sozusagen.

Zu Recht kann Ägypten auch Terra Sancta, Heiliges Land, genannt werden: Im Jahr 1978 veröffentlichte Meinardus Forschungen in dem Band „Auf den Spuren der Heiligen Familie von Bethlehem nach Oberägypten“. Leider werden wohl nur wenige der Ägyptentouristen heute diese Schrift kennen, wie Meinardus‘ Werk insgesamt auch nur ein Geheimtipp unter Intellektuellen zwischen Deutschland und Ägypten bleiben wird. Darum ist es Michael Hesemann als international bekanntem Bestsellerautor mit dem Schwerpunkt der christlichen Archäologie hoch anzurechnen, dass er sich des Themas „Kopten“ angenommen und Orte entlang der überlieferten Reiseroute aufgesucht hat. Er würdigt in seinem neuesten, wieder einmal packend geschriebenen Buch auch Meinardus als „eigentlichen Begründer der modernen Koptologie“ und „intimen Kenner des ägyptischen Christentums“.

Foto: Herbig Verlag

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Der Autor, der zuletzt „Mein Bruder der Papst“ zusammen mit Georg Ratzinger im selben Verlag veröffentlichte, nimmt in „Jesus in Ägypten – Das Geheimnis der Kopten“ seine Leserschaft mit auf eine geistige Reise, von der Geburtsstadt Bethlehem über den Sinai ins Nildelta und an die Küste bis nach Oberägypten. Der Weg führt entlang der steinernen Zeugnisse der römischen und pharaonischen Antike sowie frühchristlicher Zeit. Er stellt ihr lebende Zeugen der christlichen Tradition vor, die im Gegensatz zu vielen ihrer islamischen Landsleute für die Auseinandersetzung mit der Moderne bestens gewappnet sind. Hesemann führt sie dazu in heute stark christlich geprägte Orte ebenso wie in Islamistenhochburgen.

Er erzählt nicht nur von den Märtyrern der frühen Kirche des Evangelisten Markus. Er berichtet auch über die christlichen Opfer jüngster Gewalt: In Alexandria besucht er die koptische Kirche St. Markus und St. Petrus, wo in der Neujahrsnacht 2011 ein Hassverbrechen, verübt durch eine Autobombe, am Ende eines Gottesdienstes 24 Christen tötete und 97 weitere schwer verletzte. Die Stadt an der Nordküste ist eine Wiege der Christenheit, „gleichberechtigt neben Jerusalem, Antiochia und Rom“, wie Hesemann betont.

Schon lange bevor die Islamisten durch den „Arabischen Frühling“ ein neues Selbstbewusstsein erlangten, kam es in der einst multireligiösen Stadt zu regelmäßigen Übergriffen auf Kopten oder „Ungläubige“ aus dem Ausland. Das antike Erbe dieser Stadt ist dort lang vergessen, aber Hesemann erinnert daran, welche Bedeutung sie für die griechische Philosophie, das Judentum und später das Christentum hatte. Die berühmte christliche Katechetenschule von Alexandria, das Didaskaleion, war im Grunde die erste theologische Hochschule der Kirchengeschichte. Deren Lehrer und Schüler, darunter Clemens von Alexandrien und Athanasius der Große, prägten das Christentum grundlegend. „In den fast zwei Jahrhunderten ihrer Blütezeit, zwischen 175 und 350 wurde hier die erste exegetische Methodik entwickelt, wurden Glaubenslehren überprüft und Dogmen formuliert, die bis auf den heutigen Tag für die gesamte Christenheit verbindlich sind“, ist in dem 363-Seiten starken Buch zu erfahren.

Hesemann verweist auf weitere Vermächtnisse des frühchristlichen Ägypten für die gesamte Christenheit: Es ist das Ursprungsland des Mönchtums und der ersten Klosterregel, die der heilige Pachomios verfasste und die zur Geburtsurkunde der christlichen Klöster wurde, sowie des ersten Frauenklosters. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts gründete Demiana, Tochter eines römischen Bezirksstatthalters im nördlichen Nildelta eine Gemeinschaft, die sich dem Fasten und Gebet, der Handarbeit und Lektüre heiliger Schriften widmete. Unter Kaiser Diokletian wurde sie und 40 Jungfrauen ihrer Gemeinschaft zu Märtyrerinnen.

Ägypten war nicht nur reich an lebenden Zeugen für Christus wie auch wundertätigen Wallfahrtsorten, sondern ebenso an schriftlichen Zeugnissen: Im Revolutionsmonat Juli 1952 fand ein Beduine nördlich von Luxor in Oberägypten eine frühe Handschrift der Evangelien nach Lukus und Johannes, datiert auf die Zeit zwischen 175 und 225 nach Christus. Auf abenteuerlichen Wegen, die Hesemann beschreibt, gelangte diese schließlich in die Bibliotheca Apostolica Vaticana.

Der Überzeugung von Architekturhistorikern zufolge hat der dreischiffige Bauplan von Basiliken ägyptische Vorbilder, und zwar in den altägyptischen Tempeln: Hesemann liefert nicht nur kunsthistorische, sondern auch religionsgeschichtliche Anhaltspunkte zur Unterstützung der These, dass das Heidentum, die altägyptischen Gottes- und Jenseitsvorstellungen, eine Vorbereitung auf die Ankunft des Evangeliums gewesen sein könnte.

Der Autor belässt es nicht dabei, das große Erbe der Kopten vor Ort aufzuspüren. Er ist auch ein politischer Kopf, der sich nicht in der Schönheit seiner Geschichten über sanftmütige Mönche und unnachgiebige Märtyrer verliert. So reist er mit der Frage in die Wüste, was er als Katholik für die aktuellen Debatten um Reformen von dieser altorientalischen Kirche lernen kann, die sich offenbar immer noch aus uralter Tradition selbst erneuert. Und er erwartet von den ägyptischen Christen nichts weniger als die Antwort auf die zentrale Frage nach einem Weg in die Zukunft der Schwesterkirche im Westen. Können nach all den Jahrhunderten die Glaubensgeschwister am Nil wieder der gesamten Christenheit grundlegende Impulse geben? Michael Hesemann hält dies für möglich.

Gewiss nicht auszuschließen ist, dass lange kein westlicher Autor, der zugleich ein breites Publikum erreicht, dieser Kirche mit solchem Respekt und solcher Ernsthaftigkeit begegnet ist. Dies öffnete ihm wohl auch die Türen für ein bemerkenswert freimütiges Gespräch mit dem Metropoliten Anba Bishoy in Kairo, zuständig für den ökumenischen Dialog der koptisch-orthodoxen Kirche. Hesemann kann bei der Begegnung den Fragen auf den Grund gehen, warum der Dialog mit Rom letztlich ins Stocken geraten ist und was ihm der Kopte für die Zukunft in Europa mit auf den Weg geben kann. Die geistige Auseinandersetzung in einer zunehmend areligiösen Gesellschaft sollten Gläubige nicht scheuen, rät dieser: „So widerlegen wir die Behauptungen, die von den Atheisten als Argument gegen die Religion vorgebracht werden – nicht dogmatisch, sondern durch Logik und Wissenschaft. Wir sagen nicht: Ihr müsst jetzt an Gott glauben! Wir erklären ihnen aber, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alles das Werk eines intelligenten Schöpfers ist, weit über der Annahme eines Zufalls liegt.“ Und Bischof Damian, Generalbischof seiner Kirche in Deutschland, empfiehlt aus seiner Erfahrung, eine Stärkung der Kirche durch das Mönchtum zu suchen, als Rückkehr zu einer Kraftquelle. „Die Klöster bilden die Lungen der Kirche.“

Hesemanns Reisen nach Ägypten erschließen seiner Leserschaft das Geheimnis, wie eine Kirche zugleich traditionell und hochmodern sein kann.

[Michael Hesemann: Jesus in Ägypten. Das Geheimnis der Kopten. München, 2012. Weitere Informationen beim Herbig Verlag.]

Michaela Koller

 

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