Trost und Hoffnung aus dem Glauben für die Kranken

Die Menschen vergangener Jahrhunderte erkannten noch die Versuchungen, die Leidende und Sterbende ausgesetzt sind, wie der Arzt Klaus Peper berichtet. Papst Benedikt XVI. hat diese Woche noch dazu angehalten, Leiden anzunehmen. Das gilt nicht nur für die Kranken selbst, sondern auch für ihre Umgebung.

Papst Benedikt XVI. hat an die Gläubigen appelliert, im laufenden „Jahr des Glaubens“ auch den Dienst der Nächstenliebe zu verstärken. Wie bereits in seiner Enzyklika „Spe salvi warnte er in seiner in dieser Woche veröffentlichten Botschaft davor, sein Heil in der Vermeidung des Leidens zu suchen. Vielmehr nannte er die Heilige Anna Schäffer aus Mindelstetten als Vorbild in der Annahme des Leidens. In diesem Punkt unterscheidet sich das Christentum im übrigen grundlegend von buddhistischen Vorstellungen über den Umgang mit dem Leid in der Welt. „Es geht also darum, durch eine intensive Beziehung zu Gott im Gebet aus seiner unendlichen Liebe die Kraft zu schöpfen, wie der Barmherzige Samariter dem, der körperlich und seelisch verletzt ist oder um Hilfe bittet, sei er auch unbekannt und mittellos, täglich mit konkreter Aufmerksamkeit zu begegnen“, schrieb der Papst wörtlich anläßlich des bevorstehenden 21. Welttags der Kranken am 11. Februar. An diesem liturgischen Gedenktag Unserer Lieben Frau von Lourdes, wird in diesem Jahr die zentrale Feier im Marienwallfahrtsort Altötting stattfinden. Vaticanista wird daran teilnehmen und darüber berichten. Michaela Koller

FÜRFELD, 10. Januar 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Wie wenig heutzutage noch im Zusammenhang mit schwerer Krankheit und Sterben an den Trost und die Hoffnung aus dem Glauben heraus, die der Papst anempfiehlt, gedacht wird, wurde mir kürzlich in einem Interview mit einem gläubigen Arzt klar: Klaus Peper, seit 1994 Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren im rheinland-pfälzischen Fürfeld bei Bad Kreuznach hat sich im Rahmen seiner Tätigkeit mit dem Thema Sterben auseinandergesetzt. Für die Tagespost sprach Michaela Koller kurz vor Weihnachten mit ihm über die Rolle des Glaubens in der letzten Phase des Lebens.

Klaus Peper; Foto: privat

Klaus Peper; Foto: privat

Sie beschäftigen sich als Hausarzt, der auch Schwerstkranke betreut, mit der Kunst des Sterbens, wie dies einmal genannt wurde. Der Tod, so hören wir häufig, ist zu einem Tabuthema geworden. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?

Peper: Schon am Ende meines Studiums, im Praktischen Jahr, wurde ich einmal vom Chefarzt zurechtgewiesen, weil ich das Bedürfnis hatte, bei einem sterbenden Patienten zu bleiben. “Da kann man doch nichts mehr machen”, hieß es. Ich beobachte, dass die bewusste Gestaltung des letzten Abschnittes des Lebens verloren gegangen ist. Wenn sie an den Zeitpunkt ihres Todes denken, wünschen sich viele, lieber plötzlich tot umzufallen und von dem Sterbeprozess möglichst wenig mitzubekommen. Diese Menschen haben nicht Angst vor dem Tod, sondern Angst vor dem Sterben. Bei Menschen, die Sterbende begleitet haben, ändert sich diese Sicht schon mal. Generell zeigt sich aber heute vorwiegend der Wunsch nach Planbarkeit des Sterbens durch Patientenverfügung und assistierten Suizid. Die Vorstellung von Leiden oder Angewiesensein auf andere erscheint unerträglich. Ich stelle eine Verdrängung des unausweichlichen Todes bis zum letzten Augenblick fest.

Was ist denn an die Stelle getreten?

Peper: Der Konfrontation mit dem Sterben wird medizinische Betriebsamkeit entgegengesetzt. Meist sind sich Ärzte, Patient und Angehörige in dieser Tendenz einig. Weiter verstehen viele unter Todesvorbereitung einerseits die Regelung der Erbschaftsangelegenheiten und andererseits die Bestattungsvorsorge. Die Kreativität bei Bestattungsdienstleistungen nimmt erstaunliche Ausmaße an. Das geht von der Stratosphärenbestattung, bei der die Asche in 30 Kilometer Höhe verstreut wird, bis zum virtuellen Friedhof mit Seiten im Internet für Verstorbene, die kein Grab haben. Damit soll das Trauerbedürfnis der Angehörigen befriedigt werden.

Stellen Sie denn bei gläubigen Menschen eine andere Tendenz fest?

Peper: Das, was ich beschrieben habe, zieht sich durch alle Milieus, und ist auch unter kirchlich gebundenen Menschen so. Es wundert mich in meiner Tätigkeit häufig, dass die Menschen gar nicht mehr von selbst auf die Idee kommen, einen Priester zu rufen. Auch mir fällt es gelegentlich schwer, daran zu erinnern, weil so die Unwiderruflichkeit der Situation deutlich bewusst wird. Ich hätte gedacht, dass mehr Sterbende das Bedürfnis haben, gerade noch etwas in diesem Leben in Ordnung zu bringen und schließlich Gott noch einmal um Reinigung von allen Sünden zu bitten sowie nach der Lossprechung die Eucharistie als Wegzehrung zu empfangen. Doch offenbar hat ein um sich greifender Allerlösungsglaube diese Bedürfnisse zerstört.

Was wissen Sie über den Umgang der Menschen mit dem Tod in früheren Jahrhunderten, als die durchschnittliche Lebenserwartung noch weit geringer war?

Peper: Das lässt sich aus den Zeugnissen früherer Zeiten erschließen. Eines unserer katholischen Grundgebete, das Gegrüßet seist Du, Maria, enthält die Worte: Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Das zeigt, dass diese letzte Stunde im Hinblick auf das weitere Schicksal des Menschen als entscheidend betrachtet wurde.

Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit gab es die Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, als Literaturgattung. In populären, bebilderten Schriften, sollte den Menschen, auch den Analphabeten, die Situation des Sterbenden bewusst gemacht. In Form eines Lehrstücks wurde vermittelt, wie man sein Leben auf gute und glückliche Weise abschließen und sich auf den Übergang in die jenseitige Welt vorbereiten kann. Der Trost und die Ermutigung, die der Sterbende durch Gott und die Heiligen bekommen kann, wurden aufgezeigt.

Es wurden fünf Versuchungen genannt, denen der Leidende und Sterbende ausgesetzt ist: die Existenz der Hölle zu leugnen und sich das Recht auf “Freitod” anzumaßen, an den eigenen Sünden zu verzweifeln, im Leiden sich dem Zorn hinzugeben, die selbstgerechte Heilsgewissheit der Frommen und als fünfte Versuchung, noch in der Todesstunde das Augenmerk auf die Sorge um Erbe und Erben zu richten. Man soll schließlich alles Irdische loslassen und der Fürsorge Gottes anvertrauen.

Sie haben selbst in Ihrer Umgebung Zeugnissen für den Umgang mit dem Sterben aus vergangenen Zeiten nachgespürt. Was fanden Sie?

Peper: Im ehemaligen Kloster Nothgottes in Rüdesheim am Rhein gibt es ein beeindruckendes mittelalterliches Gnadenbild vom auf den Knien betenden Heiland in Todesangst.

Im nur wenige Kilometer entfernten heutigen Franziskanerkloster Marienthal bei Geisenheim lebten ab 1612 Jesuiten, welche, offenbar inspiriert von dem erwähnten Gnadenbild, eine spezielle Form der Spiritualität des Sterbens entwickelten.

Die Menschen waren zu dieser Zeit durch Seuchenzüge in Angst und Schrecken versetzt worden. Der Tod war ihnen somit viel näher als den Menschen heute. Die Jesuiten wollten der damaligen Situation begegnen und haben aus ihrer seelsorglichen Verantwortung heraus sogenannte Todesangstbruderschaften gegründet, andernorts auch genannt Bruderschaften vom guten Tod. Die Mitgliederzahlen gingen in die Tausende und ihre Tradition reichte bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Mitglieder verpflichteten sich, täglich bestimmte Gebete zu verrichten und untereinander für Beistand im Sterben und ein würdiges Begräbnis zu sorgen.

Untrennbar verbunden mit der Ars moriendi ist die Fähigkeit des Loslassens bei den Hinterbliebenen. Ist auch in der Phase der Trauer das Wissen um die tröstende Kraft des Glaubens am Verdunsten?

Peper: Wenn ich als Arzt nach einem unerwarteten Todesfall mit Angehörigen spreche, stelle ich fest, dass es für sie besonders schmerzlich ist, dass sie nicht mehr Abschied nehmen konnten. Die wenigen Tage bis zur Beisetzung sind dann auch noch ausgefüllt mit organisatorischen Aufgaben, so dass auch hier die Trauerarbeit zu kurz kommen kann. Nach der Bestattung fällt der Hinterbliebene dann in ein tiefes Loch.

Früher gab es etwa die Tradition, zwischen Tod und Bestattung gewisse Trauerrituale einzuhalten, Totenwache zu halten und Sterberosenkranz und Totenvesper zu beten. Angehörigen, die sich gut verabschieden konnten, fällt es leichter, sich wieder dem Leben zuzuwenden, nicht in Depression zu verfallen. Die kirchliche Fürbitte für die Verstorbenen hat auch eine psychohygienische Wirkung auf die Lebenden. Vor der Liturgiereform gab es eine Gebetsbitte als Bestandteil der Allerheiligenlitanei: Bewahre uns vor einem plötzlichen Tod. Das müsste eigentlich bei Christen noch lebendig sein.

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