Der Mediziner Carrel und sein unheilvoller Irrtum über den Menschen

Zeuge eines Wunders oder Vordenker des industriellen Massenmordes?

Erster Teil

Von Michaela Koller

LOURDES, 24. April 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Katholische Diözesen und private Pilgerreisenanbieter laden in diesen Tagen zur diesjährigen Pilgersaison nach Lourdes ein. Gläubige, die sich auf die Wallfahrt vorbereiten möchten, erwartet eine Fülle von Literatur. Unter den Toptiteln steht immer noch die Erzählung von Alexis Carrel „Das Wunder von Lourdes“, in deutscher Übersetzung 1951 von der Deutschen Verlagsanstalt herausgegeben. Der Medizinnobelpreisträger von 1912 hatte eine Heilung in dem Wallfahrtsort zu Füßen der Pyrenäen erlebt und diese in dem Buch verarbeitet.

Da es auf dem Zeugnis eines Naturwissenschaftlers beruht und einen nicht natürlichen Vorgang beschreibt, gilt es nach wie vor als Klassiker unter der Lourdes-Lektüre. Es wird nicht nur vielfach im Internet zitiert, sondern bildete auch die Grundlage eines Büchleins aus der Feder des Autors Josef Niklaus Zehnder, unter dem Titel „Dr. Alexis Carrels denkwürdige Reise nach Lourdes. Das große Licht im Leben eines Nobelpreisträgers“ 1992 im Miriam-Verlag in Jestetten bei Freiburg erschienen.

Zu den Heilungsgeschichten des französisch-amerikanischen Mediziners sei eines vorausgeschickt: Die katholische Kirche hat nie eine von Alexis Carrel beobachtete Heilung als Wunder anerkannt. Dieser Umstand allein erlaubt es festzustellen, dass sich Lourdespilger die Lektüre sparen können, da es genügend Literatur über anerkannte Wunder gibt. Auch wäre dieser Artikel an dieser Stelle zu Ende, wenn nicht noch ein weiterer Titel vom selben Autor von katholischen Bloggern empfohlen würde. Und das, obwohl das zweite Buch zu denen mit der mörderischsten Wirkungsgeschichte zählen könnte, angefangen von Ende 1939 bis heute. Auf der Internetseite kath-zdw.ch heißt es in der Information über Lourdes:

„Es ist keineswegs das Urteil eines medizinisch völlig unwissenden Laien, sondern die nüchterne Feststellung eines Augenzeugen, des nichtkatholischen, amerikanischen Arztes Dr. Alexis Carrell, der für seine Krebsforschungen 1931 [sic!] den Nobelpreis erhielt, in der es heißt: ‚Niemals werde ich das erschütternde Erlebnis vergessen, als ich sah, wie ein großes, krebsartiges Gewächs an der Hand eines Arbeiters vor meinen Augen bis auf eine kleine Narbe zusammenschrumpfte; verstehen kann ich es nicht, aber ich kann nicht bezweifeln, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe‘ (veröffentlicht in »The American«, zitiert nach Wilhelm Schamoni, Das wahre Gesicht der Heiligen. Leipzig 1938, 275). Alexis Carrell hat sich in zwei lesenswerten Büchern zu Lourdes geäußert: » Das Wunder von Lourdes« (Stuttgart 1951) und »Der Mensch, das unbekannte Wesen« (List-Bücher Nr. 45, 1955, 121f.).“ Die Initiatoren der Internetseite nennen sich im Urheberrechtshinweis „Zeugen der Wahrheit“ und im Impressum eine „Gruppe von romtreuen und den Glauben bezeugende Laien und Priester“.

Über die ganze Wahrheit des letzteren Buchs legen sie leider kein Zeugnis ab. Möglicherweise sind sie nicht bis zum letzten Kapitel vorgedrungen. Sie dürften der Mär vom bekehrten Agnostiker Carrel auf den Leim gegangen sein. Es sieht aber so aus, als ob das Schicksal immer wieder Carrell Wege zur Umkehr eröffnete. Einladungen, diese Pfade zu beschreiten, schlug er jedoch aus – bis es ein böses Ende nahm: Das Buch „Der Mensch, das unbekannte Wesen“ ist ein pseudo-philosophisches Plädoyer für die Eugenik. „…,und es kann kein schöneres und gefährlicheres Abenteuer geben, als die Erneuerung des modernen Menschen“, schrieb der 1873 in Frankreich geborene Mediziner zunächst euphemistisch. Er warnte darin vor der verhängnisvollen Vorherrschaft der Schwachen. Durch eine Pflege der Starken würden die modernen Völker sich bewahren, nicht aber durch einen Schutz der Schwachen, heißt es in dem Kapitel „Einen neuen Menschen schaffen“.

„Eugenik ist unentbehrlich, wenn man den Bestand der Starken sichern will“, war Carrel überzeugt. Der Vermehrung der Geisteskranken und Schwachsinnigen solle unterbunden werden, denn kein Verbrecher verschulde soviel Elend bei einer ganzen Gruppe von Menschen wie eine Anlage zur Geisteskrankheit. „Wozu erhalten wir alle diese unnützen und schädlichen Geschöpfe am Leben?“ fragte Carrel, der 1902 bereits Zeuge einer Heilung in Lourdes war. In Deutschland habe die Regierung energische Maßnahmen „gegen die Vermehrung der Minderwertigen, Geisteskranken und Verbrecherischen ergriffen. „Die ideale Lösung wäre es, wenn jedes derartige Individuum ausgemerzt würde, sowie es sich als gefährlich erwiesen hat“, heißt es weiter darin.

Das Machwerk verfasste er von 1933 bis 1935; der Mediziner konnte demnach noch nicht die Euthanasiemorde der Nationalsozialisten im Blick gehabt haben, sondern zunächst wohl nur das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933. Das macht es nicht besser. Im Gegenteil. Einige Seiten weiter schlug er vor, dass mit Verbrechern „in humaner und wirtschaftlicher Weise Schluss gemacht“ werde. Er brachte als Tötungstechnik „kleine Anstalten für schmerzlose Tötung“ ins Spiel, „wo es die dazu geeigneten Gase gibt.“ Nun griff Carrel darin auf eine Erfahrung zurück, die die USA seit der ersten Hinrichtung in einer Gaskammer am 8. Februar 1924 in Carson City in Nevada machten und die ihm spätestens seit 1930 zugänglich war: Am 2. Juli desselben Jahres wurde mit der Vergasung von Robert H. White erstmals eine staatlich legitimierte Tötung mit Gas protokolliert. Das war drei Jahre bevor der Mediziner begann, an diesem Buch zu schreiben. Carrel lebte mit Unterbrechungen von 1904 bis 1939 in den Vereinigten Staaten.

An seine Empfehlung der Todesstrafe für Mörder, Kindesentführer und bewaffnete Räuber schließt Carrel einen folgenschweren Satz an, der später beim Nürnberger Ärzteprozess noch zu unheilvollem Ruhm kommen sollte: „Ebenso müßte man zweckmäßigerweise mit jenen Geisteskranken verfahren, die sich ein Verbrechen haben zuschulde kommen lassen.“ Der Nobelpreisträger erkannte demnach nicht den Satz „Nulla poena sine culpa“ an, ließ also keine Schuldunfähigkeit gelten, im Unterschied zu den Rechtssystemen, denen das christliche Menschenbild zugrunde liegt. Die Botschaft von Lourdes hingegen, für die er gerne noch heute als Zeuge zitiert wird, drückt die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen ebenso aus, wie sie von der Möglichkeit der Heilung an Leib und Seele zu jeder Zeit spricht. Carrels Buch „Der Mensch. Das unbekannte Wesen“, noch heute unkommentiert in großen Bibliotheken erhältlich, wurde in 19 Sprachen übersetzt und mit einer Gesamtauflage von einer Millionen Exemplaren in der damaligen Zeit zum internationalen Bestseller. Lourdes sollte also nicht die Stätte sein, die man mit dem Namen Carrel verbindet.

[Erstveröffentlichung: © Explizit.net, 19. April 2013]

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