Geistliche Gemeinschaften als Bewegungsmelder

Ein Treffen mit Kardinal Marx mit Blick auf die Neuevangelisierung

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 24. April 2013 (Vaticanista/Die Tagespost).- Zum Jahr des Glaubens haben Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen einiges zu sagen. Das hat vorigen Sonntag auch Kardinal Reinhard Marx wieder gesehen. Er möchte sie künftig noch stärker im Erzbistum München und Freising berücksichtigen, vor allem mit Blick auf die Neuevangelisierung. Der Kardinal dankte ihnen am Abend im Münchner Liebfrauendom dafür, dass sie an der „ständig neuen Aufgabe der Evangelisierung“ mitwirkten: „Sie können Bewegungsmelder dafür sein, was der Heilige Geist in uns wachrufen will.“ Der österliche Glaube sei Quelle von Lebensfülle und Lebensfreude. Das könnten auch die Menschen in den Geistlichen Gemeinschaften vorleben, wenn sie „zum Osterglauben an den auferstandenen Herren durchbrechen“, sagte der Kardinal vor den Vertretern von rund 25 Gemeinschaften.

Ihr Erscheinungsbild sei vielfältig, stellte der Kardinal bereits vor dem Gottesdienst fest. Es gebe leider in der Kirche die Versuchung, Vielfalt als Störung zu empfinden. „Niemand kann aber alles abdecken“, fuhr er fort. Das bunte Erscheinungsbild sei eine Bereicherung; die Wege der Evangelisierung seien schließlich auch vielfältig. Der Kardinal betonte weiter, Christus sei nicht in die Welt gekommen, um religiöse Bedürfnisse zu befriedigen. Vielmehr handele es sich beim Christentum um eine neue Anschauung der Welt und des gesamten menschlichen Lebens. Neuevangelisierung bedeute daher auch, dass jeder Gläubige immer mehr zur eigentlichen Bedeutung des Evangeliums vordringe.

Was dies heißt, zeigte sich zuvor bei einer Begegnung zwischen Kardinal Marx und rund 60 Repräsentanten. Rund zwei Dutzend darunter stellten ihre Angebote für die Gläubigen und ihr ureigenes Charisma in jeweils zweiminütigen Porträts vor. Eine vergleichbare Zusammenkunft, zu der alle im Erzbistum vertretenen Gemeinschaften eingeladen warenund sich mit ihrem Hirten austauschen konnten, hatte es zuvor noch nicht gegeben. Die Initiative ging von den Gemeinschaften aus, die in den vergangenen Jahren beharrlich anfragten, sich gesammelt dem Kardinal vorstellen zu können. Nun war mit dem Jahr des Glaubens ein wichtiger Anlass gegeben, sich einen ganzen Nachmittag zusammenzusetzen. Schon lange Jahre zeigte sich, dass sie ein Eckstein im Gebäude des Bistums sind und als solcher auch wahrgenommen werden: Diözesanjugendpfarrer Daniel Lerch etwa, der mit allen Trägern kirchlicher Jugendarbeit zusammenarbeitet, war zuvor bereits vom Erzbischof als Geistlicher Assistent Jugend 2000 zur Seite gestellt worden. Und im September 2011 war das Erzbistum München und Freising Gastgeber des jährlich von der Comunità di Sant‘ Egidio organisierten Friedenstreffens, zu dem stets prominente religiöse Würdenträger und Politiker anreisen.

Ihr Münchner Vertreter Jörg Rohde rückte diejenigen Aktivitäten seiner Gemeinschaft in den Fokus, die weniger schlagzeilenträchtig sind, eher aber im Sinne einer „neuen Anschauung der Welt“: So etwa die 30-jährige Tradition der Weihnachtsessen mit den „ärmeren Freunden“ sowie die Aufklärungsarbeit gegen Rassismus unter Jugendlichen, die sie für dieses Phänomen sensibilisierten: Die Sintezza Rita Prigmore arbeitet dabei mit ihnen zusammen. Als Kind machte sie medizinische Versuche im Rahmen der Zwillingsforschungen Josef Mengeles durch. Unter den Folgen leidet sie noch heute.

Und das Team von Jugend 2000 erinnerte den Kardinal an ihre jüngste Mega-Aktion adoptacardinal.org, bei der sich schließlich rund 550.000 Gläubige weltweit registrieren ließen, um jeweils einen Papstwähler besonders ins Gebet einzuschließen. „Wir haben einen wunderbaren Papst bekommen. Vergelt’s Gott für die Arbeit“, bedankte sich die Vertreterin bei Kardinal Marx.

Es gab bei der Begegnung in der ehemaligen Münchner Karmeliterkirche auch weniger Prominente kennenzulernen oder wieder zu entdecken, darunter die charismatische Gemeinschaft Brot des Lebens, die sich einmal in der Woche zusammen mit Gästen zu einem “Lobpreisabend” zusammenfindet. Sie entstand im Jahr 1980 in der Nähe von München, als Mitglieder zweier Gebetskreise den Ruf zu einem verbindlichen, gemeinsamen Leben verspürten und sich daraufhin zusammenschlossen. Im Sommer 1991 wurde die Gemeinschaft durch den damaligen Erzbischof der Diözese Kardinal Friedrich Wetter kirchlich approbiert. Damit ist sie noch jung, verglichen mit der mehr als 100-jährigen Institution Teresiana, die in München ein Studentinnenheim führt. Im Jahr 1911 in Spanien gegründet, begreifen sich diese Laien wie erste Christen inmitten einer (neu)heidnischen Gesellschaft, die sie mittels Erziehungs- und Bildungsarbeit mitverwandeln wollen. „Ihr werdet äußerlich wie die anderen sein, Euch aber durch die Heiligkeit des Lebens von ihnen unterscheiden“, sagte ihr Gründer, der heilige Pedro Poveda.

In den Geistlichen Gemeinschaften bemühen sich zwar mehrheitlich Laien um ein intensiveres religiöses Leben in Gemeinschaft sowie um eine Glaubenserneuerung in der Kirche, aber auch Priester und geweihte Schwestern und Brüder tragen zur Vielfalt bei. Die Gemeinschaft Verbum Dei, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen beging, stellte sich als Missionarische Familie vor: Neben Missionarinnen und Missionaren gehören ihr auch Missionarische Ehepaare an, die in Armut ihrer Berufung unter dem Dach von Verbum Dei folgen. „Im Vorfeld des Jubeljahres stand für uns fest: Intensiver missionarisch zu leben soll durch ein vertieftes, persönliches Gebetsleben geschehen“, berichtete die geweihte Missionarin Angela Reddemann. Sie bestärkte damit Kardinal Marx in seiner Auffassung, dass es bei der Neuevangelisierung auch und vor allem um Vertiefung des Glaubens geht. Mit Glaubenskursen und Exerzitien im Alltag hat auch Verbum Dei einen festen Platz im Gewebe des Bistums. Mit katechetischer Arbeit und monatlicher Eucharistiefeier auf Spanisch richten sie sich auch an Münchens Lateinamerikaner, damit diese den Anschluss an den Glauben ihrer Heimat nicht verlieren.

Im anschließenden Gespräch mit ihrem Hirten kam die Idee einer gemeinsamen Stadtmission auf, bei der sich Kardinal Marx eine Einbindung der Gemeinschaften vorstellen kann. Fest zusagen wollte er aber nur, dass eine Begegnung wie am Sonntag noch einmal wiederholt werde. Dabei betonte er, wie später in seiner Predigt, dass es letztlich um eine Ergänzung gehe, gemäß der Möglichkeiten der Bewegungen. Die Erfordernisse ergäben sich zudem aus der Situation der jeweiligen Pfarrei. „Die Pfarreien bleiben die große Struktur unserer Kirche, aber es gibt auch immer die Versuchung der Sesshaftigkeit.“ Das Evangelium jedoch wolle aufrütteln. „Beim Aufbrechen helfen Geistliche Gemeinschaften, da hilft jeder Mensch, der sagt: Ich habe Christus gefunden“, erklärte Marx. Die Kirche brauche beides: „Tradition, Heimat, Verlässlichkeit des Ortes – und Aufbruch, Exodus, Neugierde auf das, was kommt.“ Das kam auch bei den Geistlichen Gemeinschaften an: „Die Erzdiözese ist ein großes Arbeitsfeld, dass wir auch gemeinsam nicht flächendeckend „bearbeiten“ können; aber jede Gemeinschaft ist aufgerufen, nach ihrem spezifischen Charisma mitzuhelfen, anderen den Zugang zum Glauben zu ermöglichen“, sagte Elisabeth Münzebrock von der Institution Teresiana abschließend.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 23. April 2013]

 

 

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