Mit Geduld und Takt

Bischof Aloysius Jin von Shanghai gestorben

Von Michaela Koller

SHANGHAI, 7. Mai 2013 (Vaticanista/Explizit.net).- Eine der großen Gestalten der Kirche Chinas ist am Samstag vor einer Woche im Alter von 96 Jahren verstorben: Bischof Aloysius Jin Luxian SJ aus Shanghai. Seine Lebensleistung lässt sich in dem Wiederaufbau einer der wichtigsten Diözesen in Festlandchina nach der Kulturrevolution (1966 bis 1976) und nach seiner Gefangenschaft (1955 bis 1982) umschreiben. Sein Einflussbereich ragte aber noch weit darüber hinaus, da er kein geringeres Ziel als die Evangelisierung in dem kommunistischen Land vor Augen hatte. Den Schlüssel dazu erkannte er in der Vermittlung von Glaubenswissen für die Gläubigen und die Bildung von Priestern und Ordensleuten. Zudem ließ er viele Kirchen bauen, wie Katharina Feith vom China-Zentrum in St. Augustin im Gespräch mit Explizit.net berichtete. „Auch publizistisch war Bischof Jin überaus rege, unter anderem publizierte er eine Neuübersetzung des Neuen Testaments sowie Schriften zu Spiritualität, Liturgie und Theologie“, sagte Feith, die den verstorbenen Bischof lange Jahre kannte.

Bischof Jin; Foto: Herder

Bischof Jin; Foto: Herder

Deutschland eng verbunden

Über lange Zeit war Bischof Jin fast jährlich in Deutschland und das China-Zentrum fungierte als Vermittler und Reisebegleiter. Der Jesuit war diesem Land, das er seit 1985 erstmals bereiste, eng verbunden, gipfelnd in dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2006 in seinem Bischofssitz zu einem ausgiebigen Gedankenaustausch. Besonders die katholische Kirche hier behielt er stets in dankbarer Erinnerung: „Als ich das Gefängnis verlassen hatte, lag die Kirche hier danieder. Nachdem ich meinem Vorgänger im Amt nachgefolgt war, verfasste ich Hunderte Briefe an Katholiken in der ganzen Welt, in denen ich um Geld bat, um die katholische Gemeinschaft hier in Shanghai wiederaufzubauen. Das meiste Geld kam aus Deutschland“, sagte der Bischof in einem 2010 in den Vereinigten Staaten veröffentlichten Interview.

Gläubige missbilligten seine Entscheidung

In demselben Gespräch betonte er auch, dass er jedoch kein Geld aus dem Vatikan erhalten habe. Der Hintergrund war die Spaltung der Kirche seiner Heimat. Jin gehörte seit den achtziger Jahren der Offiziellen Kirche in China an, die von Rom nicht anerkannt war. Nach 27 Jahren in der Gefangenschaft wollte er nicht mehr den Weg der Konfrontation gehen und entschied sich dafür, mit den chinesischen Behörden zusammenzuarbeiten. Viele seiner Glaubensgeschwister missbilligten diese Entscheidung. Im Januar 1985 wurde er ohne eine päpstliche Erlaubnis zum Weihbischof geweiht und im Februar 1988 zum Bischof von Shanghai ernannt. Zuletzt war er sogar Ehrenpräsident der chinesischen Katholisch-Patriotischen Vereinigung. Im Jahr 1957 staatlich eingesetzt, sollte diese die Loslösung von Rom befördern, was in der Folge kirchenrechtliche Realität wurde. Auch in der Lehre tat sich mancher Spalt auf, da die KPV gezwungen wurde, die Ein-Kind-Politik mitzutragen. Peking verbot den Katholiken, jeglichen Entwicklungen der Weltkirche nach 1949 zu folgen. Das schloss das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das ein Jahr vor der chinesischen Kulturrevolution endete, mit ein.

Jin, der einstige Student des Konzilstheologen Henri de Lubac, setzte sich Feith zufolge später jedoch für die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Liturgiereform ein. Er überzeugte die Behörden, das Gebet für den Papst in der Heiligen Messe zu erlauben und half die Liturgie auf Chinesisch zu entwickeln. Der Vatikan erkannte Bischof Jin 2004 schließlich als Koadjutorbischof der Diözese Shanghai an. Im Jahr 2005 lud ihn zudem Papst Benedikt XVI. zur Bischofssynode in den Vatikan ein. Gläubige, die Jin schätzen, urteilen: „Während er sich nie in direkter Opposition zur Regierung befand, trug er viel zum Wachstum der Kirche in Shanghai und China bei.“

Die Frage stellt sich, wie Jin diesen Spagat zwischen Peking und Rom schaffte. Eine Erklärung findet sich in seiner Person: „Bischof Jin hatte die Gabe eines Brückenbauers“, schildert ihn Katharina Feith. Sein Vorgehen kennzeichnete wohl auch diplomatische Vorsichtigkeit gepaart mit Beharrlichkeit. In einem im vorigen Jahr noch veröffentlichten Interview erklärte Jin: „In China braucht man zunächst patientia, also Geduld, dann braucht man constantia, sagen wir Beständigkeit oder Durchhaltevermögen, und zuletzt Takt. Nur so kann man seine Ziele erreichen.“

Betrachtung der Dreifaltigkeit als Kraftquelle

Das Zitat stammt aus dem Interviewband, „Christus in China“ – der Bischof von Shanghai Aloysius Jin im Gespräch mit Dominik Wanner und Alexa von Künsberg“, mit Begleittexten des Kölner Sinologen Thomas Zimmer (Herder Verlag). Das Buch liest sich im Nachhinein nun wie ein Vermächtnis des Geistlichen. Neben einem Rückblick in die Vergangenheit des Christentums in China beginnend mit seinen nestorianischen Anfängen im 7. Jahrhundert und kurzen Einschüben zur modernen chinesischen Geschichte vermittelt es kompakt das Leben und Wirken Jins ebenso wie seine Spiritualität und Hoffnungen für die Zukunft des Glaubens in China. Die Herausgeber lassen ihn zunächst von seiner Herkunft erzählen.

Fünf Jahre nach dem Sturz der Qing-Dynastie wurde Jin in eine Familie hineingeboren, die seit mehr als zehn Generationen katholisch war. „Angeblich hat einer meiner Urahnen für Xu Guangqi gearbeitet, ein Schüler von Matteo Ricci und später hoher Beamter in der Ming-Dynastie.“ Schon früh verlor er seine Familie: Als er zehn Jahre alt war, starb seine Mutter, mit 14 war er Vollwaise. Seine einzige Schwester ging ihm in die Ewigkeit voraus, als er 18 war. Mit 22 Jahren trat er in die Gesellschaft Jesu ein, die ihn als Schüler geprägt hatte. Als er am 8. September 1955 verhaftet wurde, war er deren Vizevisitator für China. In der Gefangenschaft gab ihm die Spiritualität und das Lebenszeugnis der Karmelitin Elisabeth von der Dreifaltigkeit die Kraft durchzuhalten. Der Band vermittelt insgesamt ein Bild von einem Priester, dem es zuallererst um das Überleben des Glaubens seiner Vorfahren ging.

In dem Buch wird zudem deutlich: Die Spaltung der chinesischen Katholiken ist in eine Übergangsphase getreten; die harmonisierende Rolle der Religionen in der Gesellschaft erkennt Peking an: Jin trug eigenen Angaben zufolge dazu bei, dass inzwischen nur eine Minderheit der Bischöfe in China kirchenrechtlich illegal sind. Die Mehrheit, Schätzungen zufolge vier Fünftel, ist entweder nachträglich von Rom anerkannt worden, oder andere fanden schon vor ihrer Weihe beiderseitige Zustimmung. Daher ergeben sich inzwischen Überschneidungen zwischen Offizieller Kirche und Untergrundkirche. Der Vatikan wünscht auch eine einvernehmliche Lösung für die Zukunft der Diözese Shanghai. Zusammen mit dem Bischof im Untergrund, dem nur zwei Jahre jüngeren Jesuiten Fan Zhongling, hatte sich Jin auf den Weihbischof Ma Daqin als Koadjutor einigen können. Nach dessen Weihe zum Weihbischof im vorigen Juli erklärte dieser den Austritt aus der Patriotischen Vereinigung und die Behörden hinderten ihn in der Folge daran, sein Amt anzutreten. Aber wie sagte Bischof Aloysius Jin doch in seinem Interview: In China braucht man Geduld.“

[Erstveröffentlichung: © Explizit, 1. Mai 2013]

 

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