Die Koffer sind ausgepackt

Charlotte Knoblochs Lebenserinnerungen

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 14. Mai 2013 (Vaticanista/Explizit).- Für die Leistungen der eigenen Nation im Ausland Wertschätzung zu genießen, kann eine Versuchung sein, Liebe und Stolz miteinander zu verwechseln. Die Liebe zum Vaterland, der Patriotismus, kann so schal oder gar ranzig werden, zu Selbstgerechtigkeit oder gar Nationalismus verkommen. Patriotismus als Eintreten für die demokratischen und rechtsstaatlichen Werte der eigenen Gemeinschaft hingegen ist nur um den Preis echten Einsatzes zu haben. Die Liebe zur Heimat, die im Engagement für andere erst aufkeimte – das ist ein großes Thema des Buchs „In Deutschland angekommen“ von Charlotte Knobloch. Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, die im vorigen Herbst ihren 80. Geburtstag feierte, beschreibt darin die wechselvolle Beziehung zu ihrer Heimat durch acht Jahrzehnte deutsch-jüdischer Geschichte und Gegenwart hindurch.

Foto: DVA

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Knobloch war in dieser Position die Letzte, die die verbrecherische Rassenideologie der Nationalsozialisten noch am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren hat. Noch heute erinnert sich die Tochter des Münchner Rechtsanwalts Fritz Neuland an ihre erste bewusste „Begegnung mit dem Anderssein“, den ersten unmittelbaren antisemitischen Übergriff in ihrem Leben: Es war ein Sommertag in ihrer Kindheit, als sie in einem Hof gegenüber ihres Elternhauses mit anderen Kindern spielen wollte. Doch so fest sie auch an dem Gitter der Eingangstür rüttelt, diese bleibt für sie verschlossen. „Judenkinder dürfen hier nicht spielen“, herrscht sie schließlich die Hausmeistersfrau an. Bereits zuvor war die Familie Neuland durch den antisemitischen Druck auseinandergerissen worden: Knoblochs Mutter war zum Judentum konvertiert und seit Beginn der Nazi-Herrschaft regelmäßig ins Polizeipräsidium vorgeladen worden. Bis sie den Kampf aufgab und ihre Familie samt ihrer vierjährigen Tochter Charlotte verließ. „Ihre Angst war größer als ihre Liebe zu mir“, resümiert Knobloch nun mehr als 70 Jahre später. „Ich schloss Mutter aus meinem Herzen aus.“

Im Gedächtnis haften blieben ihr aber noch die Bilder vom 9. November 1938: Die Progromnacht wurde für sie eine Nacht der Angst, der Flucht und der Zerstörung: „In der orthodoxen Ohel-Jakob-Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße glomm noch Asche“, erinnert sie sich an den Tag danach. Was sie als Kind nie ahnen konnte: Genau 68 Jahre später wird mitten in München aufgrund ihres Einsatzes eine neue Stätte des Gebetes gleichen Namens eröffnet. „Bei meinem Erwachen an diesem Morgen wusste ich mit Sicherheit: Ich war hier angekommen und wollte hier bleiben“, schreibt sie schließlich über den Tag der Eröffnung von Synagoge, Museum und Gemeindezentrum am 9. November 2006.

Lange Zeit zwischen diesen beiden Daten saß Charlotte Knobloch auf gepackten Koffern. Nur dank Kreszentia Hummel, Hausangestellte ihres Onkels, die sie auf ihrem fränkischen Bauernhof versteckte, hatte sie die Shoa überlebt. Ihre Großmutter hingegen, die für sie seit dem Weggang ihrer Mutter sorgte, hatten die Nazis ermordet. Zunächst wollte die damals 13-jährige Charlotte gar nicht mehr aus Franken nach München zurückkehren, in die Stadt, in der sie Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung erlebt hatte. Ihr Vater, der als Zwangsarbeiter überlebt hatte, musste dazu dreimal anreisen und ihre Gastgeberin Druck ausüben. Mit ihrem Mann Samuel, den sie bereits im Alter von 15 Jahren kennenlernte, plante sie nach Ende der Schreckensherrschaft die Auswanderung nach Übersee. Aber es kam anders: „Stück für Stück schoben wir die sprichwörtlichen Koffer, die wir gepackt hatten, um München zu verlassen, immer weiter Richtung Abstellkammer.“ Neuer Antizionismus, der auch mörderisch war, wechselte den alten Antisemitismus ab: Knobloch erinnert in ihrem Buch etwa an die leider längst vergessenen Judenmorde vom Februar 1970, denen insgesamt 55 Menschen zum Opfer fielen und hinter denen wahrscheinlich linksradikale Gruppierungen steckten.

Sie fragte sich natürlich, warum sie ausgerechnet in Deutschland blieb. „Mein Weg zu meiner persönlichen Antwort auf diese Frage war meine Arbeit für die Menschen meiner Gemeinde“, schreibt Knobloch. Das Engagement verlieh ihrem Leben Sinn, ihrem Leben in Deutschland und speziell in München. „Ich bin Lokalpatriotin“, bekennt Charlotte Knobloch gegen Ende ihrer bewegenden Geschichte. Ihre ganzes Leben, mit Ausnahme der drei Jahre des Versteckens, hat sie schließlich in München verbracht: „Ich freue mich, ich fühle mich jedes Mal erleichtert, wenn ich von meinen vielen Reisen nach München zurückkehre.“ So oft sie die Synagoge und das Gemeindezentrum sehe, tanze ihr Herz vor Freude. Der freistehende Sakralbau erinnert durch die Natursteinumkleidung seines Sockels an Jerusalem. Gleich neben der Ohel-Jakob-Synagoge schließt die katholische Kirche Sankt Jakob am Anger mit dem ältesten Kloster Münchens an. Historische Häuser, Cafés und eine Brunnennanlage runden den Jakobsplatz ab: Juden und Christen harmonisch als Nachbarn inmitten der Stadt: Die Stätte wurde zum Sinnbild und zum Kristallisationspunkt für Knoblochs Ankommen, ihre Heimat.

„Ich bin überzeugt: Ja. Nur wer sein Land liebt, wird sich dafür einsetzen. Nur wer weiß, was er an seinem – und ihrem Land hat, wird dafür kämpfen, das Gute darin zu bewahren, das Schlechte zu vertreiben und die Lebensbedingungen ständig zu verbessern,“ bekennt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Und mit diesem Bekenntnis liefert sie auch eine eigene, positive und zeitgemäße Definition von Patriotismus. Knobloch überlässt damit nicht einfach anderen die Deutungshoheit, die laut schreien und ihre Mahnrufe übertönen. „Rechtsextremisten nennen sich ebenfalls Patrioten“, merkt sie in ihrem Buch an. Die Rechten schrieben sich vermeintlich deutsche Werte und Tugenden auf ihre Fahnen. Sie entlarvt sie aber: „Tatsächlich bewegt sie nicht Liebe zum Vaterland, sondern das Verlangen, Freiheit und Demokratie zu zerstören und die Nachbarländer zu unterdrücken oder sie gar mit Krieg zu überziehen.“ Knobloch leitet daraus die Pflicht ab, das zerstörerische Vorgehen mit allen Mitteln des Rechtsstaats zu verhindern. Als Konsequenz tritt sie unermüdlich für ein Verbot der NPD ein.

Zwischenrufe als Ausdruck von Vaterlandsliebe. Eine Liebe, die erst durch Knoblochs Einsatz gewachsen ist. Irgendwas gab ihr die Kraft, trotz allem nie am Menschen zu verzweifeln: Vielleicht war dies der unerschütterliche Glaube an den Ewigen. Knobloch bekennt jedenfalls: „Die frühe Vertrautheit mit meiner Religion hat mich ein Leben lang begleitet. Sie ist mir eine Kraftquelle und inspiriert mich zugleich.“ Sie hatte erlebt, wie ihre Großmutter in der Zeit der zunehmenden Bedrängnis erst recht am Glauben festhielt, den Glauben an denselben Gott, dem auch Kreszentia Hummel gelobt hatte, die kleine Charlotte zu retten. Damit dieser seine schützende Hand über ihre Brüder im Schlachtfeld hält. Sie kehrten nach Ende des Krieges wieder heim.

[Charlotte Knobloch mit Rafael Seligmann. In Deutschland angekommen. Erinnerungen. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2012]

[Erstveröffentlichung: © Explizit, 8. Mai 2013]

 

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