„Vergiss die Armen nicht“

Befreiungstheologie spielt nur noch in Medien eine große Rolle

RIO DE JANEIRO, 25. Juli 2013 (Vaticanista).- Papst Franziskus wird am heutigen Donnerstag erstmals mit Hundertausenden Weltjugendtagspilgern zusammentreffen. Während seines Aufenthaltes ist auch der Besuch eines Armenviertels, der Favela Varginha vorgesehen. „Vergiss die Armen nicht“, soll der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, bis 2010 Präfekt der Kleruskongregation im Vatikan, ihm unmittelbar nach seiner Wahl zum Nachfolger Petri gesagt haben. Welche Rolle aber spielt heute noch die Befreiungstheologie, von der in diesen Tagen wieder reichlich zu lesen ist? Was sind die pastoralen Herausforderungen der Zeit? Michaela Koller befragte bereits vor dem letzten Besuch eines Papstes in Brasilien den damaligen Rektor der Päpstlichen Katholischen Universität zu Rio de Janeiro, Jesuitenpater Jesús Hortal Sánchez. Der 86-jährige Kirchenrechtler und Philosoph ist ein Kenner der pastoralen Situation des lateinamerikanischen Landes und zugleich ein Freund von Papst Franziskus. In diesen Tagen ist er zudem einer der wichtigsten Kommentatoren im brasilianischen Fernsehen zum Besuch des lateinamerikanischen Pontifex. Das Gespräch hat nicht an Aktualität verloren, denn schon damals spielte die Befreiungstheologie in der Realität eine geringere Rolle als in der medialen Virtualität.

In diesen Tagen wird in der internationalen Öffentlichkeit wieder an die Konflikte zwischen Rom und einigen Befreiungstheologen erinnert. Welche Rolle spielen sie denn im Alltag der Gläubigen, etwa in den Basisgemeinden?

Pater Hortal Sanchez: Die Reaktionen in den Gemeinden waren oft emotional, da die theologische Vorbildung nicht ausreichte, um der Auseinandersetzung zu folgen. Die Basisgemeinden spielen aber heute keine so große Rolle mehr. Die Zeit der Befreiungstheologie ist auch vorüber. Ein große Rolle spielen vielmehr inzwischen die neuen geistlichen Gemeinschaften, darunter die Gemeinschaft Emmanuel, die Schönstatt-Bewegung, das Neokatechumenat, comunione e liberazione. Diese kleinen Gemeinschaften haben sehr viel Zuspruch unter den jungen Leuten. Sie sprechen die Gefühle stärker an und geben dem Gebet mehr Raum.

Was wurde in der Neuevangelisierung in den zurückliegenden Jahren erreicht?

Pater Hortal Sanchez: Die Evangelisierung ist ein Grundauftrag der Kirche. Es geht hier vielmehr um die Frage, wie evangelisiert werden soll, wie etwa unter den Armen das Evangelium zu verbreiten ist.

Die Frage nach dem Wie ist anscheinend schwer zu beantworten. Immerhin hat der Anteil der Katholiken in Brasilien abgenommen. Wo sehen Sie die tiefen Ursachen dieses Schwunds?

Pater Hortal Sanchez: Bereits vor vielen Jahren habe ich darüber ein Buch geschrieben und seither haben sind die Gründe dieselben. Man muss berücksichtigen, dass die Kirche sehr institutionalisiert ist. Es dauert zehn, elf Jahre, um einen Priester zu formen. In den evangelischen Freikirchen aber dauert die Ausbildung von Pastoren drei Monate. Die katholische Kirche konnte da in der Vergangenheit nicht schnell genug mit ihrer Pastoral nachkommen, um die religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. So waren die evangelischen Freikirchen und protestantischen Sekten schnell zur Stelle und begierig darauf, die Lücke zu füllen.

Abgesehen von der starken Präsenz, wie erklären Sie denn die Anziehungskraft der evangelikalen Freikirchen und auch vieler Sekten?

Pater Hortal Sanchez: Auffallend ist, wie wenig dort von Theologie gesprochen wird, hingegen viel von Gefühlen und Gottesgaben. Auch moralische Fragen werden sehr vereinfacht behandelt. Gefährlich ist, dass in diesen Gemeinschaften Willensfreiheit und Eigenverantwortung keine Rolle spielen und sie nur von einem satanischen Einfluss sprechen.

Es gibt aber doch auch ein ganz anderes Problem, mit dem wir seit rund zehn Jahren stark konfrontiert sind. Das ist der Atheismus, der sich immer mehr ausbreitet. Man könnte meinen, er verbreitet sich unter den Intellektuellen, nein es sind gerade die Armen, die in Umfragen angeben, gar keiner Religion anzugehören. Im Großraum Rio de Janeiro sind dies inzwischen 15 Prozent. Viele Brasilianer wenden sich auch den östlichen Religionen zu, wobei man da sagen muss, es ist besser einer Religion anzugehören als überhaupt keiner.

Wie sieht es angesichts dieser Situation denn inzwischen mit dem Priesternachwuchs aus? Ist der Mangel immer noch so groß?

Pater Hortal Sanchez: Ja, das ist so, wenn auch die Berufungen in Brasilien deutlich zunehmen.

Noch ist Brasilien die größte katholische Nation der Welt. Wird dies so bleiben?

Pater Hortal Sanchez: Auch wenn der Prozentsatz sinkt, in absoluten Zahlen hat kein anderes Land so viele Katholiken, insgesamt 120 Millionen. Brasilien wird also noch lange, lange Zeit die größte katholische Nation der Welt bleiben. Nur die Glaubensqualität ist manchmal fragwürdig.

 

 

 

 

 

 

 

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