Dreimal Credo für Europa – II

Gastbeitrag zu den geistigen Wurzeln Europas – Teil 1

MÜNCHEN, 26. Juli 2013 (Vaticanista/PEU).- In der Zeitschrift „Paneuropa Deutschland“ ist vorab aus Anlass der Ausstellung „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ in Paderborn ein Artikel über Kontinuität und Wandel in der christlichen Geschichte Europas erschienen. Der Beitrag beinhaltet zugleich eine Würdigung der Bedeutung der Päpste Johannes Pauls II., Benedikt XVI. und Franziskus für die Neubesinnung Europas auf seine geistigen Wurzeln. Das Medium wird von der gleichnamigen ältesten europäischen Einigungsbewegung herausgegeben, die für ein Europa auf der Grundlage eines christlich-abendländischen Wertefundaments eintritt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors Dirk Hermann Voß, internationaler Vizepräsident der Paneuropa-Union, verbreitet Vaticanista in zwei Teilen Auszüge daraus. Den vollständigen Originaltext finden Sie hier.

Von Dirk Hermann Voß

Im Jahr des Gedenkens an das Mailänder Toleranzedikt erleben wir in Europa durch den spektakulären Amtsverzicht Benedikts XVI. und die Wahl von Papst Franziskus als des ersten Pontifex aus einem nichteuropäischen Lands seit 708 einen epochalen Umbruch, den die zumeist oberflächlich berichtenden Medien in Gestalt von wohlfeilen kirchenpolitischen Erwartungen an der Person des neuen Papstes festmachen, dessen geistige Grundlagen jedoch der große Menschenfischer und Paneuropäer aus Polen, Papst Johannes Paul II., und dessen Nachfolger, der Philosophenpapst und Paneuropäer aus Deutschland, Benedikt XVI., gelegt haben.

Nach dem Tod von Johannes Paul II., dem ersten Slawen auf dem Stuhl Petri, der mit seinen Gebeten den Geist Gottes auf die Erde seiner noch kommunistisch beherrschten Heimat und ganz Mittel- und Osteuropas herabbeschworen hatte und damit die Ketten der Unterdrückung Europas sprengte, der Europa mit beiden Lungenflügeln atmen sehen wollte, der nach der Überwindung des Kommunismus vor den materialistischen Gefahren des Kapitalismus warnte, der die Türen weit aufgerissen hat für die Botschaft Christi und bis in sein Leiden und seinen Tod hinein Millionen, darunter unzählige junge Menschen, auf der ganzen Welt begeisterte, wählten die Kardinäle im Jahr 2005, unter dem machtvollen Einfluß des Heiligen Geistes, einen Intellektuellen und vielleicht den subtilsten Kritiker der Gegenwartskultur wie der gegenwärtigen Kirche zum Nachfolger des Heiligen Petrus.

Der Kardinal aus Deutschland hatte 20 Jahre lang als Präfekt der Glaubenskongregation Leben und Wirken von Johannes Paul II. als dessen engster theologischer Berater begleitet. Dabei hat Joseph Ratzinger die reale Kirche und die Kultur des christlichen Europas stets kritisch mit der Kirche verglichen, wie sie nach dem Willen Jesu idealerweise sein sollte. Seine Wahl zum Nachfolger von Johannes Paul II., die vielen im Nachhinein geradezu zwangsläufig erschienen war, die er selbst jedoch immer als Übergang betrachtet hatte, schuf ein bislang einzigartiges geistliches „Doppelpontifikat“, in dem er die Spuren Johannes Paul II. vertiefen sollte.

Während Johannes Paul II. die Massen mitgerissen hatte, schien Benedikt XVI. für einen Augenblick der christlichen Geschichte innezuhalten, wie um den Christen in Europa und weltweit die Möglichkeit zu geben, die geistigen Grundlagen zu reflektieren, auf denen sie stehen und die sie nicht selten leichtfertig verlassen haben. Die Geste des Superstars ist diesem Papst immer eigentümlich fremd geblieben. Seine Wirkung für Kirche und Welt ist nichtsdestoweniger gewaltig. Der Philosophenpapst, der ebenso wenig auf einen „Papst der Bücher“ reduziert werden kann wie das Christentum auf eine „Buchreligion“, wird in Frankreich wegen seiner intellektuellen Brillanz und seinem Rationalismus wie kaum ein anderer Papst vor ihm und in Polen wegen seiner menschlichen Tiefe und seiner engen geistlichen Freundschaft und Verbundenheit mit Johannes Paul II. wie kein anderer Deutscher geliebt und verehrt. Sein Beitrag zur Annäherung und Versöhnung von Polen und Deutschen kann kaum überschätzt werden. Der schlesische Bischof Alfons Nossol sagte nach der Wahl Josef Ratzingers: „Heute ist der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen“.

Der polnische Staatspräsident Komarowski hatte sogar angeregt, den Besuch Benedikts XVI. in Berlin zu einer großen Geste der deutsch-polnischen Freundschaft zu machen, eine Idee, die von der deutschen Bischofskonferenz leider nicht aufgegriffen wurde. In Deutschland ist dieser Papst – mit Ausnahme seiner bayeri-schen Heimat – von vielen gerade wegen seiner intellektuellen Klarheit als Verteidiger grundlegender christlicher Glaubensinhalte und seiner kämpferischen Auseinandersetzung mit krypto-marxistischen und neuheidnisch-libertären Einflüssen – in Kultur und Medien ebenso wie auch in der Kirche selbst – nicht wirklich angenommen worden, was hierzulande gleichzeitig den Blick verstellt hat auf das ganz und gar unkonventionelle Denken dieses Papstes. Zugleich ist sein Denken tief eingebettet in die Tradition der Kirche und die Geschichte des christlichen Europa, die ihre Dialektik und ihre Dynamik, das zeigt auch die Jahrhundert-Ausstellung in Paderborn, immer wieder aus dem Spannungsfeld von Geist und Macht, Beharrung und Bewegung, Tradition und Reform, Hierarchie und Charisma bezieht.

Noch vor seiner Wahl hatte Joseph Ratzinger 2005 als Dekan des Kardinalskollegiums in seiner Predigt zur Eröffnung des Konklaves vor der Diktatur des Relativismus gewarnt, die geeignet sei, die tragenden Fundamente unserer christlichen Zivilisation zu zerstören. Das traf mitten ins Herz aller Ideologen und Pragmatiker, welche die Umwertung aller Werte zum Programm erhoben oder stillschweigend geduldet haben, und brachte ihm postwendend den Vorwurf ein, einen Kreuzzug gegen die Moderne zu führen. Das Gegenteil ist der Fall: Benedikt XVI. hat an der Schwelle der Postmoderne existentielle Fragen zur Zukunft Europas und der Welt gestellt und es erfolgreich unternommen, den christlichen Glauben und seine Folgen für das menschliche und politische Zusammenleben wieder in die Mitte der intellektuellen Debatte Europas zu bringen. Bereits als Kardinal gehörte Josef Ratzinger zu den richtungsweisenden Denkern der Gegenwart und galt als einer der größten christlichen Gelehrten seit Thomas von Aquin.

Als Papst hat er seine erste Enzyklika unter den Titel gestellt „Deus caritas est“ – Gott ist die Liebe. Niemals zuvor hat ein Papst so kühn, so einfühlsam und poetisch und zugleich mit so viel Scharfsinn und großer theologischer und philosophischer Klarheit über die menschliche Liebe und ihren wahren Urgrund in Gott geschrieben. Das Thema seines Lehrschreibens führt mitten ins Zentrum des christlichen Glaubens, der nicht eine abstrakte Theorie, eine museale Reminiszenz oder eine philosophische Anleitung zum besseren Leben ist, sondern die persönliche Beziehung und Freundschaft zu Christus als dem lebendigen Sohn Gottes. Diese persönliche Gottesbeziehung ist es wohl auch, die den Augustinus-Schüler auf dem Stuhl Petri bei seiner Begegnung mit Vertretern der Evangelischen Kirchen während seines letzten Besuches in Deutschland den ehemaligen Augustiner-Mönch Martin Luther wohlwollender würdigen ließ, als dies manche erwartet hatten.

Die Warnung vor einer Diktatur des Relativismus zielte auch auf die bereits von seinem Vorgänger Johannes Paul II. scharf kritisierten Auswüchse des Kapitalismus. Wo ausschließlich das Geld regiert, werden nicht nur Demokratie und Freiheit zerstört, sondern alle menschlichen Werte auf die Frage des Preises nivelliert und der Mensch am Ende einem seelenlosen Moloch geopfert. Das Streben nach Geld und Macht verträgt sich selten mit der „Ökologie des Menschen“ und mit dem Recht, das dem Menschen als göttliches Naturrecht ins Herz geschrieben ist, wie Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch den verdutzten Mitgliedern des Deutschen Bundestages ins Gästebuch schrieb.

In der Geschichte des christlichen Europa und der christlichen Kirche führt ein langer Weg vom Mailänder Toleranzedikt des Jahres 313 bis zu jener Begegnung zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. im Winter des Jahres 1077 in Canossa, wo der exkommunizierte Kaiser im Büßergewand vor dem mächtigen Papst das Knie beugte und so die Aussöhnung zwischen Staat und Kirche, weltlicher und geistlicher Macht im Streit um die Einsetzung der Bischöfen im Reich erreichte. Einen ganz anderen Blick auf die Beziehung zwischen Macht und Geist öffnet die Begegnung mit dem barfüßigen Franziskus von Assisi, der im Jahre 1209 Papst Innozenz III., den mächtigsten Kirchenmann und Politiker seiner Zeit, um die Anerkennung seines Ordens der katholischen Armen (Pauperes Christi) bittet. Frühe historische Quellen berichten von einem geheimnisvollen Traum, den der Papst in der Nacht vor der ersten Begegnung mit Franziskus hatte: Er sah einen armen, kleinen Mann, der mit seinen Schultern die zusammenbrechende, prächtige Papstkirche, die Lateranbasilika, stützt und hält. Der Orden der Minderbrüder erhielt die päpstliche Anerkennung und hat seither in seiner radikalen Gottes- und Nächstenliebe die soziale Kultur Europas über 800 Jahre lang geprägt und zur Identität Europas als einem Kontinent der Humanität entscheidend beigetragen. Gerade weil sie nicht die Maßstäbe der Welt an ihr Leben anlegten, haben die Franziskaner die Geschichte Europas mächtiger und wirkungsvoller gestaltet als mancher noch so mächtige Kirchenfürst.

Dass Papst Franziskus als Angehöriger des elitären Jesuitenorden den Namen des Gründers der Minderbrüder angenommen hat, setzt die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche im Sinne Benedikts XVI. programmatisch um. Indem Papst Benedikt XVI. im Februar diesen Jahres vom Petrusdienst zurückgetreten ist und damit zugleich – nach irdischen Maßstäben – das mächtigste Amt der Welt aus eigener freier Wahl an einen Nachfolger weitergegeben hat, hat er in einer Zeit, in der politisch Mächtige weltweit an ihrer Macht kleben wie Fliegen am Honig und für ihren Erhalt selbst den Tod Hunderttausender Menschen in Kauf nehmen, jede irdische Macht wie nie zuvor relativiert. Mehr Entweltlichung von den Maßstäben der Welt ist nicht denkbar. Mit Benedikt XVI. haben Hierarchie und Charisma in geradezu mystischer Weise zueinander gefunden. Die Tat des Philosophenpapstes ist zugleich eine fundamentale „Kritik von oben“ und die Anfrage an die Christen und an die Kirche und ihre Repräsentanten vom Kardinal bis zur Pfarrgemeinderatsvorsitzenden, über Macht und Glaube, über Sicherheit und Unbehaustheit, über Pfründen und persönliche Demut und nicht zuletzt über die persönliche Beziehung zum lebendigen Christus nachzudenken.

[Erstveröffentlichung: © Paneuropa Deutschland, 1./2. Vierteljahr 2013]

 

 

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