In der Spur des Paradieses

Gemeinsames Musikerbe der Alten und Neuen Welt

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 12. Dezember 2013 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Erst als langsam aufeinanderfolgende Trommelschläge durch die neoromanische Kirche Sankt Anna in München-Lehel dringen, wird deutlich: Das bolivianische Ensemble Moxos fühlt sich ganz der Pflege seiner lateinamerikanischen Traditionen verpflichtet. Seit Mitte September touren die 25 Musiker durch Europa, darunter in Luxemburg, Frankreich und Spanien. Sie haben schließlich auch in München Station gemacht. Flötentöne verstärken den beeindruckenden Zug zur Gabenbereitung. Die Musiker ziehen mit langen Gewändern, Holzperlenschmuck und Ledersandalen tanzend durch das Kirchenschiff; die Männer tragen dazu den prächtigen Federschmuck heimatlicher Vorfahren. Folkloristische Elemente einer insgesamt sehr würdigen Gottesdienstbegleitung.

Das Ensemble bei einem seiner Konzerte Foto: Ensemble Moxos

Das Ensemble bei einem seiner Konzerte Foto: Ensemble Moxos

Zuvor erklangen barocke Kompositionen, nicht minder lebensfroh und ausdrucksstark interpretiert, etwa aus der Sankt-Josephs-Messe des Italieners Giovanni Battista Bassani (1647 bis 1716) oder von Domenico Zipoli (1688 bis 1726). Auch diese lateinischen Stücke sind ihre Musik: Zipoli war zwar italienischer Barockkomponist und zeitweise Organist in der wahrscheinlich ältesten Marienkirche Roms, Santa Maria in Trastevere. Sein Traum war es, in die Jesuitendörfer Lateinamerikas zu gehen, um dort zu musizieren. Die amerikanischen Ureinwohner sollten in diesen Reduktionen vor den Sklavenfängern beschützt leben und den christlichen Glauben kennenlernen. Im Austausch mit den Indios entdeckten die Missionare deren besondere Fähigkeit und Aufgeschlossenheit landwirtschaftliche Techniken zu erlernen und zugleich deren große Musikalität.

Dort entstanden in der Folge nicht nur Dorfgemeinschaften mit fruchtbarer Landwirtschaft und größtmöglicher sozialer Gerechtigkeit, sondern auch die ersten Musikorchester Lateinamerikas. Kein Wunder, dass die bolivianische Gruppe ihr Programm „In der Spur des Paradieses“ nennt. Die Ureinwohner spielten sogar eigene, durch die europäische Musik ihrer Zeit inspirierte Kompositionen, eben nicht nur die Musik Georg Friedrich Händels, Antonio Vivaldis und des genannten Domenico Zipoli, dessen Traum wahr wurde: 1716 trat er dem Jesuitenorden bei und 1717 gelang ihm die Überfahrt nach Südamerika, wo er im argentinischen Cordoba wirkte, jedoch früh verstarb. Mit dem Erlass zur Verbannung der Jesuiten aus den spanischen Besitz in Amerika vom 2. April 1767 durch den spanischen König Carlos III. war das Schicksal dieser gelebten Utopie bis zu ihrem Niedergang besiegelt.

Auch die Musik der Reduktionen verstummte. Die südamerikanische Barockmusik blieb im Verborgenen, bis sie ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt, später editiert und bearbeitet und interpretiert wurde. In Bolivien fand sich in zwei Archiven, darunter im Archivo Musical de Moxos Partituren, darunter Messen, Hymnen und Psalmvertonungen des Jesuiten Zipoli wieder. „Die Vertreibung der Jesuiten stellte wirklich einen bedeutsamen Einschnitt in unserer Geschichte dar“, erklärt Raquel Maldonado Villafuerte, die Dirigentin des Jugendchors und orchesters Moxos. „Die Barockmusik ist aber glücklicherweise Teil unserer Kultur geblieben“, sagt die Bolivianierin. Die Jesuiten brachten diese Kompositionen auch direkt zu ihren Vorfahren:

Darunter war der Schweizer Jesuit Martin Schmid (1694 bis 1772), der bis nach Bolivien reiste und dort nicht nur Kirchen erbaute wie in San Rafael, in San Javier und Concepción, sondern unter den Chiquitos Musik und Instrumentenbau lehrte. „Ich möchte den menschenfreundlichen Gott durch Musik, Gesang und Tanz verkünden.“ Mit diesen Worten zitiert ihn der Franziskanerpater Alfons Schumacher, als das Ensemble Moxos in München die Heilige Messe musikalisch umrahmt. Der Guardian des Klosters St. Anna im Lehel ist Geschäftsführer des Franziskaner-Missions-Vereins in Bayern, der angefragt wurde, als die jungen Musiker eine Übernachtungsmöglichkeit in der bayerischen Landeshauptstadt während ihrer Tournee suchten. Seit mehr als 100 Jahren unterstützt der Verein soziale und pastorale Projekte in deren Heimat. Diese wiederum sammeln mit ihren Auftritten, bei denen es auch CD- und DVD-Aufnahmen ihrer Kunst zu kaufen gibt, für eine neu gegründete Musikhochschule in San Ignacio de Moxos, dem tropischen Nordosten Boliviens, wo das Barock-Erbe gepflegt wird. Die Franziskaner, darunter Bischof Eduardo Bösl, retten, was den Jesuiten einst versagt blieb, fortzuführen. Ein Dutzend Reduktionen sind als Weltkulturerbe anerkannt worden.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 5. Dezember 2013]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Bewegungen - Initiativen, Nachrichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.