Papst gegen den Zeitgeist

Rückblick auf das Pontifikat Benedikts XVI. ein Jahr nach dem Rücktritt

Von Michaela Koller

GESSERTSHAUSEN, 22. Februar 2014 (Vaticanista/Die Tagespost).- Zum ersten Jahrestag seiner Rücktrittankündigung haben Medien weltweit auf Papst emeritus Benedikt XVI. geblickt. Jedoch zu einer tiefer gehenden Rückschau aus diesem denkwürdigen Anlass erging allein zum vergangenen Wochenende eine Einladung in die Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld nahe Augsburg. Möglicherweise wird erst in einigen Jahren ein neuer Blick auf das Pontifikat katholische Foren zu einer neuen intensiveren Beschäftigung mit diesem Papst drängen. Sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein zeigte sich jedenfalls in der vorigen Woche gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters überzeugt, dass langfristig anders über das Pontifikat geurteilt werde, als zur Zeit noch größtenteils.

Eine überwältigende Mehrheit der Beobachter in den Redaktionen weltweit zeichnet das Bild eines Bruchs, der sich mit dem Ende des vorigen Pontifikats vollzogen habe. Unter den Referenten, die in der Abtei unter dem Motto „Benedikt XVI. – Erbe und Auftrag“ zur Rede eingeladen waren, herrschte ein gegenteiliger Konsens: Papst Franziskus und sein Vorgänger unterscheiden sich nur durch Stilnuancen, betonte etwa Prälat Wilhelm Imkamp, Wallfahrtsdirektor von Maria Vesperbild. Publizistisch werde unterschlagen, dass auch der jetzige Papst wie sein Vorgänger die Volksfrömmigkeit hoch achte. Und auf dem Weg der Entweltlichung eine Neuevangelisierung zu befeuern, dieses Bestreben kennzeichne beide Päpste zugleich, wie mit der Ansprache des Dogmatikers Anton Ziegenaus deutlich wurde. Beide verbindet ein Geist der Erneuerung durch die Rückbesinnung auf den Ursprung. „Ohne Benedikt XVI. hätte es keinen Papst Franziskus geben können“, lautete die Grundthese des Politikwissenschaftlers Stefan Ahrens, der Mitglied im ‚Neuen Schülerkreis Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. ist.

Eine zentrale Botschaft bleibt: Schon Benedikt XVI. war ein Reformer. Sein Schüler, der irische Moraltheologe Pater Vincent Twomey, nannte ihn bei der Aufnahme 1992 in die Académie française in den Kreis der „Unsterblichen“ als Nachfolger Andrei Sacharows einen Dissidenten, „weil er die herrschende Meining der westlichen Welt in Frage gestellt“ hatte. „Weil er den Mut hat, dagegen Stellung zu beziehen, ist er auch persönlich eine moralische Autorität geworden“, erklärte Pater Vincent Twomey später in einem Interview.

Ein ganz ähnliches Licht warf in Oberschönenfeld Prälat Imkamp auf das vorige Pontifikat. Er erkennt in dessen Distanz zum Zeitgeist, im Unangepassten, ein Merkmal, dass sich wie ein roter Faden durch die Kirchengeschichte zieht. „Kirche und Spießer: Päpste als (Gegen-)Beispiele. Ein Streifzug durch die Kirchengeschichte“ lautete auch seine launige Stellungnahme. „Die Päpste sind zuerst Diener des Glaubens“, betonte er eingangs, um Erwartungen entgegen zu treten, „die kein Papst erfüllen kann, wenn er noch katholisch bleiben will“. Die Kirche habe hingegen immer „quer zum Zeitgeist“ gestanden. Die Stilnuancierung, die aktuell an ihrer Spitze zu beobachten sei, stehe in einer langen Tradition. Scheinbare Brüche ließen sich oftmals mit der Veränderung der Zeitumstände oder der Wahrnehmung erklären, so auch beim seligen Papst Pius IX. (1846 bis 1878). „Als dieser Papst sein Amt antrat, galt er als ultraliberal.“

Drei Wegmarken ordnen ihn schließlich ganz anders in die Kirchengeschichte ein: Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis 1854, der Syllabus errorum von 1864 sowie das Erste Vatikanische Konzil mit dem Dogma von der Unfehlbarkeit im Konzilsdekret Pastor aeternus von 1870. Den italienischen Einigungsbestrebungen war Pius IX. solange wohlgesonnen, bis er selbst wegen eines Volksaufstandes aus Rom fliehen musste. Als er zwei Jahre später zurückkehrte, begann er mit der Abwehr liberaler Strömungen in einem Klima des Kampfes gegen die Kirche. Die Pressefreiheit war etwa dazu gebraucht worden, den Kirchenhass anzustacheln. Nachdem Pius IX. verstorben war, versuchten Freimaurer, die zu einem Protestmarsch versammelt waren, bei der Überführung des Sarges in die Basilika San Lorenzo fuori le mura diesen in den Tiber zu werfen.

Der Prälat erinnerte daran, dass die katholische Kirche die erste Institution war, die die Gefahren eines ausufernden Kapitalismus und Liberalismus erkannt hat. Ihre Botschaft müsse die Kirche auf jede Zeit neu ausrichten. Das sei ebenso bei Benedikt XVI. mit seiner Warnung vor der Diktatur des Relativismus so gewesen wie auch bei Franziskus‘ Kapitalismus-Kritik. Die Signale der Einfachheit, die der jetzige Papst aussendet, interpretiert Imkamp als Ausdruck seiner Prägung als Ordensmann: „Er versucht als Jesuit weiterzuleben.“ Franziskus sei ein Ordensmann „durch und durch, von altem Schrot und Korn“.

Die Auseinandersetzung mit der Welt und mit dem jeweiligen Zeitgeist entspringt einer grundsätzlichen Weltbejahung. Zu dieser Erkenntnis leiteten die Ausführungen des emeritierten Augsburger Dogmatikprofesssors Anton Ziegenaus, der über „Neuevangelisierung als Entweltlichung“ sprach. Im Unterschied zum Manichäismus halte das Christentum die Welt nicht für etwas Übles, sondern rufe jeden Menschen zur Verwandlung auf. Eine Reform der Kirche wurzele schließlich in der Bekehrung jedes Einzelnen durch die Rückbesinnung auf den Ursprung. Er erinnerte daran, wie die selige Mutter Teresa auf die Frage in einem Interview, was sich in der Kirche ändern müsse, antwortete: „Sie und ich.“ Gerade in der Geschichte der Orden habe es viele Reformbewegungen gegeben. Dabei gelte es, sich im geistigen und nicht im wörtlichen Sinne an den großem Vorbildern wie dem heiligen Franziskus oder dem heiligen Johannes vom Kreuz zu orientieren, um letztlich die „Botschaft des Evangeliums in das Heute zu bringen“.

In den Massenmedien, so konstatierte der promovierte Historiker Marc Stegherr, sei Papst Benedikt XVI. alles andere als reformerisch beschrieben worden. Darin sei zu lesen gewesen, Ratzinger habe sich nach dem Konzil vom Revolutionär zum Erzkonservativen gewandelt. „Meines Erachtens ist das ein bewusstes, interessegeleitetes Missverständnis jener, die den Geist des Konzils über dessen Wortlaut stellen“, sagt er. Das fundamentale Reformkonzept Benedikts XVI. habe nicht hinter das Konzil zurückgehen, sondern es vom Sockel eines Superkonzils herunterholen und in die Kontinuität einordnen wollen. „Wenn man die Messe als das Herz des gelebten Glaubens sieht, versteht man auch seine Diagnose, dass die Krise der Kirche ihren Ursprung in der Liturgie hat“, sagte Stegherr. Das Motu Proprio über die außerordentliche Form des römischen Ritus Summorum Pontificum sei als Wahrung der Einheit des Ritus zu verstehen. Zugleich sei ein Lernen der Reform von der Tradition beabsichtigt, als Rezept gegen die Entleerung des Sakralen. „Er wollte der Kirche ihr kritisches Potential gegenüber dem Geist der Zeit bewahren“.

Der Politikwissenschaftler Ahrens, der Mitarbeiter des Bistums Regensburg ist, sieht keinen Dissens zwischen beiden Päpsten, sondern vielmehr eine hohe Übereinstimmung in ihren Überzeugungen in sozialen und politischen Themen. Als Beispiele nannte er die Zeitdiagnose der Diktatur des Relativismus sowie die der Notwendigkeit der Entweltlichung. Er schilderte den emeritierten Pontifex als einen Papst mit weitem Horizont, dessen Analyse einschließlich seiner Kritik an rein instrumenteller Vernunft Schnittmengen mit modernem politischen Denken wie etwa das Max Horkheimers aufweise.

Die Wirkung, die die Vorstellungen Benedikts XVI. entfalten können, zeichnete Ahrens anhand der eigenen Biographie nach: Der frühere Atheist bemerkte das „demütige“ und „freundliche“ Auftreten des am 19. April 2005 zum Pontifex Gewählten und er begann, sich mit dessen Positionen in dem Interviewband mit Peter Seewald „Salz der Erde“ zu beschäftigen. Es folgte noch die Lektüre von „Einführung in das Christentum“ bis zu jenem Schlüsselmoment, in dem er nicht weiter zögern konnte, das Buch aus der Hand zu legen, um Gott im Gebet anzurufen.

Wie diese Saat aufgehen kann und was Besinnung, Reform und Aufbruch im Geiste Benedikts XVI. bedeutet, beleuchteten der Verleger Bernhard Müller (Fe-Medienverlag / Fatima-Aktion Kißlegg), Miriam Moißl vom Youcat-Team Augsburg in einem Bühnengespräch. Müller sieht in der Vielfalt privater katholischer Medien eine Chance. Er rief vor allem katholische Blogger dazu auf, ihre Chance zu nutzen und persönlich Zeugnis für ihren Glauben abzulegen.

Die neuen Medien spielten auch eine maßgebliche Rolle beim Zustandekommen des Seminars: Das hinsichtlich Alter, Beruf und Bildungswegen heterogene Publikum war der Einladung größtenteils über das soziale Netzwerk Facebook gefolgt, die Veranstalter Alexander Saller dort erstellt hatte. In der Tagung selbst lag etwas Revolutionäres: Hinter Saller steckt keine von Kirchensteuer gestützte Einrichtung. Er ist erst 19 Jahre alt, Schüler in Schwabmünchen bei Augsburg und fühlt sich seit der Rede Papst Benedikts XVI. am 22. September 2011 vor dem Bundestag dazu aufgerufen, im Freundeskreis für dessen Naturrechtsplädoyer zu werben, im realen wie im virtuellen. Der Boden war bei dem damals 16-Jährigen schon bereitet. Schon mit 14 Jahren las er lieber den Philosophen Robert Spaemann anstatt Mathe zu büffeln, wie er in Oberschönenfeld verriet. Auch Saller hofft darauf, dass sich einmal das Medien-Urteil über das achtjährige Pontifikat ändern wird.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 20. Februar 2014]

 

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