Die Reform der Liturgiereform Teil 1

Die Form der Messe als kirchlicher und gesellschaftlicher Streitfall

Von Marc Stegherr

MÜNCHEN, 25. Februar 2014 (Vaticanista).-Ein Jahr nach dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. hat ein Symposium in der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld verschiedene Dimensionen des vorigen Pontifikats Revue passieren lassen. (Vaticanista berichtete.) Am heutigen Dienstag und an den folgenden drei Tagen wird an dieser Stelle die Ansprache von Marc Stegherr dokumentiert. Der in Deutschland und Rumänien tätige Wissenschaftler (Politik, Geschichte und Kirchengeschichte Südosteuropas) hat sich mit dem Liturgieverständnis des emeritierten Papstes auseinandergesetzt und dafür sehr klare Worte gefunden:

Foto: privat

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Viele Medien zeichneten das Pontifikat Benedikts XVI. wiederholt als eine Folge von Fehlentscheidungen und Skandalen sowie als einen Beweis dafür, dass die katholische Kirche offenbar zu einer grundlegenden Reform nicht in der Lage sei. Aufregung entstand auch um das Motu proprio „Summorum Pontificum“ vom Juli 2007, mit dem die alte, überlieferte lateinische Messe wieder freigegeben wurde. In den Medien hieß es, die Kirche verabschiede sich von der Moderne. Sie offenbare ihre rückwärtsgewandte Grundeinstellung. Sie kehre hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurück. Der große Aufbruch nach dem Konzil verwandle sich unter dem regierenden Papst in einen reaktionären Abbruch. Die große Arbeit der liturgischen Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils, die ihre Krönung in der Liturgiereform Papst Pauls VI. gefunden habe, werde konterkariert, ja zerstört. Als Erklärung bietet man an, Ratzinger hätte sich nach dem Konzil, an dem er noch als Berater Kardinal Frings und Freund des Reformflügels mit Küng, Rahner und anderen teilgenommen hatte, von Revolutionär zum Erzkonservativen gewandelt.

Nichts könnte falscher sein. Diese Auslegung fußt auf einem bewussten, interessegeleitetem Missverständnis jener, die den Geist des Konzils über dessen Wortlaut stellen. So hatte dies auch Benedikt in seiner Rede an die Mitglieder der römischen Kurie im Dezember 2005 dargestellt, als er von den zwei Hermeneutiken des Zweiten Vatikanums sprach: „Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, dass zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich ‚Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches‘ nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die ‚Hermeneutik der Reform‘, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität…“.

Die erste Hermeneutik versuchte laut Benedikt glauben zu machen, dass nicht so sehr die Texte des Konzils zählen als vielmehr der Geist, im Namen dessen jede Position, auch die willkürlichste, gerechtfertigt sein könne. Die zweite Hermeneutik entspreche dagegen den Worten Johannes XXIII., der erklärte, dass das Konzil „die Lehre rein und vollständig übermitteln will, ohne Abschwächungen und Entstellungen“. Damit ist das fundamentale Reformkonzept Benedikts XVI. umrissen, das keineswegs hinter das Konzil zurück zu gehen suchte, sondern es von jenem Sockel des Superkonzils, das alle anderen überwunden hätte, herunterholen und wieder in die Kontinuität einordnen wollte. Diese Absicht war freilich ein Schlag für jene, die nur Aufbruch, nur Frühling und neue Freiheit und keinen Bruch sehen wollten. Sie fühlten sich durch die Grundannahme Benedikts vor den Kopf gestoßen, dass die Kirche nach dem Konzil in eine Krise geraten war. Benedikts Reform der Reform verstand sich als dringend notwendige Antwort auf diese Krise. Statt eines Aufbruchs sei Verflachung eingekehrt, Unernst und ewiges Experimentieren, die platte Idee des Augenblicks, wie es schon Ratzinger als Kardinal nannte. Dieser Unernst sei fatal, weil er gerade das Wichtigste, das Heiligste betroffen hätte, die heilige Messe, die zum Spielplatz fortwährenden Reformierens geworden wäre. Wenn man die Messe als das Herz des gelebten Glaubens versteht, versteht man auch Ratzingers Diagnose, dass die Krise der Kirche ihren Ursprung in der Liturgie hat.

Das was man nach dem Konzil, im konziliaren Überschwang, vielfach und an vielen Orten aus der Liturgie gemacht hat, sei ein Bruch. In diesem Sinne hatte sich Benedikt als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation mehrfach geäußert. Man dürfe die Messliturgie nicht am Reißbrett entwerfen, was nach dem Konzil geschehen sei: „An die Stelle der gewordenen Liturgie hat man die gemachte Liturgie gesetzt. Man ist aus dem lebendigen Prozess des Wachsens und Werdens umgestiegen in das Machen. Man wollte nicht mehr das organische Werden und Reifen des durch die Jahrhunderte hin Lebendigen fortführen, sondern setzte an dessen Stelle – nach dem Muster technischer Produktion – das Machen, das platte Produkt des Augenblicks.“ Noch deutlicher äußerte sich der Kardinal 1975: „Aber das Frösteln, das einem die glanzlos gewordene nachkonziliare Liturgie einjagt, oder einfach die Langeweile, die sie mit ihrer Lust zum Banalen wie mit ihrer künstlerischen Anspruchslosigkeit auslöst.“ In einem Gespräch mit Schriftsteller Vittorio Messori 1998 bekräftigte er dieses Urteil: „Seit ich diese Zeilen schrieb, sind weitere Aspekte, die hätten bewahrt werden müssen, vernachlässigt, viele noch erhalten gebliebene Schätze vergeudet worden.“

Kardinal Ratzinger kritisierte rationalistische Verflachung, geschwätziges Zerreden des Geheimnisses, pastorale Infantilität, die Liturgie als Gemeindekränzchen und Bild-Zeitungs-Verständlichkeit. Mag er als Papst auch weniger deutliche Worte gewählt haben, die Botschaft blieb die gleiche. In seinen Erinnerungen „Aus meinem Leben“ schrieb er: „Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht…“ Dass Papst Paul VI. das alte Missale fast vollständig verbot, nennt der Papst in seinen Erinnerungen „tragisch“: „Das nun erlassene Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war, hat einen Bruch in die Liturgiegeschichte getragen, dessen Folgen nur tragisch sein konnten“ . Aus den Worten Benedikts ergibt sich fast zwangsläufig, dass eine Reform, eine wahre Reform, wie sie das Konzil wollte, nicht in einer weiteren Verweltlichung, einer noch stärkeren Verheutigung der Messe bestehen könne, wie es oft genug immer noch gefordert wird, sondern dass das Geheimnis, die Anbetung wieder stärkere Bedeutung gewinnen müsse. Benedikt gab die alte Messe nicht etwa frei, um den Traditionalisten ein Geschenk zu machen und seine „reaktionäre“ Gesinnung zu beweisen. Vielmehr ging es ihm darum, die Einheit des Ritus zu wahren, wie es Robert Spaemann formulierte. Die „phänotypische Erscheinung der „neuen Messe“ dürfe sich nicht von der der alten so weit entfernen, „dass die Identität des Ritus unsichtbar wird und nur noch gegen den Augenschein verbal versichert werden kann“. Da dieser Zustand aber bereits seit langem eingetreten sei, bedürfe es einer Reform der Reform, wie sie Kardinal Ratzinger wiederholt gefordert hatte.

[Ende Teil 1; Teil 2 folgt am 26. Februar 2014]

 

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