Die Reform der Liturgiereform Teil 2

Die Form der Messe als kirchlicher und gesellschaftlicher Streitfall

Von Marc Stegherr

MÜNCHEN, 26. Februar 2014 (Vaticanista).- Ein Jahr nach dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. hat ein Symposium in der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld verschiedene Dimensionen des vorigen Pontifikats Revue passieren lassen. (Vaticanista berichtete.) Seit Dienstag wird an dieser Stelle die Ansprache von Marc Stegherr dokumentiert. Der in Deutschland und Rumänien tätige Wissenschaftler hat sich mit dem Liturgieverständnis des emeritierten Papstes auseinandergesetzt und dafür sehr klare Worte gefunden: „Die Krise der Kirche hat nach Auffassung des emeritierten Papstes ihren Ursprung in der Liturgie.“

Die Reform der Reform bedeutet Maßnehmen an der Tradition, an der liturgischen Überlieferung, die nicht nur sichtbar, sondern leider oft genug auch hörbar unterbrochen wurde. Der gregorianische Choral wich der rhythmischen Kirchenmusik, die Gesten, die den Umgang mit dem Heiligen unterstrichen, wurden reduziert oder ganz abgeschafft. Dazu gehören jene vielzitierten Dinge, die das Konzil niemals geändert wissen wollte, wie die Gebetsrichtung des Priesters, der Friedensgruß, den nicht mehr nur zelebrierender Priester und Diakon austauschen, die Kniebeugen etwa beim „et incarnatus est“ oder die Mundkommunion. Benedikt XVI. machte nicht von ungefähr bei den Papstmessen diese Form der Kommunion zur Regel, oder er regte an, wenn die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Gemeinde nicht möglich sei, zumindest ein Kreuz sichtbar auf den Altar zu stellen, damit die Messe nicht zum reinen Dialog zwischen Priester und Gemeinde werde.

Dieses Maßnehmen, das Lernen der Reform von der Tradition, ist nur möglich, wenn die überlieferte Messe, die von Benedikt XVI. so genannte außerordentliche Form des römischen Ritus, frei und ungehindert zelebriert werden kann. Das Motu proprio bestimmte, dass jeder Priester, der dies wünscht, in der alten Form zelebrieren dürfe, ohne vorher die Erlaubnis des Ortsbischofs einzuholen – was vor 2007 die Zelebration erheblich erschwert, wenn nicht verhindert hatte. Das geschah trotz aller Ermahnungen Papst Johannes Pauls II., Großmut walten zu lassen, wie er das im Motu proprio „Ecclesia Dei“ von 1988 getan hatte, jener Erklärung, die auf die unerlaubten Bischofsweihen Erzbischof Lefebvres gefolgt war. Doch auch nach der Freigabe blieb der Gegenwind nicht aus. Die deutsche Bischofskonferenz verlangte im Widerspruch zum Wortlaut des Motu proprio, nur Geistliche, die auch in der ordentlichen Form zelebrieren würden, dürften die tridentinische Messe feiern. Damit würden Angehörige der Petrusbruderschaft oder des Instituts Christus König und Hoherpriester nicht in Frage kommen, die nur die alte Messe feiern, das aber mit der ausdrücklichen Zustimmung Roms tun, und auch mit Rom verbunden sind. Man wollte offenbar keine Stärkung der sogenannten Gemeinschaften der Tradition, die Benedikt gewissermaßen als Transmissionsriemen seiner Reform der Reform sah.

Auch kritisierte etwa Erzbischof Robert Zollitsch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz auf der Herbsttagung der Bischöfe in Fulda 2008, dass sich Gläubige zu Alte-Messe-Gruppen zusammenfänden, obwohl genau das im Motu proprio so vorgesehen war. Zuständig seien, erklärte Zollitsch, allein der Pfarrer und der Bischof. Zudem meinte der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff, es könne keinen Rechtsanspruch auf die alte Messe geben. Rom war über die deutschen Bischöfe und ihren hinhaltenden Widerstand gegen das Motu proprio verärgert. Kardinal Dario Castrillón Hoyos stellte fest, „dass die Katholiken einen rechtlichen Anspruch auf die älteren Riten haben und dass die Pfarrer und Bischöfe die Bitten und Anfragen der Gläubigen, die danach verlangen, erfüllen müssen. Das war der ausdrückliche Wille des Papstes, der in Summorum Pontificum in einer Weise juristisch niedergelegt ist, die von allen kirchlichen Oberen und Ortsbischöfen respektiert werden muss.“ Die ältere Form des römischen Ritus, erklärte der Kardinal am 14. Juni 2008 in London, solle nach dem Wunsch des Papstes „regulärer Bestandteil des liturgischen Lebens der Kirche“ werden, „damit alle Gläubigen – die jungen wie die alten – sich mit den alten Riten vertraut machen und von ihrer spürbaren Schönheit und Transzendenz profitieren können. Der Heilige Vater will das sowohl aus pastoralen als auch aus theologischen Gründen.“

[Teil 1 des Beitrags von Marc Stegherr erschien am 25. Februar; Teil 3 erscheint am 27. Februar]

 

 

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