Die Reform der Liturgiereform Teil 3

Die Form der Messe als kirchlicher und gesellschaftlicher Streitfall

Von Marc Stegherr

MÜNCHEN, 27. Februar 2014 (Vaticanista).- Ein Jahr nach dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. hat ein Symposium in der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld verschiedene Dimensionen des vorigen Pontifikats Revue passieren lassen. (Vaticanista berichtete.) Seit Dienstag wird an dieser Stelle die Ansprache von Marc Stegherr dokumentiert. Der in Deutschland und Rumänien tätige Wissenschaftler hat sich mit dem Liturgieverständnis des emeritierten Papstes auseinandergesetzt und dafür sehr klare Worte gefunden: „Die Krise der Kirche hat nach Auffassung des emeritierten Papstes ihren Ursprung in der Liturgie.“

Foto: privat

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In seiner Predigt zum Fronleichnamsfest 2012 wies er auf zwei wesentliche Dinge hin, die in der Zeit nach dem Konzil im Gottesdienst verloren gegangen seien: die Anbetung und die Heiligkeit. Der Gottesdienst würde vor allem als liturgische Versammlung betrachtet und hätte sich fast zu einer Theateraufführung entwickelt, in der es wichtiger sei, wer welche Aufgabe übernimmt und wie der Gottesdienst ‚gestaltet‘ wird, als der, dem im Gottesdienst gedient werden soll. Man naht dem Heiligtum nicht mehr in Anbetung, wie Moses, der sich die Schuhe auszog, als er sich dem brennenden Dornbusch näherte. Vielmehr macht man es sich im Heiligtum bequem, wenn zum Beispiel der Priester seinen Sitz vor dem Heiligtum einnimmt oder selbst Konzerte vor dem Allerheiligsten stattfinden.

Dieser unfromme Zugang musste, so der Papst, die Sakralität in Mitleidenschaft ziehen. „Das Heilige ist das, was Gott ausschließlich gehört. Niemand, der nicht eigens von ihm dazu bestimmt ist, darf ihm nahen, es berühren, mit ihm umgehen.“ Auch sollte im Heiligtum Stille herrschen, heiliges Schweigen, weil den Menschen vor Gott heilige Scheu befällt. „Er wird demütig, geht in sich, sammelt sich und öffnet sein Ohr: ‚Rede Herr, dein Diener hört.‘“ Diese demütige Distanz ist dem modernen Menschen fremd geworden, aus vielen Gründen, die oft und ausführlich beschrieben wurden. An erster Stelle steht wohl die von der Kirche nachgeholte, verspätete Modernisierung, die Entmythologisierung, die weniger die Frömmigkeit und Versenkung, das Jenseits im Blick hat als die sozialpolitische Wirksamkeit des Christlichen. Das kommt einer weit verbreiteten Haltung der modernen Gesellschaft entgegen, die, was Benedikt immer wieder monierte, das Christentum nur insoweit gelten lasse als es eine soziale Funktion erfülle. Alles Transzendente sei interessante Zutat, aber gesellschaftlich nicht relevant.

Hier knüpft Benedikts Reform der Reform an den Hauptvorwurf an, den er gegen die Moderne erhob, an den Relativismus, der sich zur Diktatur auswachse. Die Moderne wolle nicht nur die Frage nach der Wahrheit als nicht beantwortbar, die Wahrheit an sich als Sache einer fortwährenden Abstimmung auflösen. Sie lehnt vor allem jenen Wahrheitsbegriff als Begriffsspielerei ab, der sich auf eine transzendente Begründung stützt. Diesem Relativismus muss rational nicht sofort Erfassbares wie das Geschehen in der Messe zum Opfer fallen, aber auch die geistliche Bedeutung des zölibatären katholischen Weihepriestertums, das ja landauf landab angeblich nicht mehr verstanden werde, und auch biblisch nicht zu begründen sei. Dass selbst die heilige Messe weithin nur noch als soziale Veranstaltung empfunden wird, zu der man zusammenkommt, um sich, wie es salopp heißt, über die „Sache Jesu“ auszutauschen, die auf ein rein immanentes Friedens- und Liebesprojekt reduziert wird, passt zum Verdacht, dass auch die Kirche vom Relativismus nicht verschont geblieben ist.

Benedikt XVI. hat nicht von ungefähr den heutigen Geistlichen wieder eine Priestergestalt als Vorbild ins Gedächtnis gerufen, die ganz und gar nicht zeitgemäß ist, und auch prompt von Kirchenkritikern wie dem Engländer John Cornwell als mittelalterlich, ja widerwärtig und fundamentalistisch verworfen wurde: der heilige Pfarrer von Ars, Johannes Maria Vianney. Benedikt ermahnte die Priester nach dem Vorbild des Pfarrers von Ars, sich in das Kreuzesopfer einzufühlen. Sie dürften niemals resignieren, „wenn sie ihre Beichtstühle verlassen sehen, noch sich darauf beschränken, die Abneigung der Gläubigen gegenüber diesem Sakrament festzustellen.“ Benedikt erinnerte an die angemessene Keuschheit des Priesters, „der gewöhnlich die Eucharistie berühren muss und der sie gewöhnlich mit der ganzen Begeisterung seines Herzens betrachtet und sie mit derselben Begeisterung seinen Gläubigen reicht“.

Benedikt XVI. kehrte daher nicht von ungefähr zur alten Praxis der Mundkommunion zurück, zumindest in den Papstmessen, empfahl sie den Geistlichen aber auch als ein entscheidendes Element, das die reformierte von der alten Messe übernehmen und wieder zur eigentlich üblichen Praxis machen könne. Robert Spaemann schrieb vor kurzem, die Glaubenskongregation hätte auf Anfrage erklärt, die Handkommunion beruhe auf einem Indult, während die Mundkommunion nach wie vor die Normalform des Kommunionempfangs sei. Die Handkommunion leiste, wie Benedikt selbst feststellte, einer Relativierung Vorschub. Der Herr im Sakrament wird nicht mehr als unendlich kostbares Geschenk empfunden, den wir kniend empfangen, sondern als Teil eines Mahles, zu dem jeder eingeladen ist, ob würdig oder nicht. Dass diese Frage oft nicht mehr verstanden wird, wie Benedikt am Beispiel des Pfarrers von Ars ausführte, hat direkt mit dem Verschwinden des Beichtsakraments zu tun.

Das Gegenrezept gegen den Relativismus, gegen die fortgesetzte Modernisierung und Entleerung des Sakralen könne nur eine konsequente Entweltlichung sein. Dieser Begriff wird allzu oft missverstanden. Das zeigt sich auch daran, dass gerade die Kritiker des deutschen Papstes, die sein Pontifikat als Rückschritt, als Misserfolg verwarfen, diesen Begriff gegen ihn verwandten. Im Gegensatz zum prachtliebenden deutschen Pontifikat sei das seines argentinischen Nachfolgers doch ein echter Beweis gelebter Entweltlichung. Was Benedikt meinte, war jedoch nicht eine Sack-und-Asche-Kirche. Er meinte mit dem heiligen Franziskus von Assisi, dass im Gottesdienst nichts wertvoll genug sein könne, weil man das was man liebt auch schmücken möchte. Daher geht auch der der gängige Vorwurf des Ästhetizismus, den man zuweilen gegen Anhänger der alten Messe erhebt, am Thema vorbei. Benedikt meinte mit Entweltlichung vielmehr, man solle sich das Verständnis des Katholischen nicht länger von einer Welt diktieren lassen, die entweder die katholische Lehre aus einem oberflächlichen Vorurteil ablehnt oder die sie offensiv bekämpft. Der sakrale Bereich müsse wieder sein Eigenrecht erhalten, und nicht fortwährend an dem gemessen werden, was eine kirchenferne oder dem Katholischen weitgehend entfremdete Öffentlichkeit für zeitgemäß hält.

Das Ergebnis der Umfrage zur kirchlichen Sexualmoral hat das klar dargetan. Das Sakrale ist das, wie der Schriftsteller Martin Mosebach feststellte, was dem Zweckdenken der Welt entzogen ist. Wenn die Messe einem politischen Zweck dienen soll, so löblich dieser auch sein mag, ob es der Weltfrieden oder die Toleranz ist, dient sie nicht mehr dem, dem sie allein dienen soll, der Verehrung des Höchsten, dessen Opfer auf dem Altar unblutig wiederholt wird. Die Messe, die Liturgie sei, so denkt wiederum Mosebach, ein Mysterium, jedoch nur in dem Sinne, als es Vollzug ist, „der aber nur den Eingeweihten in seiner Bedeutung einsichtig ist: die Wahrheit, die nicht verstanden, sondern angeschaut werden will, wie der Erlöser selbst, der auf die Pilatus-Frage ‚Was ist Wahrheit?‘ nicht antworten muss, weil seine Gegenwart die Antwort bereits gegeben hat“. Diese Wahrheit, die in Christus Mensch geworden ist, und die Forderungen, die sich aus ihr ableiten, sind in der Moderne eine derartige Provokation, dass sie dagegen alles aufbietet, was ihr zu Gebote steht.

[Teil 1 erschien am 25.2.; Teil 2 am 26.2; Teil 4 erscheint am 28.2.]

 

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