Die Reform der Liturgiereform Teil 4

Die Form der Messe als kirchlicher und gesellschaftlicher Streitfall

Von Marc Stegherr

MÜNCHEN, 28. Februar 2014 (Vaticanista).- Ein Jahr nach dem Rücktritt Papst Benedikts XVI. hat ein Symposium in der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld verschiedene Dimensionen des vorigen Pontifikats Revue passieren lassen. (Vaticanista berichtete.) Seit Dienstag wird an dieser Stelle die Ansprache von Marc Stegherr dokumentiert. Der in Deutschland und Rumänien tätige Wissenschaftler hat sich mit dem Liturgieverständnis des emeritierten Papstes auseinandergesetzt und dafür sehr klare Worte gefunden: „Die Krise der Kirche hat nach Auffassung des emeritierten Papstes ihren Ursprung in der Liturgie.“ Lesen Sie den vierten und letzten Teil des Vortrags.

Foto: privat

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Benedikt XVI. ist auch fest davon überzeugt, dass die säkulare Zivilgesellschaft ein Gegengewicht braucht, um nicht zur Diktatur auszuarten. Der Glaube und die Kirche, da sie im Zuge der Hermeneutik der Diskontinuität schon zu sehr an Klarheit und Festigkeit verloren hatten, sollten wieder als Gegenkraft etabliert werden. Die Anhänger der Diskontinuität, sozusagen die Säkularen in der Kirche, fielen als Unterstützer aus. Für sie war Benedikts Reform der Reform ein verkappter Abbruch des konziliaren Aufbruchs. Benedikt wollte keine oberflächliche, äußerliche Strukturreform, die auch das Konzil nicht wollte, sondern er wollte der Kirche ihr kritisches Potential gegenüber dem Geist der Zeit bewahren. Da die Hermeneutiker der Diskontinuität als Bundesgenossen ausfielen, gedachte er jene zu stärken, die von der Freigabe der alten Messe am meisten begeistert waren und dadurch Aufwind erhielten – die sogenannten Gemeinschaften der Tradition, in erster Linie freilich jene, die mit Rom verbunden waren. Dass Benedikt die Versöhnung der Priesterbruderschaft St. Pius X. mit Rom für möglich hielt und engagiert vorantrieb, durch Gespräche und auch Zugeständnisse, spricht nicht gegen ihn und sein Urteilsvermögen. Er kannte die Gemeinschaft Lefebvres wie kaum ein anderer, hatte er doch schon 1988 das Tauziehen mit dem streitbaren französischen Bischof bis zur Exkommunikation der vier von Lefebvre geweihten Bischöfe aus nächster Nähe erlebt. Er war vielleicht zu optimistisch, als er annahm, die Bruderschaft könnte ihre internen Konflikte überwinden. Wenn sie auch dem Papst dankbar war für seine Freigabe der alten Messe, war der Druck auf die Kompromissbereiten in der Bruderschaft doch zu hoch. Die skandalösen Äußerungen des englischen Bischofs Richard Williamson, die dieser wohl auch getan hatte, um die Versöhnung zu torpedieren, diskreditierten das ganze, wohlmeinende Projekt Benedikts XVI. in der Öffentlichkeit.

Wer sich ebenfalls positiv über „Summorum Pontificum“ äußerte, was häufig vergessen wird, war die Orthodoxie. Sie hatte auf die Liturgiereform reserviert reagiert, und lobte das Motu proprio als gutes Zeichen. Gerade die modernekritische russische Orthodoxie reagierte allgemein positiv auf die Bemühungen Benedikts XVI. um eine Reform der Reform, auf seine Kritik an der Diktatur des Relativismus, was jüngste Äußerungen orthodoxer Würdenträger nur im Nachhinein belegen. Seine Freigabe der alten Messe war kein Spleen, kein Geschenk an unverbesserliche Traditionalisten. Sie war der Versuch, die Kirche wieder zu einer Zeitkritik aus der Kraft des Sakralen zu befähigen und nicht nur aus der Kraft des Sozialen. Denn die säkulare, moderne Gesellschaft stellt sich gerade in Europa immer stärker gegen die Kirche. Prophetisch klingt das, was Kardinal Ratzinger 1996 im Gespräch mit Peter Seewald sagte („Salz der Erde“): „Es gibt sehr wohl Lebensbereiche – und gar nicht wenige – in denen heute bereits wieder Mut dazu gehört, sich als Christ zu bekennen. Vor allem wächst die Gefahr angepasster Christentümer, die dann als menschenfreundliche Weisen des Christseins von der Gesellschaft freudig aufgegriffen und dem vorgeblichen Fundamentalismus derer gegenübergestellt werden, die so stromlinienförmig nicht sein mögen. Die Gefahr einer Meinungsdiktatur wächst, und wer nicht mithält, wird ausgegrenzt, so dass auch gute Leute nicht mehr wagen, sich zu solchen Nonkonformisten zu bekennen. Eine etwaige künftige antichristliche Diktatur würde vermutlich viel subtiler sein als das, was wir bisher kannten. Sie wird scheinbar religionsfreundlich sein, aber unter der Bedingung, dass ihre Verhaltens- und Denkmuster nicht angetastet werden.“

[Teil 1 erschien am 25. 2.; Teil 2 am 26. 2.; Teil 3 am 27. 2.; mit Teil 4 ist die Serie abgeschlossen]

 

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