Bringste mir’n Keks mit?

Alexandra Maria Linders Familienkolumne aus dem Vatican-Magazin

ROM, 24. Juni 2014 (Vaticanista/Vatican-Magazin).- Als wir das Gebäude betreten, prangt auf der Anzeigetafel „Handy aus?“ und „Bitte Ruhe!“. Ein Herr im Anzug mit lila-hellblau gestreifter Krawatte begrüßt uns – wird wohl der Manager sein. Die Reihen füllen sich, die Stimmung ist gut, die Veranstaltung beginnt. Der Herr im Priestergewand kommt mir bekannt vor, ah ja, das ist der Manager von eben. Er lächelt die Gemeinde an, die sich zur Feier der Heiligen Erstkommunion zahlreich versammelt hat, und fordert sie freundlich auf, trotz des Chores ruhig auch mal mitzusingen. Der kleine Chor singt wirklich sauber, außer ihm und uns gibt es eine Handvoll weitere mutige Sänger, die die lieblichen Friedensliedchen kennen oder tatsächlich noch Noten lesen können. Und, fährt der Priestergewandete fort, weil das heute so schön und gemeinschaftlich sei, lade er sämtliche Anwesende ein, an der Kommunion teilzunehmen:

„Es ist nicht so wichtig, ob Sie gläubig sind oder ob Sie genau wissen, was das bedeutet. Kommen Sie einfach.“ Dann beginnt die heilige Messe. Wir singen über Sonne, Friede, Freude, Eierkuchen. Die Lesung wird durch ein Kindergartenspielchen ersetzt: Da ist ein Blümchen im Wüstchen, die großen Tierchen möchten es nicht gießen und ihm keine Erde besorgen. Nur das Kolibrichen flattert zu den fleißigen Ameischen, und mit vereinten Kräftchen bringen sie das Blümchen zum Wachsen. Nach dem verkürzten Hochgebet werden wir von der plötzlich einsetzenden Wandlung so überrascht, dass die spärlichen Katholiken gerade noch rechtzeitig merken, dass man sich jetzt hinknien könnte. Die Belegschaft der ersten drei und der übrigen dreißig Reihen dreht sich um und hin und her, weil sie keinen Plan hat, was da abgeht. Vor uns befinden sich offenbar nur Knieoperierte und Nichtwissende, die die Sache wie ein Theaterstück verfolgen. Hauptsache, sie sitzen ganz vorne, damit sie das Kind sehen!

Während der Wandlung stehen die Kommunionkinder um den Altar herum. Vermutlich will der priesterliche Manager es ihnen nicht zumuten, in ihren Hochzeitskleidern und Anzügen ohne Polster und Haltegriff auf den Boden zu sinken. Die Predigt fällt aus, stattdessen dankt der Priester den Kindern dafür, dass sie sich so brav auf das Blümchen im Wüstchen vorbereitet haben. Und dann erzählt er ihnen, dass Jesus aus einer ganz einfachen Familie stammt (so ein König aus dem Alten Testament ist ja auch eine quantité négligeable) und dass er sich ganz einfache Leute als Jünger geholt hat: „Die hatten nicht einmal Nachnamen!“

Das Taufbekenntnis beginnt bei der Stelle, wo man mit „Ich glaube“ antwortet. Das davor ist zu schlimm für die armen Kinderchen, da kommt der böse Teufel vor und außerdem das Wort „widersagen“, was sie bestimmt gar nicht verstehen. Sie glauben an nette Übermenschen: den lieben Gott, den lieben Jesus, unseren Bruder und so. Dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist, würde die Kleinen und Großen im Raum sicher verschrecken, es ist besser, diese Drohbotschaft wegzulassen. Bei der Kommunion wirkt die Gemeinde verschüchtert. Niemand aus den ersten Reihen traut sich, den Anfang zu machen. Ein kleiner Junge in der Reihe vor mir sagt: „Papa, bringste mir’n Keks mit?“ Unsere Bekannten (evangelisch, liberal, jüdisch) bleiben der Kommunion aus Respekt und religiösen Gründen fern – sie haben ohnehin gedacht, der Priester habe das gar nicht so gemeint, wie es rüberkam. Am Ende der Veranstaltung dankt eine Nonne dem Priester dafür, dass er im letzten halben Jahr einmal in der Gruppenstunde war, um die Kinder kennenzulernen.

Nach dieser scheinheiligen Messe bin ich sicher, dass die Andacht am Nachmittag todlangweilig wird – das ist nicht zu toppen. Doch ich habe den Herrn unterschätzt: Erst ein Liedchen, ohne Chor und in der Folge mit sich im Raum verlierenden acht Sängern. Dann flucht er ein wenig („Verdammt nochmal!“) und erzählt vom Schaf Gimmel aus Bethlehem, das 99 Namen Gottes kennt und in die Wüste geht, wo das Kamel Sulamith ihm den hundertsten Namen Gottes verrät. Abgesehen davon, dass Beinamen wie Allerbarmer, Allmächtiger und so weiter gemeint sind (statt Gott in anderen Sprachen, wie der Priester erklärt), kommt mir das ganz stark so vor, als kenne ich die Geschichte aus dem Islam und nur aus dem Islam. Ein Gläubiger, der die 99 Namen Gottes kennt, kommt ins Paradies. Donnerwetter – diese interreligiöse Volte haut uns endgültig um. Dann schenkt er den Kindern ein Kreuz (was für ein Affront!); sie sollen raten, was darauf abgebildet ist. Ich rate mit: Bestimmt ist es Gimmel auf der Suche nach Allahs letztem Namen – Alhamdulillah. Puh, Glück gehabt, man entdeckt einen Regenbogen und ein Boot auf einem See.

Das Wetter ist schön. Die Leute haben viel zu erzählen. Alle haben sich lieb. Keine dieser Begebenheiten ist erfunden. Als wir beim Essen, während die Kinder draußen sind, endlich ablästern, ernten wir von Liberalen ein „Aber das war toll! Endlich mal ohne die verkrusteten Strukturen und Verbote!“ Oh Herkules, Du Allausmister, hier gibt es viel Arbeit. Inschallah.

[Erstveröffentlichung: Juni 2014, Vatican-Magazin]

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