Die Kopten und der Wandel der ägyptischen Mentalität

Interview mit dem koptisch-katholischen Bischof Youhanna Golta

Von Michaela Koller

KAIRO, 25. Februar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Trotz der anhaltenden Bedrohung durch islamistische Fanatiker hat sich die Situation der Kopten in Ägypten mit den Umbrüchen der jüngsten Vergangenheit wesentlich gewandelt. Davon ist Bischof Yohanna Golta überzeugt. Der 78-jährige Kurienbischof von Alexandria vertritt die koptisch-katholische Kirche im Dialog mit den rund 90 Prozent sunnitischen Muslimen unter den Ägyptern. Die rund 200.000 koptischen Katholiken sind mit Rom uniert und feiern nach dem koptischen Ritus. Ihr Patriarch ist seit 2013 Ibrahim Isaac Sidrak.

Bischof Youhanna Golta; Foto: M. Koller

Bischof Youhanna Golta; Foto: M. Koller

An der Revolution vom 30. Juni 2013, die mit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi, hatten Kopten großen Anteil, wie der Bischof im Gespräch betonte. „Diese Tatsache führte zu einem großen Wandel in der ägyptischen Mentalität“, sagte Golta. „Die Christen müssen jetzt aber weiter Widerstand leisten“, fügte er hinzu.

Wenn er von den Kopten spricht, dann meint er vor allem die Mehrheit von etwa zwölf Millionen Christen der altorientalischen koptisch-orthodoxen Kirche, seit 2012 angeführt von Papst Tawadros II. Es handelt sich um die größte christliche Kirche in der arabischen Welt. Die orthodoxen Brüder und Schwester seien sehr stolz, denkt der Bischof, der Papst Franziskus als sein Oberhaupt anerkennt. „Das Christentum ist aber ein spiritueller Weg, und bedeutet nicht Macht“, sagte er. Tawadros sei hingegen ganz anders als sein Vorgänger: bescheiden und mild. Jetzt könne er voll Überzeugung sagen: „Wir haben sehr gute Beziehungen zu ihm, zur Kirche und familiär.“

Hinter ihnen allen liege eine lange Geschichte des koptischen Martyriums. „Seit dem Aufsteigen des Islam vor 1.400 Jahren waren die Kopten immer Opfer des Fanatismus“, beklagte er. „Wir haben widerstanden, aber die islamische Mentalität hat sich nicht geändert.“ Der Islam präsentiere sich ihm als Islamspezialisten, der darüber gelehrt hat, im engen Sinne nicht bloß eine Religion, sondern vielmehr – durch fanatische Imame geleitet – als eine religiöse Ideologie, nach dem Motto: „Vor dem Islam nichts, nach dem Islam nichts“.

In der Geschichte seien die Muslime aus der Wüste in die fruchtbaren Länder gekommen und hätten sie besetzt. Ägypten sei aber erst nach vierhundert Jahren ein islamisches Land geworden. Lange konnten die Kopten ihre Nationalität und ihre Kirche aufrecht erhalten. Nach Kriegen, die Eroberung durch Napoleon und die Kolonisierung durch die Briten hätten die Christen überlebt. Der Erste, der versucht habe, die ägyptische Mentalität wirklich zu liberalisieren sei Gamal Abdel Nasser gewesen. Er hatte genauso wenig Erfolg wie seine Nachfolger Anwar Sadat und Hosni Mubarak.

„Jetzt haben wir einen anderen Präsidenten, der erklärt hat, er möchte die Kultur, die Mentalität ändern“, erklärte der Bischof. Rhetorisch fragte er, wie nach 1.400 Jahren religiösen Einflusses diese neu gestaltet werden könne. „Aber Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat angekündigt, dass man die ideologische Mentalität in den Köpfen ändern muss, in der Kultur, in den Institutionen, in den Schulen und Universitäten“, fuhr er fort. Sie versuchten es und würden damit Erfolg haben. Aber es brauche seine Zeit.

Golta ist überzeugt: Die Regierungen der westlichen Länder, Europas und der USA, verstehen überhaupt nichts. Das Christentum habe dort die Völker unterstützt, auch durch die Förderung der Geisteswissenschaften. Aber die Europäer hätten die Religion zurückgedrängt und Europa sei zu einem Kontinent der Gottesferne geworden. Und das schaffe Raum für das Ziel der Islamisierung: „Wenn die christliche Religion nicht mehr interessiert, schreitet der Islam voran und tritt an die Stelle“, warnte er. „Die Wirtschaft, das Vergnügen, das ist es, was die Europäer interessiert.“ Europa sei mit seinen eigenen Problemen beschäftigt und interessiere sich nicht für die Christen des Orients, meinte er resigniert. Zehntausende US-amerikanische Soldaten im Irak seien den Christen nicht zur Hilfe gekommen.

Die islamische Welt befinde sich aber in einem Wandel: „Es gibt Intellektuelle, Menschen, die nachdenken. Es gibt nicht nur eine islamische Renaissance, sondern auch einen Neuanfang.“ Dagegen stünden 80 Prozent Analphabetismus in der arabischen Welt, während in Ägypten 40 Prozent weder Lesen noch Schreiben könnten. Der Bischof bestätigte auf Nachfrage, dass es vor allem der Bildung bedürfe, um etwas nachhaltig zu verändern. Dafür wünsche er sich vom Westen Unterstützung. „Wie ändert man sie? Durch die Liebe. Wir müssen die Muslime lieben“, sagte er nachdrücklich.

„Wir müssen unbedingt den Dialog aufrecht erhalten, durch Begegnungen, Kontakte und Freundschaften“, sagte er weiter. Dieser müsse soziale Themen ins Zentrum rücken, und nicht bei den ohnehin unüberwindlichen dogmatischen Unterschieden stecken bleiben. Der Analphabetismus, der Kampf gegen die Armut, dies seien geeignete Themen. Es ginge darum, sich gegenseitig zu verstehen und sich zu helfen, um eine menschliche Gesellschaft und Kultur aufzubauen. „Man ändert die Menschen nicht mit Gewalt, sondern nur durch die Nächstenliebe“, sagte Bischof Youhanna. Europa habe nie gegenüber dem Orient seine Liebe ausgedrückt, sondern nur gegenüber dem Öl, nicht die Geisteswissenschaften, mit der sich nur ausgewiesene Experten beschäftigten. „Die Entwicklung beginnt aber erst jetzt.“

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