„Sie haben uns davor gewarnt, uns zu engagieren“ (Erster Teil)

Junge Kopten wirken mit am Aufbau des neuen Ägypten

Von Michaela Koller

KAIRO, 27. Februar 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Was mit einer friedlichen Demonstration begann, sollte vielleicht der Geschichte der Kopten, die sich seit ihren Anfängen als Märtyrerkirche begreift, für immer eine neue Wendung geben: Am Abend des 9. Oktober 2011 demonstrierte eine Gruppe ägyptischer Christen auf dem Maspero-Platz in Kairo vor dem Hochhaus des staatlichen Rundfunks. Ihre Proteste wandten sich gegen die Zerstörung einer Kirche in Oberägypten, deren Erbauern Gesetzesverstöße vorgeworfen worden waren. Die friedliche Sitzblockade endete in einem Blutbad, nachdem Angehörige der Sicherheitskräfte und der Armee die Demonstranten angegriffen hatten: 28 Tote beklagte die christliche Gemeinschaft am Ende; 212 Menschen erlitten Verletzungen.

Mit diesem Verbrechen kochte der Topf über, in dem es schon seit einiger Zeit brodelte, erklärt Mina Magdy von der Maspero Youth Union. Seit März protestierten sie gegen religiös motivierte Gewalt, der die Kopten schon seit Jahren ausgesetzt waren. Zusammen mit seinen Mitstreitern Armia William und Mina Nady sitzen wir gemütlich im altehrwürdigen Kaffeehaus Groppi in der Altstadt von Kairo bei Tee und Guavensaft, weil die Demonstration ausgefallen ist: Sie haben einen Protest gegen die Ermordung von 21 Kopten in Libyen im Stadtteil Shobra geplant, wo viele Christen leben. Aus Sicherheitsgründen wurde ihnen die Kundgebung untersagt. Stattdessen überreichten die Aktivisten im Namen der Bewegung den Angehörigen in der koptisch-orthodoxen Kathedrale St. Markus in Kairo-Abbasiya ihre Beileidsbekundungen und den Ausdruck ihres Entsetzens.

Augenarzt und koptischer Aktivist Mina Nady aus Kairo; Foto: M. Koller

Augenarzt und koptischer Aktivist Mina Magdy aus Kairo; Foto: M. Koller

Der 29-jährige Augenarzt Mina Magdy, Generalkoordinator der Maspero Youth, kommt aus El Minia in Mittelägypten. Seit seiner Kindheit war er regelmäßig Zeuge interreligiöser Zwietracht. „In dieser Atmosphäre begann ich schon vor Jahren, mich für die Interessen der Kopten zu interessieren, während meine Eltern sehr darauf bedacht waren, mich mit dem Status quo der Christen in dieser Zeit vertraut zu machen.“ Das hieß, das zu tun, was die Kopten 2.000 Jahre lang taten: Still halten und das Martyrium auf sich nehmen.

Als er aber nach Kairo kam, um sein Studium aufzunehmen, entzog er sich der Kontrolle der Eltern und gründete gar mit Gleichgesinnten die Liberale Ägyptische Partei. Im Jahr 2008 trug er schließlich zur Entstehung der Bewegung Copts for Egypt bei: Ihr Ziel war gar nicht so sehr, sich von der muslimischen Bevölkerungsmehrheit abzusetzen. Vielmehr sammelten sie junge Christen, um aus dem Schatten der Kirchenführung herauszutreten und politisch aktiv zu werden, in die Gesellschaft hineinzuwirken, sie zu verändern. „Der Papst und die Bischöfe haben uns davor gewarnt, uns in so einer Bewegung zu engagieren“, sagt er mit Blick auf die Rebellion gegen das Mubarak-Regime Anfang 2011.

Der Klerus sprach so aus Angst, die Aktivitäten könnten den Feinden in die Hände spielen. Aber diese Reaktion kam den jungen rebellischen Christen allzu vertraut vor – aus der Ära Hosni Mubaraks. Und wie ihnen ihre Eltern berichten konnten, war dies auch in der Zeit davor nie anders. Die Generation Facebook fegte sein drei Jahrzehnte währendes Regime binnen zwei Wochen hinweg. Und nichts konnte sie mehr bei der nächsten Revolution aufhalten. Was vorher anscheinend undenkbar war: Der koptisch-orthodoxe Klerus musste zur Kenntnis nehmen, dass Laien nachfolgend dauerhaft eine aktivere soziale und politische Rolle in der Gesellschaft übernahmen. Von der Kirche der Märtyrer zum Salz der Erde.

Die jungen Christen, die neben jungen muslimischen Aktivisten auf dem Platz der Freiheit (Midan El Tahrir) im Herzen Kairos wochenlang ausgeharrt hatten, wollten sich aber die Revolution nicht von alten vernagelten Männern mit langen Bärten stehlen lassen. So kam es am 25. März 2011, zwei Monate nach Beginn der Aufstände, zur Gründung der Maspero-Jugend, die mit vereinten Kräften von der Regierung endlich mehr Schutz vor Übergriffen der Fanatiker einforderte. Social Media machten sie zu einer verlässlichen Stimme im Konzert des neuen Ägypten. Bereits bis Mitte des Jahres hatten sie rund 26.000 Facebook-Freunde.

„Die Kopten sollen ein wichtiger Teil der politischen Szene Ägyptens werden“, sagt Mina Magdy weiter. Das ist das Ziel der jungen Aktivisten. Sie möchten dazu die gesamte christliche Jugend motivieren, sich in soziale und politische Angelegenheiten einzumischen. „Wir üben keinen Druck auf ihre Einstellungen aus, denn es geht uns nur darum, ihnen beizubringen, wie sie sich engagieren können, dafür eine Kultur zu schaffen und ihnen für die Politik Rüstzeug in die Hand zu geben.“ Sie möchten Hand in Hand mit Muslimen arbeiten, denen es auch zunächst um ein bürgerschaftliches Engagement für ihr ägyptisches Heimatland geht. Letztlich sollte es keinen Unterschied machen, welcher Religion sie angehörten. „Wir sind der politische Inkubator für junge Menschen, die sich in der Welt der Politik einbringen möchten.“

[Der zweite Teil folgt am Freitag, den 6. März]

 

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