Pakistanischer Familienvater wegen Blasphemie in Haft

Christliche Nachbarn fürchten sich vor Racheakten

Von Michaela Koller

LAHORE, 4. Oktober 2015 (Vaticanista/ZENIT.org).- Das christliche Ehepaar Pervaiz und Zarina Masih hat bis vor kurzem in dem pakistanischen Dorf Gharry Wala gelebt, das etwa fünfzig Kilometer von der Stadt Kasur in der Provinz Punjab im Osten Pakistans liegt. Sie sind Ziegelei-Arbeiter und haben durch den Handel mit Steinen und Sand etwas nebenbei verdient, um mit ihren vier Kindern über die Runden zu kommen: Amir, Prem, Anmol und Sanam, im Alter zwischen sieben Monaten und neun Jahren, sehen ihren Vater in der nächsten Zeit nicht: Seit dem 2. September sitzt er hinter Gittern, wegen des Vorwurfs in Bemerkungen Gott gelästert zu haben.

Die Organisation „The Voice“, die sich in Pakistan darauf spezialisiert hat, Christen unter solchen Vorwürfen mit rechtlichem Beistand und humanitärer Hilfe beizustehen, recherchierte in dem Fall. Pervaiz sitzt zunächst 14 Tage im Kasur Bezirksgefängnis. Nach Ablauf dieser Frist stellt „The Voice“ für ihn einen Kautionsantrag. In Deutschland unterstützt sie die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) bei diesem Einsatz – auch im Fall Pervaiz Masih, den die IGFM bei der evangelischen Nachrichtenagentur Idea in diesem Oktober als „Gefangenen des Monats“ vorstellt.

Ihr Team entdeckte ein verbreitetes Muster wieder: Ausgerechnet Pervaiz Geschäftsrivalen zeigten sich besorgt um die Ehre Gottes und erstatteten Mitte August Anzeige wegen Verstoßes gegen den Blasphemie-Paragraphen 295 C des pakistanischen Strafgesetzbuchs. Diese stritten zuvor mit dem christlichen Familienvater um einen Auftrag. Pervaiz hatte den Zuschlag erhalten und sollte für einen Hausbau Sand liefern. Das Blasphemie-Gesetz ist zu einem Mittel zur Rache in persönlichen Auseinandersetzungen geworden, sagen pakistanische Menschenrechtler. Die Gegner gelten als einflussreich; was sie sagen, das zählt. Pervaiz musste sogar befürchten gelyncht zu werden; so tauchte er zunächst mit seinem Schwiegervater im Dorf Veerum Athar ab.

Die Polizei kam mitten in der Nacht in das Dorf der Masihs und versuchte mit Gewalt, etwas über den Aufenthaltsort des Gesuchten zu erfahren. Sie beleidigten und misshandelten die Christen, die das Team von „The Voice“ am nächsten Tag noch völlig verstört antraf. Vier Verwandte nahmen sie vorübergehend in Gewahrsam. Die Mitarbeiter von „The Voice“ waren in der Nacht, bei einem ersten Versuch zu ermitteln und Pervaiz Familie in Sicherheit zu bringen, selbst von der Polizei angehalten, massiv bedrängt und sogar mit dem Tode bedroht worden, wenn sie nicht den Sicherheitskräften zuarbeiteten. Der Gesuchte sei schließlich ein „Gotteslästerer“.

Als das Team bei einem zweiten Versuch schließlich die Familie treffen konnte, weinte Sumaira Fiaz, die schwangere Schwägerin Masihs. Rechtsanwältin Aneeqa Anthony berichtete sie unter Tränen, wie Polizisten gnadenlos auch auf sie eingeschlagen hatten. Eine weitere Schwägerin, Schwester von Zarina, die gerade eine Woche zuvor per Kaiserschnitt entbunden hatte, wurde ebenso wenig von den Exzessen verschont wie ihr Neugeborenes. „The Voice“ gelang es, die Familie an einen sicheren Ort zu bringen, versorgt sie dort nun und erledigt für sie die gerichtlichen Angelegenheiten.

Christliche Arbeiter- und Bauernfamilien lebten dort schon lange vor der Gründung Pakistans Tür an Tür mit ihren muslimischen Nachbarn. Doch anhaltend vergiften Vorwürfe angeblicher Blasphemie das Verhältnis zwischen den Religionsgemeinschaften – zu Lasten der Christen in der Minderheit. Pervaiz‘ Familie und seine christlichen Nachbarn sind aktuell in höchster Gefahr: „Leute aus dem Dorf haben damit gedroht, die Christen auf offener Straße zu verbrennen“, sagte Aneeqa Anthony im Gespräch mit der IGFM. Ein Imam, der als Gastprediger in den Moscheen in der Gegend redet, hetzte am 3. September die Leute dort auf. Seine Hassreden fielen auf fruchtbaren Boden, da in mehreren Dörfern der Umgebung die Leute überzeugt sind, die Christen, die sich mit Bruder und Schwester anreden, seien sämtlich mit dem Beschuldigten verwandt und daher mitschuldig. Eine Bestrafung halten diese Menschen für zwingend. „Die Leute haben sich darauf verständigt, dass alle, die angeblich Blasphemie begangen haben, in der Hölle schmoren sollen. Und darum wollen sie sie samt ihren Familien verbrennen“, sagt die Rechtsanwältin.

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