Lebensgefährliches Mandat

Wie ich die Rechtsanwältin von Pervaiz Masih kennenlernte

Von Michaela Koller

FRANKFURT/ LAHORE, 6. Oktober 2015 (Vaticanista).- Bis auf die Haut war ich vom Regen nass geworden, als ich aus der Mittagspause ins Büro zurückkehrte. Das Telefon klingelte. Ich muss das in der Mittagspause nicht beantworten. Neugierig hob ich trotzdem ab und vergaß bald, dass ich eigentlich tropfnass war: Der Name der der Englisch sprechenden Anruferin war nicht zu verstehen. Ihre Stimme klang gedämpft, offenbar rief sie aus dem Ausland an. Sie lachte schließlich, als ich ihre Frage nach meinem Namen beantwortete: Der Anruf kam aus Lahore in der Provinz Punjab in Pakistan. Es war Aneeqa Maria Akhtar, Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin. Wir hatten uns seit Anfang 2009 nicht mehr gesprochen. Welche Freude, nun ihre Stimme zu hören!

Ich erinnere mich an eine ganz besondere Kaffeetafel zum Neujahr damals. Eine gute Freundin, die mir sogar für meine Hochzeit Schmuck ausgeliehen hatte, hatte sich mal wieder gemeldet und ich lud sie ein: „Darf ich noch einen Gast mitbringen, eine junge Frau aus Pakistan?“ fragte sie. Meine Freundin hatte sich lange für verfolgte Christen weltweit haupt- und nebenamtlich eingesetzt und so war nicht zu erwarten, dass es bei einem oberflächlichen Mädelsnachmittag blieb.

Mit Herz und Verstand: Anwältin Aneeqa Anthony bei ihren Ermittlungen. Copyright: The Voice Society

Mit Herz und Verstand: Anwältin Aneeqa Anthony bei ihren Ermittlungen. Copyright: The Voice Society

Ganz kalt waren ihre Hände, als sie bei uns eintrafen. Bei Kaffee und Mandelzimtkuchen bekamen meine beiden Gäste allmählich rote Wangen. Das lag nicht nur am gut geheizten kleinen Esszimmer, in dem sie mit meiner Familie und mir gemütlich zusammen saßen. Aneeqa berichtete Beunruhigendes aus ihrer Heimat und gespannt hörten wir zu: Die nationalen Sicherheitskräfte hätten einige Gebiete nicht mehr unter Kontrolle, um die Lager, wo Taliban ihre Rekruten trainieren. Gewalt, resultierend aus einer gefährlichen Mischung aus Fanatismus und Gier, nehme insgesamt zu: Zielscheiben seien selbst junge christliche Mädchen, die zu Ehen mit Muslimen, zum Glaubenswechsel und zur Prostitution gezwungen würden.

Angesichts ihrer Jugend waren die Themen, die mein pakistanischer Gast anschnitt, überraschend politisch. Die damals 27-jährige Pakistanerin hatte schon eine Blitzkarriere hinter sich: Schon im Alter von drei Jahren hatten ihre Eltern die Hochbegabte zur Schule geschickt, mit 14 Jahren begann sie ihr Studium an der Universität von Punjab, zunächst in den Fächern Soziologie, Journalismus und Englische Literatur, und daraufhin in Jura. Mit 27 Jahren ist sie bereits Dekanin am Trinity Law College geworden. Ihre Laufbahn nahm aber ein jähes Ende.

Nach einer knappen Aufforderung von meiner Freundin verriet die charismatische junge Frau mehr darüber, welches Schicksal sie nach Deutschland verschlagen hatte: Fanatiker hatten sie wegen Gotteslästerung falsch beschuldigt und bedroht; sie musste daher im Ausland um Asyl ersuchen. Sie hatten zudem versucht, die Tochter einer katholischen Familie zum Glaubenswechsel zu drängen: „Diese Bigotten glauben, dadurch, dass sie Zwang auf Christen ausüben, zum Islam zu konvertieren, dass sie auf diese Weise Zugang zum Paradies gewinnen“, kommentiert sie.

Am 21. August 2008 kam es zu einer schicksalhaften Auseinandersetzung im Gericht: Muslimische Kollegen hatten die junge Rechtsanwältin in ein Gespräch über den Propheten Mohammed verwickelt. So als würde sie es nun bereuen, bekannte sie beim Kaffee, sie habe sich leichtfertig auf die Diskussion eingelassen. Sie war in eine Falle getappt: Die Kollegen warfen ihr Blasphemie, Gotteslästerung, vor. Zwei Tage später gelang ihr die Flucht außer Landes. Seit langem wissen Menschenrechtsorganisationen weltweit, dass das entsprechende Gesetz in Pakistan missbräuchlich angewendet wird. Anzeigen wegen dieses Vorwurfs dienen regelmäßig dazu, Rache zu üben.

Bevor die Polizei überhaupt ermittelt, werden Beschuldigte, oftmals Christen, aber auch Ahmadi-Muslime, bedroht, angegriffen, regelrecht gehetzt. Zu ihrem Schutz landen sie im Gefängnis, wenn es ihnen nicht gelingt unterzutauchen und zu fliehen. Wenn der gesellschaftliche Druck extrem hoch ist, Gotteslästerer einer harten Bestrafung zuzuführen, ist auch die Unabhängigkeit der Richter eingeschränkt. Aneeqa wusste das. Sie arbeitete schon sehr früh auf diesem Feld. Dennoch war sie den Kollegen nicht ausgewichen. Bereits drei Anschlägen auf ihr Leben war sie knapp entkommen.

„Ich sehe mich noch in dieser engen Straße, vom wütenden Mob umringt“, berichtete sie. Sie war auf dem Weg zu ihrem ersten Klienten. Auch ihm wurde Blasphemie vorgeworfen. Das Gerücht hatte sich wie ein Lauffeuer in seiner Nachbarschaft verbreitet. Bevor überhaupt Sicherheitskräfte einschreiten konnten, waren fanatische Nachbarn schon wild entschlossen, Selbstjustiz zu üben. Bald wusste jedermann in der Enge des Viertels, dass sich ein Auto näherte, das dort noch nicht gesehen worden war. Dass es die Anwältin sein musste, die der Beschuldigte gerufen hatte, war den Leuten dort schnell klar. So einen wie diesen Gotteslästerer will sie also retten. Wütende Männer und Frauen eilten ihr entgegen. „Wir konnten uns auf einmal weder nach vorn noch zurück bewegen“, erinnerte sie sich. „Wir waren vom Mob umzingelt.“ Männer schlugen auf den Wagen ein. „Wir dachten drinnen nur, sie zünden uns gleich an.“ Aneeqa und ihre Kollegen sahen schon ihr Ende nahen und flehten zu Gott, er möge sie retten. „Wie durch ein Wunder ließen sie plötzlich von uns ab“, sagte sie. Nicht einmal ein Kratzer sei auf dem Autolack zurückgeblieben. „Unsere einzige Hoffnung ist Jesus Christus und das Gebet ist unser Trost“, bekannte sie damals zum Abschied.

Im Jahr 2009 ist sie trotz des hohen Risikos zurück gekehrt, nachdem sie sich auch zeitweise bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) engagiert hatte. Ihr damaliger Verlobter hatte auf sie gewartet. Er arbeitet mit ihr zusammen in der eigenen Organisation für rechtliche und humanitäre Hilfe The Voice. Die beiden sind inzwischen verheiratet und haben zwei Kinder. Neulich geriet Aneeqa mit ihrem Team wieder in Gefahr, als sie sich für Pervaiz Masih eingesetzt hat. Es war gegen Mitternacht, als sie sich seinem Dorf näherten. „Die Atmosphäre war hochgespannt und anscheinend beobachtete einfach jeder in der Gegend unser Auto“, berichtete sie uns. Die Polizei zwang sie schließlich, an einer Tankstelle zu halten, auszusteigen und vor dem Auto auf ihren Vorgesetzt zu warten. Die Rechtsanwälte machten die Beamten darauf aufmerksam, dass sie sie nicht einfach grundlos festhalten könnten.

„Und ob wir das können. Wenn Sie sich hier wegbewegen und uns nicht Folge leisten, können wir sie auch töten“, drohten die Sicherheitskräfte offen. Zwei Stunden mussten sie dort so ausharren. Der Polizeichef kam schließlich und wollte sie von eigenen Ermittlungen abhalten sowie über ihren Mandanten verhören, denn er sei „ein Gotteslästerer“. Das Ergebnis der Ermittlungen stand also von vornherein fest. So leicht gibt sich Aneeqa nicht geschlagen: Sie und ihr Team kehrten in den frühen Morgenstunden wieder zurück und gelangten schließlich in das Dorf der Masihs, wo sie dem Fall nachgehen konnten. Dank ihres Mutes können nur weltweit Menschenrechtsorganisationen auf diesen Fall aufmerksam machen. Appelle liegen bislang in deutscher und englischer Sprache vor: http://www.religionsfreiheit-igfm.info/

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