„Der Glaube ist so bedeutsam, dass sie gerade die Christen vernichten wollen“

Interview mit Prälat Professor Helmut Moll — Teil 1

Von Michaela Koller

DÜSSELDORF, 24. November 2015 (Vaticanista/ZENIT).- In diesem Jahr ist es 15 Jahre alt: das zweibändige Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhundert“. Seit der Erstausgabe lebt das Projekt weiter fort, durch Erweiterungen mit neuen Lebensbildern, durch Vorträge und Ausstellungen. Papst Johannes Paul II. gab 1994 den Auftrag an die gesamte Kirche, ein Blutzeugenverzeichnis über alle Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu erstellen. „So konnten mit dem Jahr 2000, dem Heiligen Jahr, die Märtyrer des 20. Jahrhunderts in allen Diözesen, in allen Bischofskonferenzen, in allen fünf Kontinenten dem Vergessen entrissen werden“, erklärt Prälat Helmut Moll, Professor für Exegese und Hagiographie. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte ihn, als er noch bei der Heiligsprechungskongregation tätig war, gebeten, dieses Martyrologium zu erstellen. Im Jahr 1995 kehrte er von Rom nach Köln zurück und das Werk konnte am 18. November 1999 Papst Johannes Paul II. mit Bischof Lehmann [damals Vorsitzender der DBK; Anm. d. Red.] überreicht werden. Michaela Koller sprach mit Prälat Moll, der auch zum Schülerkreis des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zählt, am Rande einer Ausstellungseröffnung im Seniorenwohnheim der Armen-Brüder des heiligen Franziskus in Düsseldorf-Rath.

Herr Prälat Professor Moll, Sie sprechen regelmäßig bei der Eröffnung der am meisten gefragten Ausstellung der Erzdiözese Köln. Es geht um das deutsche Martyrologium, ein Projekt, das Sie seit mehr als 15 Jahren begleiten. Worum geht es da?

Prälat Moll: Da wir 27 Diözesen haben, versuchten diese jeweils, ihre eigenen Märtyrer, vor allem aus der Nazizeit und aus den Missionen, den Gläubigen bekannt zu machen. Wir hier in Köln haben ein eigenes Martyrologium erstellt, das auch bereits in der sechsten Auflage erschienen ist, sowie eine Ausstellung. Es war ein großes Anliegen Kardinal Meisners, das zu tun, weil es der Papst gewollt hat. Wegen der großen Nachfrage musste die Ausstellung ein zweites Mal angefertigt werden. Sie geht in Pfarreien, Schulen, Akademien, in weltliche Bereiche. Die Ausstellung wird meist von Führungen oder Zeitzeugengesprächen begleitet, mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Welcher Schwerpunkt erwartet uns in der aktuellen Düsseldorfer Ausstellung?

Prälat Moll: Bei der Eröffnung standen die lokalen Märtyrer im Vordergrund. Wir haben derer über zehn. Ich vermute, dass viele Besucher die meisten davon nicht kennen. Auch die alten Menschen kennen die Märtyrer der NS-Zeit nicht, was daran liegt, dass diese Zeit lange nicht aufgearbeitet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen andere Sorgen als die Bewältigung dieser Arbeit. Auch wurde dies lange zurückgehalten, zuweilen auch verdrängt. Es brach sich erst in den sechziger Jahren Bahn, dass an diese großen Gestalten erinnert und auch die NS-Zeit aufgearbeitet wurde.

Jeder Märtyrer ist ein unschuldiges Opfer, aber nicht jedes unschuldige Opfer ist gleich ein Märtyrer den kirchlichen Kriterien zufolge. Welche sind dies?

Prälat Moll: Die drei Hauptkriterien zur Festlegung des Martyriums sind in der Heiligen Schrift des Neuen Testamentes verankert. Sie sind dann in der Zeit der griechischen und lateinischen Kirchenväter noch weiter ausdifferenziert worden. Aber erst Papst Benedikt XIV. hat in einem vierbändigen Werk die Kriterien detailliert festgelegt. Die drei wesentlichen Kriterien lauten: Erstens ist ein Märtyrer ein Christ, der eines gewaltsamen Todes stirbt, was auch heißen kann, dass er zum Beispiel vor Hunger stirbt. Zweitens muss er Zeugnis für Christus gegeben haben. Es genügt nicht, die Hakenkreuzfahne nicht ausgehängt zu haben. Das taten auch Kommunisten nicht. Dieses Zeugnis ist vielfältig, aber es muss erkennbar und eindeutig sein. Das dritte Kriterium ist das schwierigste: Der Christ muss bereit sein, für seinen Glauben zu leiden und sogar den Tod auf sich zu nehmen. Evangelische Christen haben weitere und bisweilen davon abweichende Kriterien.

Christen sind ja die am meisten verfolgte Minderheit weltweit. Ist es nicht manchmal schwierig festzustellen, ob ein Christ als Christ oder allgemein als Angehöriger einer Minderheit umgebracht wurde?

Prälat Moll: Schauen Sie, acht von zehn Verfolgten heutzutage sind Christen. Offensichtlich ist unser christlicher Glaube so bedeutsam für die Gesellschaft, dass sie gerade die Christen vernichten wollen. Warum wollen sie das? Weil sie ein Menschenbild haben, das bedeutet, sich für die Schwachen einzusetzen, das die körperlich und geistig Behinderten miteinschließt. Dieses Menschenbild ist nicht nur innerweltlich, sondern auch transzendental.

Wenn Sie so auf 15 Jahre deutsches Martyrologium zurückblicken, würden Sie dann sagen, dass es sich um ein lebendiges Projekt handelt?

Prälat Moll: In der Tat. Wir haben noch so viele Zeitzeugen, die ich bei meinen Vorträgen oder Ausstellungen mitnehme. Wir haben so viele Verwandte, die mit ihren Tagebüchern, Fotoalben, Briefen noch so viel über Blutzeugen aus der NS-Zeit oder aus der Mission erzählen können. In ganz Deutschland ist das Interesse am Martyrologium anhaltend: Ich werde  demnächst in Trier, Darmstadt und Hamburg Vorträge halten, so dass die Märtyrer zunehmend dem Vergessen entrissen werden.

[Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“. Paderborn, 1999, 6. Auflage 2015]

Teil 2 des Interviews erscheint am Dienstag, 24. November 2015

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