Afrikaner feiern Gott, weil sie ihn lieben

Katholischer Kommentator in der Tradition reueloser Rassisten?

Von Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh

FRANKFURT, 7. März 2016 (Vaticanista).- Meine Aufmerksamkeit wurde vor einiger Zeit auf einen Artikel mit dem Titel „Die romantische arme Kirche“ gelenkt, verfasst von Björn Odendahl auf der Internetseite katholisch.de. Odendahl hat in dem genannten Artikel unter anderem geltend gemacht, dass die Kirche in Afrika wächst, weil „die Menschen sozial abhängig sind, und oft nichts anderes als ihren Glauben haben“. Er fuhr mit der Behauptung fort, dass die Kirche wächst, weil die Bildungssituation im Durchschnitt dort auf einem relativ niedrigen Niveau sei und die Menschen einfache Antworten auf schwierige Fragen des Glaubens akzeptierten.

Copyright: Kirche in Not

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Ich danke Gott, dass ich der Versuchung widerstanden habe, Odendahl einen „bloody racist“ zu nennen, genau wie der große afrikanische Romancier Chinua Achebe Joseph Conrad bezeichnete. Conrad war ein verdammter und reueloser Rassist; zu soziopathischer Weltsicht neigend, die im Imperialismus wurzelt sowie in dem Versuch, Rechtfertigungen dafür zu erfinden und zu fabrizieren, warum Europa einen Kontinent gnadenlos ausraubte und plünderte, der von anderen Menschen bewohnt war. Conrads Herz war von solcher Finsternis, so hohl und unruhig. Etwas von ihm zu lesen bedeutete, schmerzhaft von einem Mann zu lesen, der sich in seinem Versuch, andere zu verunglimpfen entmenschlicht hat.

Diese tragische Figur zeigt, was die alte Igbo-Weisheit besagt, dass man nicht jemanden verunglimpfen kann, ohne sich selbst zu entmenschlichen. Conrads Buch „Im Herzen der Finsternis“ war ein sehr dunkles Buch, in dem ein Wortschwall ergossen und das in den Dienst des Rassismus gestellt wurde. Conrad versuchte literarisch, das Gewissen Europas von der historischen Last der Grausamkeiten gegenüber Afrikanern zu befreien.

Anstatt sich also über den logischen und sachlichen Betrug, den Odendahl mit seinen Behauptungen begeht, aufzuregen, muss man die intellektuelle Tradition verstehen, in die sich seine Unterstellungen einreihen. Wir müssen die epistemische Bevormundung, die seine Perspektive prägt, durchschauen. Wir müssen verstehen, dass seine Ausbrüche aus den dunklen Grotten rassistischer Bevormundung kommen, die die Beziehungen der letzten 600 Jahre zwischen Afrika und Europa kennzeichnen.

Odendahls dreiste Verallgemeinerung, die an seiner Wertschätzung der Logik zweifeln lässt, äfft die rassistischen Hinterlassenschaften Hegels nach, der behauptete, dass die Afrikaner keine Seelen hätten und daher nicht philosophieren könnten. Nun, da die Afrikaner sich dem christlichen Gott zugewandt und ihm anvertraut haben, müssen Odendahl und seinesgleichen Gründe und Erklärungen finden, die ihre im Rassismus getränkte Sicht nähren.

Dieses Mal geht es nicht mehr darum, dass die Afrikaner keine Seele hätten. Vielmehr sind ihnen plötzlich Seelen gewachsen, um vor sozialen Problemen und Abhängigkeiten zu fliehen. Das ist das katholische Evangelium nach dem Evangelisten Odendahl. Seine Unkenntnis dessen, was es heißt, Afrikaner zu sein und was Gemeinschaftsgefühl und Religion in Afrika bedeuten, macht seine Behauptungen so hohl wie der Bettlerglaube, den er uns unterstellt. Er dozierte einfach über Afrika mit einer Gewissheit, wie sie nur tiefe Unwissenheit hervorbringt.

Er versteht das Folgende nicht: Ein Afrikaner zu sein bedeutet, einen Glauben zu haben. Er ist ein zentraler Punkt im Leben jedes Afrikaners. Afrika ist ein religiöser Kontinent. Unsere Urahnen haben die Fragen des Lebens schon beantwortet. Sie haben sich in dieser Region der Welt schon wohlgefühlt, bevor das Christentum zu ihnen gekommen ist.

Wer in Afrika lebt, der weiß, dass das Leben uns jeden Tag mit Fragen konfrontiert, die wir lösen müssen; wir fühlen uns herausgefordert. So bedeutet es auch, ein Afrikaner zu sein, ein kämpfender Mensch zu sein, jeden Tag aufs Neue. Also haben schon unsere Vorfahren Antworten auf die komplizierten Fragen des Lebens gefunden.

Bei der Begegnung mit dem Christentum haben sie die Möglichkeit eines neuen Weges gesehen, ihren Glauben zu leben. Die Kirchen sind in Europa leer und in Afrika voll. Ihre Lebensfreude wird dadurch ausgedrückt: Die Menschen in Afrika feiern jemanden, der größer ist als wir alle. Sie feiern jemanden, den sie lieben. Das ist der Grund, warum die Evangelisierung bei uns Früchte trägt.

Während in Europa die Einsamkeit um sich greift, gibt es das in Afrika nicht. Wir leben diese Gemeinschaft, sie trägt uns überall hin. Wir haben ein tiefes Bedürfnis, dies auch in der Kirche zu tun. Wir suchen die Nähe von Menschen und können nirgends sein, ohne dass jemand merkt, dass wir da sind. Das ist unser Gemeinschaftssinn.

Atheisten sind in Afrika schwer zu finden, denn für die Leute ist es selbstverständlich zu glauben. Ein Afrikaner glaubt, egal wie gebildet er ist. In der Kirche findet man die gebildetsten Menschen unter uns. Es gab Zeiten in Europa, in denen jeder, der etwas zu sagen hatte, ein Sohn der christlichen Kirche war. Die Gebildeten, die in Europa nicht mehr glauben, können auch nicht beweisen, dass es Gott nicht gibt.

Man kann abschließend sagen: Glauben bei uns in Afrika ist keine blinde, irrationale Flucht. Er ist ein Zeichen unserer Liebe zu Gott und seiner Schöpfung, die Annahme. der Herausforderung, zu etwas Höherem zu streben. Es ist ein Aufruf, nicht in die zerstörerische Einsamkeit des Solipsismus zu verfallen. Unser Glaube ist ein Ja zum Leben. Er ist ein Ja zur Liebe. Und er ist eine Kampfansage an den Fatalismus. Wir glauben, als ob alles in Gottes Hand liegt und kämpfen jeden Tag, als ob ohne uns gar nichts weitergeht.

Das ist das Wissen, das Odendahl fehlt. Kulturen sind komplexe Realitäten. Einen ganzen Kontinent mit unglaublicher Vielfalt so abzukanzeln, kann nur das Ergebnis von entweder tiefster Ignoranz oder abscheulichem Paternalismus sein, oder von Beidem. Jedenfalls ist Afrika sowie seine Realität zu komplex, um es mit so einer schwachen Logik zu erfassen.

[Der Autor ist Afrika-Referent der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte]

 

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