Ein postmoderner Papst, der meditiert

Interview mit Pater Eckhard Bieger SJ von Sankt Georgen (Frankfurt)

FRANKFURT, 11. März 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Pater Eckhard Bieger von der Jesuitenkommunität Sankt Georgen Frankfurt, wo Papst Franziskus schon einen Studienaufenthalt verbrachte, ist in Deutschland für das Gebetsapostolat verantwortlich, das sich für die Verbreitung der monatlichen Gebetsmeinungen des Papstes einsetzt und Gebetsgruppen fördert. Er ist fast so lange Mitglied des Jesuitenordens wie Jorge Mario Bergoglio – Papst Franziskus, der genau am heutigen Freitag vor 58 Jahren in die Gesellschaft Jesu eintrat. Michaela Koller befragte Pater Bieger, ausgehend von den Exerzitien des Papstes in dieser Woche, nach den geistlichen Übungen des Ordensgründers, des heiligen Ignatius, und wie sie dieses Pontifikat und diese Zeit prägen könnten.

Papst Franziskus hat sich in dieser Woche von den Tagesgeschäften zu Exerzitien zurückgezogen, jedoch nicht völlig von der Öffentlichkeit, wie dies seine Vorgänger während dieser Zeit taten. Sind das überhaupt noch richtige Exerzitien, wenn dies so öffentlich vor sich geht?

Pater Bieger: Das ist schon der Punkt: Das sind nicht mehr die Exerzitien des Ignatius, sondern eher längere einkehrtag. Ich denke, er zeigte sich da öffentlich, weil er vielleicht als Vorbild alle Gläubigen zu Exerzitien anregen wollte.

Was macht denn die Exerzitien des Ignatius aus?

Pater Bieger: Die Exerzitien dauern 30 Tage und sind nicht für jedes Jahr vorgesehen. Weiter knüpft man wieder an die Praxis des Ignatius an, das jeder einzeln seinen Exerzitienweg geht. Für den Jesuiten stehen diese 30-tägigen geistlichen Übungen am Anfang des Ordenlebens. Wenn man in den Orden eintritt, durchläuft man das Noviziat, von dem ein wesentlicher Bestandteil diese geistlichen Übungen sind. Sie folgen einem Aufbau, der einen Exerzitanten ein bestimmten Weg entlang führt, der damit beginnt, sich zunächst einmal von seinem früheren Leben, vor allem von dem, was nicht in Ordnung war, zu verabschieden und dies auch in einer Beichte vor Gott zu bringen.

Als Zweites folgt der Kern der Exerzitien, eine Lebensentscheidung zu treffen. Die großen Exerzitien, wie man sie nennt, dienen dazu, für sein Leben Klarheit zu bekommen und zu entdecken, welche Berufung man von Gott hat. Exerzitien sind aber nicht nur für fromme Menschen oder Ordensleute, sondern für alle Gläubigen geeignet. Sie dienen der Klärung des eigenen Lebensweges.

Was schließt sich dann an?

Pater Bieger: In der sogenannten dritten Woche meditiert man die Leidensgeschichte Jesu, weil man für seine eigene Lebensentscheidung mit erheblichen Widerständen rechnen muss. Die vierte Woche ist der Meditation der Auferstehungsevangelien gewidmet. Ich bleibe demnach nicht im Leiden verhaftet, sondern bekomme die Perspektive, dass Gott auch mein Leiden wendet. Diese geistlichen Übungen erneuert man jährlich durch achttägige Exerzitien, die noch einmal in die Grundlagen hineinführen, sie vertiefen und aufarbeiten. So kann man auch die Fasten-Exerzitien in Ariccia verstehen, denn die Vatikanmitarbeiter sind meist nicht in der Phase, dass sie eine grundlegende Änderung in ihrem Leben vorhaben.

Die geistlichen Übungen des heiligen Ignatius wurden als Wendepunkt in der Spiritualitätsgeschichte betrachtet. Was brachten sie Neues?

Pater Bieger: Ignatius hat die Exerzitien über Jahre hinweg, auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Bekehrungsgeschichte, entwickelt. Neu war, dass er es in die Lebenswelt der Städte übertragen hat. Da ist er ganz modern und daher greifen die geistlichen Übungen auch immer besser. Die Menschen sind einmal am Tag zu ihm oder anderen Jesuiten gekommen und haben dort die Meditationen besprochen und sind dann wieder nach Hause oder in einen Garten gegangen, wo sie ungestört meditieren konnten. Es gab fünf Meditationen pro Tag, jeweils eine Stunde lang und anschließend eine Viertelstunde Reflexion über die Meditation. Neu ist vor allem auch die Methodik, auch dienen die Exerzitien der Einübung bestimmter Gebetsformen. Die Frage, wie sich das innere Leben zeigt, wird aufgenommen und einmal am Tag mit dem Exerzitienbegleiter besprochen. Eine Methodik der Meditation besteht zum Beispiel darin, dasselbe Evangelium einmal oder zweimal zu betrachten, um dadurch die Tiefe zu gewinnen.

Worauf baute Ignatius auf?

Pater Bieger: Ignatius hat zunächst sehr viel aus der monastischen Tradition übernommen, zurückgehend auf die ägyptischen Wüstenmönche. Diese Einsiedler haben sehr viele Erfahrungen gemacht, die in der Kirche tradiert wurden und zum Beispiel in die Benediktregel Eingang gefunden haben. Zur den traditionellen Punkten zählt die Unterscheidung der Geister, von der schon im Petrusbrief zu lesen ist. Der Gedanke hat eine lange Tradition in der Kirche, dass nicht immer nur der Geist Gottes da wirkt, wenn ich auf mein Inneres höre. Da gibt es auch andere Geister. Es geht darum, die Guten von den Bösen zu trennen. Ignatius beschrieb Phasen, die er Misstrost nannte, die wir heute als Depression bezeichnen würden, in denen nichts vorangeht, man sich verlassen fühlt und die Meditationen trocken bleiben. Den richtigen Weg zu finden, um nicht aufzugeben, ist das, was man in den Exerzitien lernt. Man macht in den 30 Tagen auch diese Erfahrung.

Worin besteht die Aktualität dieser Exerzitien heutzutage?

Pater Bieger: Heute ist man in der Lage, noch mehr psychologisch zu verstehen. Aber die Psychologie, die Ignatius gefunden hat, vor allem hinsichtlich der Abfolge der Exerzitien, muss nicht revidiert werden. Es gibt natürlich immer wieder neue Kommentare dazu und Hinweise für den Exerzitienbegleiter. Wir leben in einer Epoche, in einer Umbruchszeit, in der man viele Entscheidungen für sein Leben allein treffen muss. Ich muss einen inneren roten Faden bilden, sonst spült der Zeitgeist das weg, von dem ich nicht geprüft habe, ob ich es nicht doch brauche. Um diesen roten Faden zu finden, dienen die Exerzitien als das beste Psychoprogramm. Es gibt heutzutage viele esoterische Angebote, aber dabei werde ich nie mit den Schattenseiten meines Charakters konfrontiert. Jeder hat sich aber Dinge angewöhnt, die sein Leben nicht fördern.

Die Exerzitien sollen auch zu einer großen inneren Unabhängigkeit führen…

Pater Bieger: Insofern sind sie auch ganz modern, weil ich nämlich die grundlegenden Lebensentscheidungen im Gespräch mit Gott und nicht mit einer menschlichen Instanz zu treffen versuche. Und bei Ignatius steht im Hintergrund, dass Gott für mein Leben eine innere Berufung bereitgestellt hat. Der Exerzitienbegleiter soll die direkte Beziehung zwischen Mensch und Gott nur freiräumen.

Zurück zum derzeit bekanntesten geistigen Sohn des heiligen Ignatius, Papst Franziskus: Was fällt Ihnen denn auf, was das Jesuitische an ihm ausmacht? 

Pater Bieger: Es ist dieses Überraschende, der Umstand, dass er jeweils von der aktuellen Situation ausgeht, so wie er etwa nach Lampedusa reiste. Diese spirituelle Wachsamkeit ist ein Erbe des Ignatius. Das ist das, was einen Christen ausmachen soll, auf die Anregungen des Geistes einzugehen. Wenn er die Einsicht hat, dass Gott etwas gerade von ihm verlangt, dann tut er es. Er sagte einmal in einem Interview, das er genau dafür meditiert. Dabei kniet er sich zweimal am Tag zu einer Zeit vor den Tabernakel und versucht mit Jesus direkt, Antworten zu finden. Er ist jemand, der so ganz auf die Zeit eingeht. Ein postmoderner Papst.

Pater Bieger, wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

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