« Sie wollen nicht der Realität ins Auge sehen »

 
ROM, 23. Juli 2016 (Vaticanista/ZENIT.org).- Der ägyptische Jesuit und Professor Samir Khalil Samir, einer der führenden Islamberater des Vatikan, sieht die islamische Welt derzeit in der schlimmsten Phase ihrer Geschichte. Es gebe in der gesamten islamischen Welt eine Atmosphäre, die sich zunehmend radikalisiere. Michaela Koller befragte ihn anlässlich der jüngsten Terrorakte nach den Hintergründen.

Die Attentäter von Nizza wie auch von Würzburg sind anscheinend untypisch: Sie haben sich schnell radikalisiert und waren wohl psychisch labil. Sind die Taten nun politisch oder nicht?

Samir: In dem Fall des Täters von Nizza liegt es nicht an der Hoffnungslosigkeit oder dem Streit mit seiner Frau, die als Hintergründe angenommen wurden. Es war kein persönliches Problem, sondern ein politisches. Wir wissen nun, dass es ein terroristischer Akt war.
Er hob sein gesamtes Geld in der Bank ab und schickte 100.000 Euro an seine Familie in Tunesien. Andere sagten aus, dass er sich kurz vor der Tat radikalislamisch geäußert hat. Er rief, wie auch der Täter von Würzburg, auf Arabisch „Allahu akbar“. Wahrscheinlich hat er während der vergangenen drei Monate durch Propaganda im Internet die neue Tendenz entwickelt.
Viele junge Menschen, die nicht zufrieden sind, denken, dass alle Probleme in der islamischen Welt im Handeln des Westens begründet liegen. Und dann denken sie, sie müssten gegen die westlichen Länder agieren. Da sie nicht mit Armeen gegen diese Länder vorgehen können, tun sie es mit der Theorie von Jihadisten, um so in den Himmel gelangen zu können. Sie denken, sie verteidigten auf diese Weise den Islam und fänden zugleich eine Lösung für die eigenen Probleme.
Pater Samir; Foto: Stephan Baier

Pater Samir; Foto: Stephan Baier


Was begünstigt denn die derzeitige Häufung von Selbstradikalisierung?

Samir: Ja, tatsächlich sind es immer mehr, die sich selbst durch das Internet radikalisieren. Dort agieren entsprechende Netzwerke, darauf spezialisiert die Jugend zu radikalisieren. Zudem sind es auch Staaten wie Saudi-Arabien, die radikalen Islam verbreiten, nämlich den wahhabitischen Islam. Wir stellen das sogar in einem Land wie Ägypten fest. Immer mehr Leute sind davon überzeugt, dass der wahre Islam durch Leute wie die Salafisten, Muslimbrüder oder die Wahhabiten vertreten wird.
Die Wahhabiten haben einen großen Einfluss auf die Muslime im allgemeinen, durch ihr Geld, auch auf die Muslimebruderschaft, die inzwischen einige ihrer Ideen integriert hat. Es gibt in der gesamten islamischen Welt eine Atmosphäre, die sich zunehmend radikalisiert.
Der Islam geht durch seine schlimmste Phase. Intellektuell, ökonomisch ist die islamische Welt derzeit Schlusslicht. Anstatt den Grund dafür bei sich zu suchen, in der falschen Theologie oder Auslegung des Koran, sagen sie, dies liege am Westen, an seiner Kolonialgeschichte und an seiner Einmischung, besonders Amerika, in unserer Politik. Dabei haben andere Länder diese Zeit binnen zehn Jahren überwunden.

Erklärt das vielleicht auch zum Teil, warum es keine breit aufgestellte und geschlossene Verurteilung dieser Gewalt gibt?

Samir: Ja, das ist ein Problem der Muslime. Sie sagen zuallererst immer, das die Tat nichts mit dem Islam zu tun habe, dass die Täter Fanatiker seien, dass Islam Friede (Salām) bedeutet, was absolut falsch ist . Sogar der Rektor der Universität Al-Azhar in Kairo, Ahmed Al-Tayyib, sagte das auf seiner Tournee vor einigen Wochen durch Europa, in Deutschland, wie auch beim Papst und mit Präsident Francois Hollande in Paris.

Ich antworte dann immer, sie sollten die Fahne des IS anschauen. Sie ist schwarz wie die von Mohammed, und darauf steht: ‚Es gibt keine Gottheit außer Gott und Mohammed ist sein Prophet‘, das ist das Credo aller Muslime. Dazu kommt das Schwert. Auch Mohammed hatte das Schwert als Symbol, sowie die Fahne Saudi-Arabiens. Sie wollen nicht der Realität ins Auge sehen.

Übt die Gewalt vielleicht sogar im Gegenteil vielleicht auch eine Faszination aus?

Samir: Es ist klar: Seit der IS das grundlose Blutvergießen begonnen hat, ist es jederzeit und an jedem Ort möglich, dass ein Muslim, der eine Gehirnwäsche durchgemacht hat, Leute niederschießt. Darauf ist die Welt, sind die Armeen, nicht vorbereitet. Es ist schwierig, gegen Terroristen einen organisierten Krieg zu führen.
Die Männer, die sich radikalisieren, erlebten auch vorher, wie die Vereinigten Staaten gewaltsam im Irak einmarschiert sind. Sie sehen daraus, dass diejenigen, die die Macht haben, alles tun dürfen, während die anderen es akzeptieren müssen. Das wird nun benutzt, um eine Reaktion zu rechtfertigen. Es rechtfertigt aber nicht die Methode.
Die Radikalisierung des Islam rührt auch von der wahhabitischen Vision aus Saudi-Arabien her. Sie sagen, dass das aus dem Koran und der Sunna kommt, und das stimmt. Sie denken, wenn sie alles so tun, wie Mohammed es getan hat, werden sie wieder die Besten sein und dann werden sie die Welt gewinnen.
Die liberalen Muslimen aber sagen, dass der Koran für Beduinen, Leute der Wüste, Anfang des siebten Jahrhunderts geschrieben wurde; und das wir heute in einer total anderen Zivilisation und Kultur leben, vierzehn Jahrhunderte später, mit eine anderen Mentalität. Deshalb müssen wir den Islam neu interpretieren, den Geist des Islams erfassen, nicht wörtlich auffassen.
Das ist was der Präsident Abd el-Fattah al-Sisi, von Ägypten Ende Dezember 2014 in seine Rede in der Al-Azhar Universität sagte, in Anwesigkeit von Hunderten Imame: ‚Wir brauchen ein Revolution im Islam, eine neue Interpretation unserer Texte‘. Damals applaudierten alle lang, aber bis jetzt hat sich an der Lehre und in den Büchern nichts geändert.

 

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