„Mitwirken an der Menschwerdung des Menschen“

Bischof Oster neuer Chef der Jugendkommission der DBK

Von Michaela Koller

FULDA, 22. September 2016 (Vaticanista).- Bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda sind am Dienstag die Kommissionsspitzen gewählt. Mit Spannung war die Nachfolge von Kardinal Karl Lehmann, Mainz, als Chef der Glaubenskommission erwartet worden. Hier fiel die Wahl auf Bischof Karl-Heinz Wiesemann von Speyer. Neuer Vorsitzender der Jugendkommission ist Bischof Stefan Oster von Passau. Vaticanista veröffentlicht aus diesem Anlass ein Porträt, das zum diesjährigen Fest Maria Hilf auf Italienisch in dem Band „La società dell’allegria: Don Bosco raccontato dai salesiani del XXI secolo“ (if Press, Hg. Luca Marcolovio) mit einem Vorwort von Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga erschienen ist in der deutschen Fassung.

Foto: Pressestelle Bistum Passau

Foto: Pressestelle Bistum Passau

Schnell schreitet Bischof Stefan Oster rechts an den Bänken vorbei in der Kapelle nach vorn. Bald schon greift er in der ersten Reihe nach einem  Kabel, um die Technik für seine Katechese mit Power-Point-Tafeln in Gang zu bringen. Ein Hirte in Bewegung, entschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das wirkt fortschrittlich. Aber was heißt Bewegung, Fortschritt? Auf was zu? Florian Kronawitter, der hier für die Kontakte zur Öffentlichkeit verantwortlich ist, erklärt vorab,  was uns hier heute Abend erwartet: „Er versucht, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Schrift und die katholische Lehre  näher zu bringen, indem es lebensnaher formuliert ist.“

Nah am Leben, nah am Menschen. Alle zwei Wochen versammelt der Bischof in Passau regelmäßig rund fünf Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene zu Lobpreis und Glaubensvertiefung. Selbst an diesem ersten lauen, sonnigen Frühlingsabend des Jahres zieht es noch mehr als 50 junge Gläubige in das kühle, gotische Gemäuer, in das nur wenige Lichtstrahlen hinein dringen. „Dem Bischof ist es wichtig, dass er möglichst oft dabei sein kann, um den Leuten zu sagen, dass es nicht nur ein Angebot ist, das der Bischof unterstützt, sondern auch von ihm mitgestaltet, ja geprägt wird“, erzählt der 18-jährige Kronawitter mit bayerischer gefärbter Eloquenz. Nicht jeder Hirte ist so häufig für seine Herde ansprechbar, greifbar: „Ein Bischof zum Anfassen“, schreibt ein Nutzer auf der Facebook-Seite der Veranstaltung mit dem jugendgemäß englischen Namen „Believe and Pray“ – kurz B ’n‘ P. Oster, selbst aktivster deutscher Bischof in dem sozialen Netzwerk mit beinah 9.000 „Likes“ und vielen „Postings“ zu Glaubensfragen, verlinkt die Einladungen, die alle zwei Wochen ergehen.

Die Texte der Lieder, auch überwiegend auf Englisch, werden an eine Leinwand projiziert: „For us God is faithful, for us God is strong“, beginnt der Gesang. Nach einem biblischen Impuls kehrt plötzlich Stille ein. Mindestens für Erstbesucher eine gefühlte Ewigkeit lang. Bischof Oster hat in diesem Frühjahr mit dem Thema Bergpredigt in seinen Impulsreferaten begonnen. Heute beschäftigt er sich mit dem Wort: „Selig, die arm sind im Geist, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5, 1-3). „Die Bergpredigt ist eine Beschreibung echter, menschlicher Größe – und zwar innerer Größe, nicht dessen, was unsere Welt groß nennt“, sagt der Bischof. Nicht einmal die Gier nach Wissen helfe weiter auf dem Weg zu dieser Größe, auch wenn in unserer Welt die Gescheiten als Große gelten. Er erklärt so den biblischen Begriff der Armut und greift auf die Philosophie Max Schelers zurück, wenn er über den menschlichen Geist spricht: „Der Mensch ist in der Lage, sich über Triebe und Bedürfnisse des Organismus hinaus einem Gegenstand, einer Person, einem Wert um dessen selbst willen zuzuwenden“, beschreibt er die menschliche Befähigung zur Sachlichkeit. Die sachliche Vernunft sei „arm“, im Sinne von empfänglich, offen, die Vernunft dagegen, die nur benutzen und gebrauchen will, sei „reich“, aber gewissermaßen auch unersättlich. Arm im Geist zu sein, bedeute zudem, mit Gott im Frieden zu sein, sich von ihm geliebt und getragen zu wissen. „Wir müssen unser Erkennen dann nicht dauernd im Modus des Habens und Beherrschens vollziehen, sondern können uns freigebend und gelassen der Welt zuwenden.“

Mit „Believe and Pray“ – biete der Salesianerbischof eine „komplett andere Form von Spiritualität“, die es bis jetzt in der Diözese noch nicht gegeben habe. Gemeint ist der Lobpreis. Florian Kronawitter hat ihn vorher noch nicht gekannt. Geistliche Gemeinschaften, Weltjugendtagsforen laden schon dazu ein, aber mitten im jungen gläubigen Volk der Diözesen ist er noch nicht verbreitet, wie der junge Mann berichtet: Bei B ’n‘ P kommen Mitglieder der Katholischen Studierenden Jugend, der Katholischen Landjugendbewegung, der Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens, Pfadfinder, Ministranten und was es sonst noch so gibt zusammen. „Wir verbinden Musik, Gebet und Gespräch miteinander“, sagt der große, schlanke Sprecher. Der Bischof habe Wert darauf gelegt, dass Musiker, die mit Lobpreis reichlich Erfahrung haben, die Abende mitgestalten.

Auf die Frage, ob der bisherige Weg mit Believe and Pray ihn persönlich auf  seinem spirituellen Weg verändert habe, antwortet Kronawitter: „Was ich jetzt herausgezogen habe, ist ein Spruch, den der Bischof mal gebracht hat: Wir schulden einander nichts außer Liebe.“ Das sei etwas, über das er seither auch im Alltag nachdenke, bekennt er bei unserem Gespräch im schattigen Hof des Doms St. Stephan. Eine  B ’n‘ P-Besucherin mit einem langen dunklen Zopf und breitem Lächeln, die Florian Kronawitter gerade begeistert begrüßt hat, pflichtet ihm bei. „Der Satz ist ein schöner und einer meiner liebsten. Auch wenn man mal grantig ist auf Andere, muss es doch zu einem gewissen Grad Akzeptanz geben“, sagt Astrid Schmidmeier. B ’n‘ P gebe ihr ganz viel, weil sie kein vergleichbares Angebot kenne, wo ihr erklärt werde, was sie bete. „Einige haben schon nach dem Konzept von B ’n‘ P gefragt“, weiß Florian Kronawitter zu berichten. In Zukunft könnte es sich auf diese Weise in der Diözese ausbreiten.

Was Florian Kronawitter „lebensnah“ nennt, kann man auch als authentisch bezeichnen: Als Bischof Oster in einer Live-Sendung des regionalen Fernsehens mit Kirchenkritikern zur Debatte antritt, bekennt er mit roten Ohren, wie die Begegnung mit Christus auch seine Einstellungen geändert hat. Er spricht nicht kühl-abgehoben, nicht provokativ. Die Situation im Saal ist aber anscheinend dennoch nicht angenehm: Manches Grinsen auf den Lippen seiner Zuhörer verrät Häme.

Professor in Benediktbeuern

Oster setzt als Bischof fort, was er als Professor für Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer in Benediktbeuern begonnen hat: Mit jungen Menschen über den Kern des Glaubens zu sprechen und sie ins Gebet zu führen. Im Interview nennt er die Erfahrung, die er damit gemacht hat, ein Geschenk. Vor diesem Erfahrungshintergrund habe er später als Bischof Vertreter aus der Jugendarbeit seines Bistums eingeladen, um mit ihnen darüber nachzudenken, was davon dort fruchtbar werden kann. In Benediktbeuern bedeutete das konkret: Regelmäßig zur zwölfstündigen Anbetung in die Klosterkapelle einzuladen, oder zu Gebetswochen, in denen rund um die Uhr mindestens zwei junge Gläubige in der Kapelle wachen. „God for you(th)“ heißt der Kreis dort, der auf seine Initiative zurückgeht. „Zunächst beten wir, dass Gott verherrlicht werden möge. Tag und Nacht. Dann aber sehnen wir uns danach, dass Benediktbeuern immer mehr ein Ort wird, an dem besonders junge Menschen Gott begegnen können, geistliches Zentrum aus dem Geist Don Boscos. Und wir beten für bestimmte Anliegen“, hatte er der Autorin erklärt, die ihn bereits anlässlich eines Abendvortrags in der Zeit im Jahr 2012 traf, als „God for you(th)“ entstand.

Unser Gespräch damals in Benediktbeuern unterbrach er, um junge Zuhörer an eine noch anschließende Begegnung zu erinnern. Es wirkte so, als hätten sie darauf schon gewartet, als freuten sie sich darauf. Dabei hatte er in seiner Ansprache so gar nicht vertreten, was junge Aktivisten katholischer Verbände gerne hören wollen: Dass das mit der Morallehre doch auch lockerer und moderner ginge. Er räumte zwar ein, ihm sei vollkommen bewusst, dass das hartes Brot sei. Aber klar hielt er ihnen entgegen: „Das dreimal wiederkehrende Wort von der Anschlussfähigkeit halte ich gleichwohl für zutiefst zweideutig und gefährlich. Christus will, dass sich die Menschen ihm anschließen, nicht umgekehrt.“ Klar, dass Zuhörer kritische Fragen stellten, auch Professorenkollegen. Aber es gab auch deutlich Zustimmung unter den jungen Anwesenden. Die Auseinandersetzung habe er gerne, bekannte er im Interview. „Ich frage mich immer wieder, warum wir so sehr an den Strukturfragen hängenbleiben: In der Mitte der Kirche ist Christus wirklich gegenwärtig“, fuhr er fort. Die Perspektive hänge nicht vom Alter ab.Natürlich ist die junge Generation wie alle Generationen auf der Suche nach Gott“, verteidigte er sie.

Er habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Jugend diese Frage vor allem dann stellt, wenn sie überzeugenden Christen begegnet, Menschen, die aus der Erfahrung lebten, dass Gott ihr Leben verändert hat. „Ist es wirklich möglich, dass Gott auch mein Leben verändert?“ Das sei letztlich die Frage, zu der ein gelebtes Christuszeugnis junge Menschen führen müsse. „Dann erwacht die Sehnsucht nach Christus und die Frage, wie wir ihm begegnen können.“ Wie denn Christus ihn verändert hat und ihn in seinem Wunsch, seine eigene Glaubenserfahrung an junge Menschen weitergeben zu können, als 30-Jährigen 1995 zu den Salesianern Don Boscos führte, erfährt die Autorin in einem Interview. Wir treffen uns dazu im Empfangsraum des Bischöflichen Sekretariats. Durch eine breite Fensterfront blicken wir auf die bedeutendste Barockkirche italienischer Prägung auf deutschem Boden, den Dom St. Stephan. An der Wand uns gegenüber hängt ein moderner Christus-Triptychon mit krassen kalt-warm Kontrasten.

Wir kommen noch einmal auf die Weitergabe der kirchlichen Lehre an die junge Generation zu sprechen. Sie in der Geduld und in der Hoffnung mitzunehmen, ohne die Wahrheit preiszugeben, hat er sich vorgenommen. Oster kritisiert in diesem Zusammenhang gerne die Lagerbildung. Auf der einen Seite gebe es die Rechtgläubigen, die die Wahrheit mit den Löffeln gefressen hätten, und die anderen, die davon nichts mehr wissen wollten und sagten, es habe nichts mehr mit ihrer Wirklichkeit zu tun. „Die versöhnte Mitte zwischen beiden ist die Heiligkeit“, ist er überzeugt. Hier kommen wir zu einem seiner Kernthemen. „Der Sieg der Wahrheit ist die Liebe“ lautet sein bischöflicher Wahlspruch. Seine Erfahrungen haben ihm gezeigt, dass er den Jugendlichen nicht die Wahrheit wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen könne, sondern ihnen da hinein helfen müsse wie in einen warmen Mantel. „Das kann ein bisschen dauern, bis sie drin sind. Wer ist schon je ganz drin?“

Grundvertrauen in Gegenwart Christi in seiner Kirche

Sein eigener Glaubensweg hilft dem spätberufenen Salesianer Wege der Weitergabe zu erschließen. Ein Grundvertrauen in die Gegenwart Christi in seiner Kirche war immer da. Das heißt konkret, dass Kirche, vertreten durch die Geistlichen in der Pfarrei oder Leiter katholischer Gruppen, keine Spaßbremse ist, was viele Menschen heute denken. Oder gar zum Heucheln verleite oder zum Schaden gereiche. „Kirche habe ich ganz selten als repressiv erfahren. Ich habe nie geglaubt, mich gegen etwas Altes oder Überkommenes emanzipieren zu müssen. Das war ein Glück“, erinnert er sich. Natürlich gab es da auch schon mal einen gar zu hartherzigen Pfarrer. Aber er habe zugleich stets gläubige Menschen gekannt, die für ihn auch die Kirche repräsentierten, die wohlwollend waren, gar Vorbilder. „Tolle Burschen“ nennt er heute die besten seiner Leiter in den katholischen Gruppen.

Vielen Enttäuschungen gehen auch überhöhte Erwartungen an die anderen Menschen voraus, die sich bei dem 50-Jährigen offenbar in Grenzen halten. „Wissen Sie, die Menschen, die einem die Erfahrung schenken, dass sie den ‚Karren Kirche‘ wirklich innerlich ziehen und uns in Richtung Reich Gottes bewegen, das sind nicht so viele.“ Unter den aktuellen Beispielen in der Nachfolge Don Boscos kommt Oster mit bebender Stimme auf Bruder Lothar Wagner in Sierra Leone zu sprechen. Für einen Moment hält er inne. Der Ordensbruder arbeitet dort als Streetworker und leitet eine Einrichtung für heimatlose Kinder und Jugendliche. Wegen seines Einsatzes gegen Kinderprostitution wurde er schon mehrfach bedroht. Trotz der dramatischen Ansteckungsgefahr durch Ebola unterstützt er weiter junge Menschen, die die Seuche zu Waisen gemacht hat, und davon betroffene Familien. „Und was für ein Salesianer er ist. Ich kenne eigentlich niemanden, der soweit rausgeht, mit seiner ganzen Existenz, seinem ganzen Leben. Da leuchtet etwas von Jesus auf“, sagt der Bischof schließlich.

„Ich hatte immer das Glück, Menschen gefunden zu haben, die berührt sind. Menschen, die mir eine Tür geöffnet haben, durch die ich hindurch gegangen bin“, resümiert der Bischof. Eine zentrale Figur unter Osters Zeugen ist sein philosophischer Lehrer Ferdinand Ulrich. Der von Hans Urs von Balthasar hochgeschätzte Religionsphilosoph führte den früheren Journalisten, als dieser ein junger Student war, tief in die Antworten seiner bohrenden Fragen hinein: Was ist Liebe? Was ist Freiheit? Was ist Wahrheit? „Ich habe immer wissen wollen: Was ist wirklich wahr?“ erinnert sich der Bischof. Die Konsequenz aus der Antwort, dass nämlich Christus selbst die Wahrheit in Person ist, hieß für Oster, sich ihm ganz zur Verfügung zu stellen.

Die Entdeckung Don Boscos

Wie kam Oster, der als Journalist über philosophische Fragen seinen Glauben neu und tiefer entdeckte, dazu, gerade Salesianer Don Boscos zu werden, möchte die Autorin von ihm wissen. Was man sich bei der Kombination von Interesse an Philosophie und Journalismus denken konnte: Anfangs, als er noch auf der Suche nach „seinem“ Orden war, hat er  gedacht, dass die Gesellschaft Jesu infrage kommen könnte. Neben der Leidenschaft, Menschen durch seine Sprüche am Mikrofon mitzureißen oder durch Reportagen in andere Welten zu entführen, gab es aber noch eine weitere: „Ich weiß noch, dass ich damals oft gesagt habe: Wenn ich nicht Journalist wäre, fände ich den Beruf des Kindergärtners super.“ An viele Erfahrungen erinnert sich Oster, wie er mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterwegs war. Zur besonderen Nähe zum Thema Pädagogik kam noch eine Fügung hinzu: Klosterbesichtigungen an Wochenenden führten den damals fast 30-Jährigen nach Benediktbeuern, das die Salesianer Don Boscos 1930 erworben hatten. Als Benediktinerabtei im 8. Jahrhundert gegründet, mythisch mit Karl Martell verbunden, barg sie bis ins 19. Jahrhundert die Carmina Burana. Das Kloster liegt in einer märchenhaft-schönen Postkartenlandschaft des bayerischen Voralpenlandes, von wo einst die Cimbern nach Oberitalien aufbrachen.

Und genau hier kaufte Oster als Journalist auf Sinnsuche im Klosterladen eine kleine Biographie Don Boscos. „Sie lag dann wochenlang unberührt auf meinem Nachtkastl“, erinnert er sich heute. Zum Lesen kam er erst einmal nicht, denn er hatte – neben seinem anspruchsvollen Beruf – schon angefangen, morgens und abends intensiv wie ein Ordensmann zu beten. „Eines Abends habe ich dann innerlich einen Film ablaufen sehen, einen Film, in dem ich alle Szenen in meinem Leben sah, in denen ich mit jungen Menschen und für junge Menschen unterwegs war.“ Das fand er eigenartig. Seine Neugier brannte nun für diesen Apostel der Jugend, dessen Lebenserzählung neben seiner Schlafstätte lag. „Irgendwann habe ich dann die kleine Biographie von Don Bosco gelesen und da hat es mich richtig „erwischt“. Ich habe gedacht: Da gehöre ich hin.“ Das Erste, das er daraus erfuhr: „Don Bosco war ein Gaukler. Er führte Kindern und jungen Menschen Kunststücke vor und als Eintritt erbat er, ein Ave Maria oder Vaterunser mit ihm zu beten.“

Bischof Oster im Kreis von Journalisten; PBP

Bischof Oster im Kreis von Journalisten; PBP

Früher ein jonglierender Clown

Oster fühlte sich ihm nun gleich verbunden. Das lag an seinem alten Nebenjob aus Studentenzeiten: Für das nötige Kleingeld, um exotische Reiseziele zu erreichen, hatte er sich das Jonglieren beigebracht. Und um es etwas witzig zu präsentieren, schlüpfte er von Zeit zu Zeit in das Kostüm eines Clowns. Im Internet gibt es, zehntausende Mal angeklickt, den Beleg, wie er noch 2011 als Theologieprofessor so unter ganzem Körpereinsatz beim Kongress des weltweiten katholischen Hilfswerks Kirche in Not auftrat, geschickt von Spiel und Spaß zum Glaubenszeugnis überleitend. Was man sich bei anderen Gelehrten eher als gewollt-witzig vorstellen kann, wirkt bei dem Dogmatiker, vom Typus jugendlich-sportlich, durchaus authentisch. Mit bunten Bällen und gar einem Ei jonglierend, versteckt er seine dunkelblonde Scheitelfrisur anfangs unter einer buntgefleckten Ballonmütze, die Nase hat er rot angemalt. Zu einer kunterbunten Hose trägt er ein T-Shirt mit dem Porträt Don Boscos. Selbstironisch und mit Erwartungen spielend bringt der Salesianer Don Boscos dabei sein Publikum zum Lachen. Er treibt die Zuschauer schließlich zum jubelnden Applaus, indem er Bälle jonglierend und voll Humor eine Berufungsgeschichte in Gedichtform vorträgt, die wohl seine eigene ist und lädt zur Auseinandersetzung mit Don Bosco ein. „Das war ein erster Anknüpfungspunkt“, erinnert sich Oster mit Blick auf die Artistenerfahrung, die er mit seinem heiligen Vorbild teilt.

Das salesianische Charisma und das pädagogische Programm Don Boscos

Die Autorin interessiert Näheres zur Pädagogik Don Boscos aus der Sicht von Bischof Oster. „Das Mitwirken an der Menschwerdung des Menschen“. Das sei sein innerer Antrieb. „Unter den Augen Gottes, dem liebenden Blick Gottes“ wollte er daran mitwirken. „Das ist das Herzstück, worum es da geht“, sagt er, wobei seine Stimme ganz leise und tief wird. Der pädagogische Impetus von Don Bosco sei das, was ihn am meisten bewegt habe. Die Methode, die der Apostel der Jugend hinterlassen habe, sei die Präventivmethode, erklärt er. Praevenire heißt zuvorkommen. „Also die zuvorkommende Liebe Gottes leben“, fährt er fort. Für Bischof Oster ist das der Aufruf: „Sei mit den Jugendlichen, gewinne ihr Herz, gewinne ihre Freundschaft, damit sie, bevor sie einen Schmarrn machen, mit dir schon unterwegs sind, sich von dir bewegen und von dir zu Gott führen lassen.“ Das bedeute, nicht erst reparativ oder gar repressiv mit Jugendlichen zu arbeiten. In vielen Bereichen sei Prävention ein aktuelles Stichwort. Aber Don Bosco habe die Bedeutung schon früh erkannt. Natürlich betreffe dies auch sein Herzensanliegen, das Glaubensgespräch mit den jungen Menschen: „Wenn man versucht, in der Weise wie Don Bosco unterwegs zu sein, dann geht das schon“, sagt er optimistisch.

Ob der Optimismus und die Freude, die beim Ordensgründer sprichwörtlich auffielen, nicht auch seinem Temperament entsprechen, möchte die Autorin wissen. Oster denkt nach und antwortet darauf geistlich: Die Freude des Evangeliums erfülle das Herz. Ohne ein substantielles Gebetsleben könne es aber diese Freude nicht geben. Zusätzlich zur Freude an Gott ist es die bevorzugte Liebe zu den Menschen am Rand, besonders auch zu den jungen Menschen“, fährt er fort, als wir auf das Besondere am salesianischen Charisma zu sprechen kommen. Gott liebe in besonderer Weise die Kinder und die jungen Menschen. Sie seien gefährdet. Es komme darauf an, mit den jungen Menschen unterwegs sein, mit ihnen zu reden, nicht nur über sie, so von oben herab. „Wir sagen manchmal den Satz, von dem wir gar nicht genau wissen, ob er original von Don Bosco ist: Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“. Ihm werde zunehmend bewusster, dass das ein richtiges geistliches Programm sei: „Unter den Bedingungen von heute einerseits das Evangelium klar und wahr zu verkünden, und andererseits zu sagen: Dann lass sie halt reden, auf dich einschlagen und versuche dabei im Frieden und in der Freude zu bleiben.“

„Ich bin überzeugt davon, dass die Muttergottes in meinem Leben Regie führt“

Es gibt noch einen spezifischen Aspekt in der Spiritualität Don Boscos, zu dem Bischof Oster einen ganz besondere Bezug hat: die Verehrung der Muttergottes unter dem Titel „Maria, Hilfe der Christen“, auch Schutzmantelfest oder Auxilium genannt. Er war schon Salesianer Don Boscos geworden, da erfuhr er, dass der Gründer des Ordens die Muttergottes zunächst als Immaculata verehrte, später aber auf diesen Titel gekommen sei. „Don Bosco hat dann wohl gemeint, da müsse so ein aktiveres Moment hinein. Wir wissen eigentlich nicht so genau, warum das so war“.  „Ein starker Kristallisationspunkt“, von dem die Mariahilf-Verehrung ausging, war ausgerechnet Passau. Kaiser Leopold I., der 1683 in die Dreiflüssestadt geflohen war, betete hier mit seiner Gemahlin gegen die Türkengefahr. Daraufhin bereitete das christliche Heer unter Jan Sobieski in der Schlacht am Kahlenberg am 12. September 1683 der osmanischen Armee eine vernichtende Niederlage. Der katholische Teil der Siegreichen hatte unter dem Zeichen der Schutzmantelmadonna gekämpft. In der Folge wurde das Passauer Mariahilf-Gnadenbild zum Staatsgnadenbild der Habsburgermonarchie. Von geistlichen Zentren in Süddeutschland aus gab es schließlich eine Bewegung durch die Entstehung der Mariahilf-Bruderschaften. „Sicher kam dies auch bei Don Bosco an“, sagt der Bischof. „Heute wird in Südeuropa und Lateinamerika Mariahilf immer mit Don Bosco in Verbindung gebracht“, weiß Oster zu berichten. Die große Mariahilf-Basilika in Turin, in der Don Bosco begraben liegt, hatte der Ordensgründer ab 1863 bauen lassen. Das dortige Hauptaltarbild wurde zum Vorbild für zahlreiche Maria-Hilf-Statuen in aller Welt. Seit der Zeit verbreiteten die Salesianer die Verehrung Mariens unter diesem Titel, denn Don Bosco hatte das Attribut Maria Helferin in den Ordensnamen aufgenommen.

Das Fest begleitet Stefan Oster aber schon durch sein ganzes Leben hindurch

Ich bin in Amberg im Marienkrankenhaus geboren, unterhalb des Mariahilfbergs“. Das liegt in der Oberpfalz, im östlichen Teil Bayerns. Bis zu seiner frühen Jugend habe er dort gelebt, an diesem Berg gespielt, „Indianer, Fußball und was auch alles“, erzählt der 50-Jährige. Dass es aufregend war, erinnert er sich weiter, wenn einmal im Jahr dort das große Bergfest stattfand, zu dem die Franziskaner predigten. Plötzlich geschah etwas, bei dem er als Junge wirklich des himmlischen Schutzes bedurfte: Fieber, Schüttelfrost, starke Kopf- und Nackenschmerzen machten ihm eines Nachts zu schaffen. Sein Vater eilte mit ihm zum Krankenhaus unter dem Mariahilfberg. Trotz dieser gefährlich verdächtigen Symptome ließ das Personal sie erst einmal lange warten. In seiner Verzweiflung wurde der Vater dann laut und energisch. „Ein Arzt kam dann und stellte fest, was ich hatte. Wenn sie es später erkannt hätten, dann wäre ich zumindest geistig behindert geworden.“ Stefan Oster war an einer Hirnhautentzündung (Meningitis) erkrankt, die in der Tat innerhalb weniger Stunden lebensbedrohliche Ausmaße annehmen kann. Viele Jahre später, nach vielen Stationen, darunter lange in Regensburg, aber auch in Norddeutschland und in Oxford, kommt Oster als Ordensmann in Benediktbeuern wieder mit dem Schutzmantelfest in Berührung. Schließlich erfolgt am 4. April 2014 seine Ernennung zum 85. Bischof von Passau. Er erinnerte sich, dass er dort einmal eine heilige Messe gefeiert hat, weil er gebeten worden war, dort einer Trauung zu assistieren. Ausgerechnet am Mariahilfberg. Es war auch nicht irgendeine Hochzeit, denn der Bräutigam war der weltbekannte Autor Peter Seewald (unter anderem „Licht der Welt – Ein Gespräch mit Papst Benedikt XVI.“).

Wie der Pater in  Benediktbeuern so an seine künftige Wirkungsstätte an Donau, Inn und Ilz dachte, erreichte ihn aus Passau der Vorschlag, die Weihe auf den 25. Mai zu legen, einen Tag nach dem Fest Mariahilf. Natürlich fragte er gleich zurück, ob die Einladung nicht schon für einen Tag davor ergehen könne. Zunächst stieß seine Idee auf Widerstand. „Das sei unmöglich, antworteten sie, weil an einem Samstag im Mai viele Hochzeiten stattfinden“, erzählt der Bischof heute. Er habe dann den Münchener Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, der ihn weihen sollte, angerufen, um mit ihm den Termin abzustimmen. Dank des dichten Terminkalenders des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz holte den Salesianer Maria Auxilium Christianorum wieder ein: Am 25. Mai hatte Marx absolut keine Zeit. Und so wurde Pater Stefan Oster am 24. Mai 2014, an einem sehr warmen, sonnigen Samstag im Dom zu Passau, der auch noch seinen Namen trägt, zum Oberhirten dieser Diözese geweiht. „Dann komme ich nach Passau und werde hier Bischof und erfahre, dass von hier die Mariahilf-Verehrung quasi ihren Ausgang genommen hat“, sagt er im Gespräch mit der Autorin.

Bei der Erstellung des Gebetskärtchens für die Bischofsweihe habe sich noch „ein schöner Zufall“ gezeigt: „Don Bosco hat – weil er diesen 24. Mai so geliebt hat – an jedem 24. im Monat in seinen Häusern den Mariahilfsegen gespendet. Er hat einen besonderen Segen geschrieben und sich diesen vom Papst approbieren lassen“, sagt er. An einem 24. Juli legte Stefan Oster seine Ewige Profess ab, an einem 24. Juni wurde er zum Priester geweiht und die Bischofsweihe erhielt er am 24. Mai. Wie er sich diese Kette von Fügungen erklärt, möchte die Autorin wissen: „Ich bin überzeugt davon, dass die Muttergottes in meinem Leben Regie führt“, antwortet der Bischof mit fester Stimme.

 

 

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