Nordnigeria – einer der gefährlichsten Orte für Christen

Interview mit IGFM-Afrikareferenten Emmanuel Ogbunwezeh

Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh ist Referent für Sub-Sahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Regelmäßig reist der katholische Sozialethiker nach Nigeria, wo er geboren ist, um sich über die Lage der Christen und die Situation der Menschenrechte zu erkundigen. Nach seiner jüngsten Reise befragte ihn Michaela Koller über die islamistischen Bedrohungen.

 

Das Interview auf Bonifatius TV

btv_gespraeche_menschenrechte_nigeria_kollerogbunwezeh_btvHerr Dr. Ogbunwezeh, Sie sind gerade aus Ihrer Heimat Nigeria zurückgekehrt. Was plagt speziell die Christen dort?

Ogbunwezeh: In Nigeria haben wir drei große Probleme, mit denen die Christen heute konfrontiert sind. Erstens die Tatsache, dass die Terrorgruppe Boko Haram Nordnigeria verwüstet. Dort wurde auch die Scharia als Strafrechtsordnung eingeführt. Christen können keine neuen Kirchen bauen oder konfessionelle Schulen betreiben. Im Norden Nigerias kommt es zudem allerdings auch noch immer wieder zu Morden an Christen durch fanatische Muslime, die eine Minderheit „Ungläubiger“ in ihrer Nähe nicht tolerieren können. Christen haben auch ihr Hab und Gut verloren, weil ein Teil der Muslime sie enteignet hat. Tatsache ist, dass Nordnigeria heute einer der gefährlichsten Orte weltweit für Christen ist.

Boko Haram heißt doch übersetzt „westliche Bildung ist verboten“. Warum hat Boko Haram westliche Bildung zur Zielscheibe erklärt?

Ogbunwezeh: Die Organisation versucht, bestimmte Werte in Nigeria auszulöschen. Diese Werte heißen Demokratie, westliche Bildung und die christliche Religion. Sie glauben, dass alles zu der Korruption beigetragen habe, die das Land heruntergewirtschaftet hat. Aber im Grunde sehen wir eine Bewegung, das Land zu islamisieren. Diese Fanatiker glauben an Weltherrschaft und daran, dass die Zeit gekommen sei, dass der Islam die Welt erobern muss. Nigeria ist dabei nur eine einzige Front in diesem Kampf zwischen islamistischem Fundamentalismus und allen anderen.

Hat sich die Gruppe nicht erst später radikalisiert? Als Boko Haram 2002 gegründet wurde, traten die Anhänger lange Zeit noch nicht gewalttätig auf. Erst seit 2010 erfahren wir dauernd von grausamen Anschlägen…

Ogbunwezeh: Da haben Sie vollkommen Recht. Man muss auch klar sehen, dass bereits am Anfang schon diese Ideologie zu erkennen war. Dass sie sich radikalisiert haben, ergibt sich nur folgerichtig aus dieser Weltanschauung. Als die nigerianische Regierung hart gegen diese Gruppe vorgegangen ist, ging sie in den Untergrund. Von da an haben sie begonnen, unter dem Namen Boko Haram aufzutreten. Boko ist das Haussa-Wort für das Buch. (Die Haussa, eine der größten ethnischen Gruppen in Afrika, sind überwiegend muslimisch, Anm. d. Red.) Haram ist der arabische Begriff für etwas, das verboten ist, Sünde sozusagen. Sie wollen weder Mädchen noch Jungs in der Schule sehen, weil sie glauben, dass westliche Bildung eine Sünde ist. Sie wollen auch nicht, dass die Christen in die Kirche gehen, obwohl die Christen einer Religion des Buchs angehören. Von westlicher Demokratie wollen sie erst recht nichts wissen. Es ist eine gefährliche Situation, weil sie gegen Grundwerte kämpfen, die aus Nigeria einst das gemacht haben, was es ist.

Diese Terrorgruppe ist anscheinend unbesiegbar. Woran liegt das?

Ogbunwezeh: (lacht) Am Anfang hat die nigerianische Regierung die Gefahr nicht erkannt. Sie dachte, dass es nur eine kleine Gruppierung sei, die wir in ein paar Tagen aus dem Weg räumen können. Aber Boko Haram erwies sich als eine radikale Gruppe, die viel Widerhall unter der muslimischen Bevölkerung in Nordnigeria gefunden hat. Diese Menschen schwiegen zu den Taten und unterstützten sie sogar insgeheim. Auch die Korruption im Militär trägt dazu bei. Selbst Generale, die Muslime sind, haben Boko Haram geholfen, ja sogar dadurch, Waffen an sie weiterzuverkaufen. Das hat den Kampf gegen Boko Haram geschwächt. Es ist eine Guerillabande, die zuschlägt und wieder verschwindet. Das heißt auch, dass die Armee nicht gegen einen konventionellen Gegner kämpft. Es sind mehrere Phänomene, die die Gruppe beflügelt haben. Unbesiegbar ist sie nicht.

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Es kommt einem wie ein Zermürbungskrieg vor. Woher kommt diese Unterstützung über lange Zeit? Nur aus Nigeria selbst?

Ogbunwezeh: Wie ich erwähnt habe, verkauften ein paar Generale Waffen des Militärs an Boko Haram weiter. Wir haben seit Jahren beobachtet, dass viel Geld aus Saudi-Arabien durch den Sudan nach Nigeria geflossen ist. Wo diese Gelder versickert sind, kann man nicht mehr verfolgen. Daher gibt es die Vermutung, dass Boko Haram davon einigermaßen profitiert hat. Zudem ist Libyen ein zerfallener Staat seit Gaddhafi nicht mehr da ist. Es können auch von daher Waffen nach Nigeria gelangen. Boko Haram operiert im Dreiländereck zwischen Nigeria, Kamerun und der Republik Niger, eine riesige Wüstenlandschaft, die schwer zu schützen ist. Auch viele andere islamische Länder unterstützen Boko Haram insgeheim. Allem Anschein nach ist Nigeria Schauplatz eines Stellvertreterkriegs zur Durchsetzung einer islamistischen Ideologie.

Welche anderen islamistischen Phänomene gibt es denn in Nigeria?

Ogbunwezeh: Boko Haram ist die Gefährlichste im Moment. Viele Jahre haben Christen und Muslime in Nordnigeria friedlich miteinander gelebt. Es gab aber immer wieder Aufstände von radikal-islamischen Gruppen. Schon 1982 stand ein Prediger auf und sagte, alle Christen müssten weg von dort, viele sind dadurch umgekommen. In den neunziger Jahren, als ein christlicher Präsident ins Amt gewählt wurde, haben die nördlichen Gouverneure Machtverlust befürchtet. Sie wollten diesen Präsidenten mittels der Scharia stürzen, was ihnen nicht gelang, weil die Christen in der Mehrheit waren. Sie haben die Scharia eingeführt, obwohl die Verfassung besagt, dass es keine Staatsreligion gibt.

Man hielt es nur für einen Schachzug, aber inzwischen ist sie zu einer riesigen Gefahr für die Christen geworden. In Nordnigeria kann kein Mädchen in dasselbe Taxi wie ein Mann einsteigen, auch kein christliches, nur weil es gegen die radikale Version von Islam ist, die da gepredigt wird. Christen bekommen keine Genehmigung, eine Kirche oder Schule zu bauen oder zu renovieren. Die Möglichkeiten der Christen dort sind wegen der Scharia stark eingeschränkt. Die Christen beklagen das und so kommt es wiederholt zu Auseinandersetzungen, bei denen einige Menschen umgebracht werden. Wenn die Regierung einschreitet, ist es ruhig, aber schon morgen taucht das Problem wieder auf.

Wie groß ist denn die Gefahr, dass ganz Nigeria unter islamistische Herrschaft fällt?

Ogbunwezeh: Es ist immer eine Gefahr, wenn die Menschen nichts tun. Dann kann das zur Realität werden. Aber Christen und Animisten stellen immer noch die Mehrheit, trotz aller Manipulation der Bevölkerungszahlen. Es wird deswegen nicht dazu kommen, weil die Christen dies nie erlauben werden. Die Islamisten werden enttäuscht sein, wenn sie glauben, dass sie in Nigeria in ein islamistisches Land verwandeln können. Wir beten auch, dass es nicht zu so einer Auseinandersetzung kommt.

Viele Menschen aus Nigeria sind auf der Flucht. Was wissen Sie über diese riesige Bewegung?

Ogbunwezeh: Wir haben 2,5 Millionen Nigerianer, die Flüchtlinge im eigenen Land sind. Wir sehen keine Flüchtlingslager, weil die Christen im Süden vielfach bei Familienmitgliedern unterkommen. Diese Menschen haben aber ihr Hab und Gut und ihren Lebensunterhalt verloren, während die Regierung fast gar nichts tut. Diese Menschen sind am Rande der Verzweiflung. Sie brauchen unsere Unterstützung. Vier Prozent der Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, sind Nigerianer. Wenn wir einmal deswegen am Abgrund stehen sollten, werden wir 200 Millionen Menschen in Bewegung setzen. Die gesamte Polizei in Europa wird diese Menschenmassen nicht aufhalten können. So geht der Terror von Boko Haram alle etwas an, auch in Europa.

Sind denn Christen am meisten betroffen?

Ogbunwezeh: Ja, die Mehrheit der Betroffenen sind Christen. Es gibt auch ein paar moderate Muslime, die gesagt haben: Das geschieht nicht in unserem Namen. Boko Haram räumt diese Leute aus dem Weg.

Was benötigt denn Ihre Heimat am dringendsten?

Ogbunwezeh: Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Wir haben 200 Millionen Menschen und unser Land ist sehr reich an Bodenschätzen. Wir sehen aber, dass 70 Prozent der Nigerianer sehr arm sind. Was wir am meisten benötigen, ist eine gerechte Ordnung, auf deren Grundlage wir unsere Ressourcen verteilen können, dass davon jeden etwas erreicht. Wir brauchen ein System, das uns hilft, die Korruption zu bekämpfen. Sie ist ein Symptom der Dysfunktionalität, die Nigeria kaputt macht. Wir brauchen auch ehrliche europäische Politiker, die das unseren Politikern in den Sitzungen klar machen. Europa kann uns nicht entwickeln. Es ist Aufgabe der Afrikaner, das selbst zu tun. Nigeria ist aber ein Land der Hoffnung, wenn ich den jungen Menschen zuhöre, die dafür aufstehen, dass ihr Land besser regiert wird.

Das Interview ist erstmals erschienen in: PUR-Magazin / Juli 2016

Boko Haram

Die Terrormiliz Boko Haram nennt sich eigentlich „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und für den Dschihad“. Der Kurzname „Boko Haram“ wird in der Regel als „westliche Bildung ist Sünde“ übersetzt. Gegründet im Jahre 2002, vertritt diese Organisation eine Weltanschauung, die alles Nicht-Islamische und insbesondere alle Einflüsse des Westens ablehnt. Zunächst war diese Gruppe eher friedlich, und die Predigten des Gründers, Mohammed Yusuf, gegen Korruption und Verderbtheit der nigerianischen Regierung übten große Anziehungskraft auf die arme muslimische Bevölkerung im Norden aus. Dies änderte sich im Jahre 2009, als nigerianische Sicherheitskräfte Mohammed Yusuf verhafteten und er kurz darauf unter fragwürdigen Umständen zu Tode kam.

Innerhalb kurzer Zeit kamen bei bewaffneten Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Mitgliedern Boko Haram mehrere hundert Menschen ums Leben. Die überlebenden Mitglieder von Boko Haram radikalisierten sich unter der Führung von Yusufs Nachfolger, Abubakar Shekau. Seit September 2010 überzieht Boko Haram Nigeria, insbesondere den Norden des Landes, mit einer nicht enden wollenden Kampagne tödlicher Gewalt. Seither wurden bei Anschlägen und Angriffen der sunnitischen Extremisten mindestens 14 000 Menschen getötet. Mehr als zwei Millionen Menschen sind wegen der Gewalt auf der Flucht. (efo)

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