„Allein der Besitz einer Bibel kann mit der Todesstrafe geahndet werden“

Interview mit dem Gründer der koreanischen Menschenrechtsorganisation PSCORE

FRANKFURT, 9. Februar 2017 (Vaticanista).- Erstmals in Deutschland hat bei seinem Besuch in Frankfurt bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) der ehemalige Nordkoreaner Kim Young-Il über seine lebensgefährliche Flucht aus seiner Heimat berichtet. Er gründete einige Jahre danach die Menschenrechtsorganisation PSCORE – Leute für eine erfolgreiche Wiedervereinigung Koreas – People for a Succesful Corean Reunification. Mit Michaela Koller sprach er über die Hungersnot, die er in Nordkorea erlebt hat, über seine Erkenntnisse zu Gefangenenlagern und speziell die Situation der wegen ihres Glaubens Verfolgten.

Kim Young-il; Foto: IGFM

Kim Young-il; Foto: IGFM

Herr Kim, Sie sind zu Gast in Frankfurt bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Sie sind in Nordkorea aufgewachsen, das sehr isoliert ist. Wie sind Sie von dort entkommen?

Kim: Ich habe Nordkorea zusammen mit meiner gesamten Familie verlassen, als dort in den neunziger Jahren eine große Hungersnot herrschte. Der Hauptgrund für die Flucht war der Mangel an Lebensmitteln. Meine Familie glaubte, ein besseres Leben in China zu finden. Damals starben sogar viele Menschen in Nordkorea auf der Straße. Ich war in der Zeit beim Militär. Sogar dort litten viele Angehörige an Unterernährung. Ich war 19 Jahre alt. Mein Vater war derjenige, der sich den Fluchtplan ausdachte. Und er hat sie gut geplant. Wir entschieden, zum nordkoreanischen Erntedankfest zu fliehen, weil da viele Menschen unterwegs sein würden, um Familienangehörige zu besuchen. Somit rechneten wir damit, dass es weniger Kontrollen geben würde.

Möchten Sie etwas über den Fluchtweg sagen?

Kim: Es war tatsächlich sehr schwierig, als Armeeangehöriger zu fliehen. In Nordkorea existiert kein Recht auf Freizügigkeit*. Sie benötigen eine eigene Genehmigung, sich überhaupt irgendwohin begeben zu können. Ich durfte keinen Ausweis haben. Zudem war ich auch noch in der Nähe der Hauptstadt Pjöngjang stationiert, was es nicht leichter machte, zu fliehen. Es fängt schon damit an, dass es kompliziert ist, die Bahnstation zu erreichen. Ohne Reiselizenz ist es dann nicht möglich, ein Ticket für den Zug zu bekommen. Ich konnte da ohne das und ohne einen Ausweis nicht einsteigen. Daher kletterte ich auf das Dach eines Waggons. Dabei hatte ich auch noch einen gebrochenen Arm. Das Gefährliche dabei waren die Oberleitungen, an denen man tödliche Stromschläge bekommen kann.

Wie ging es dann weiter?

Im Gespräch mit Michaela Koller; Foto: Alicja Malinowski

Im Gespräch mit Michaela Koller; Foto: Alicja Malinowski

Kim: Ich begab mich also zuerst in meine Heimatstadt, um alle Familienangehörigen zu treffen. Von dort wollten wir zusammen zur Grenze aufbrechen. Da niemand aus meiner Familie schlafen konnte, entschlossen wir uns, in der Nacht aufzubrechen. Außer mir hatten alle anderen Reiselizenzen vom Schwarzmarkt. Ich tauschte meine Militärkleidung gegen meine High-School-Kleidung aus. Von meiner Heimatstadt dauerte es 24 Stunden, um zur chinesischen Grenze zu gelangen.

Lassen Sie uns über die Propaganda in Nordkorea sprechen. Wann haben Sie denn erfahren, dass Sie und ihre Familie bei weitem nicht die Einzigen in ihrem Land sind, die an Mangelernährung litten? Wann haben Sie die Wahrheit über das ganze Ausmaß des Hungers erfahren?

Kim: Es kommt auch auf die Gegend an, in der man lebt. Da meine Heimatstadt in einer industriell geprägten Zone liegt, zeigte sich dort der Mangel früher. Seit Ende der 80er Jahre reichte die Verteilung der Lebensmittel durch die Regierung nicht mehr aus. Jegliche geschäftliche Einkünfte, um an Geld zu kommen, sind in Nordkorea illegal. So lag es auch an den Fähigkeiten jedes Familienmitglieds, ob es etwas zu Hause zu produzieren konnte, das Geld einbrachte. Mein Onkel zum Beispiel lehrte an der Universität und seine Frau war nicht in der Lage, nebenbei an Geld zu kommen. Er kam zu uns zum Essen, aber auch wir hatten nicht genug und so kam es zu Problemen in der Familie. Mein Onkel starb kurz bevor wir flohen. Meine Eltern sahen, wie die Kinder auf der Straße nach Essen suchten und konnten sie nicht mitnehmen, weil wir selbst nicht genug hatten. Wir versuchten, sie wiederzufinden, als wir schließlich in Südkorea ankamen. Wir erfuhren von einer Tochter, die im Alter von 16 Jahren mit einem Mann in den Dreißigern verheiratet war. Über die anderen konnten wir nichts mehr herausfinden.

Nun sind Sie Menschenrechtsaktivist. Darum interessiert mich, von Ihnen etwas über die politische Unterdrückung zu erfahren. Was wissen Sie über politische Gefangene und nordkoreanische Gefangenenlager?

Kim: Eigentlich weiß jedermann in Nordkorea, dass diese Gefangenenlager existieren. Sie wissen nur nicht genau, wo sich diese befinden. Die Regierung ist nicht darum bemüht, diese Tatsache zu verstecken, da dies unter der Bevölkerung Angst auslöst und sie somit unter Kontrolle hält. Zahlenangaben unter den Häftlingen kursierten keine. Nur diejenigen, die nach Südkorea geflohen waren, brachten Informationen, die wir sammelten und auf deren Grundlage wir Schätzungen über die Zahl der Inhaftierten angestellt haben. Die Zahlen weichen sehr voneinander ab: Die einen sprechen von ungefähr 200.000, wieder andere von 50.000. Da nichts darüber offiziell verlautbart wird, schätzen wir nur.

Was wissen Sie über die Bedingungen, unter denen politische Häftlinge in den Lagern eingesperrt sind? Was müssen sie erleiden?

Kim: Wir haben im vorigen Jahr eine Recherche zu nordkoreanischen Auslandsarbeitern durchgeführt. Dabei haben wir herausgefunden, dass einige von ihnen in solchen Lagern gelandet sind. So sind wir zu einigen Zeugenaussagen gekommen. Wir sind dann darauf gestoßen, dass jedes Lager über ein eigenes Führungssystem verfügt. Die meisten Gefangenen wurden in Arbeitslager verbracht, aber andere Lager funktionieren wie Gefängnisse. In Pjöngjang existiert ein Gefängnis für hochrangige Offiziere, die aus politischen Gründen festgehalten werden. Im vorigen Jahr habe ich einen ehemaligen Insassen befragt, der dort acht Jahre lang eingesperrt war. Da sie auf dem Weg dorthin seine Augen verbanden, weiß auch er nicht, wie man dorthin gelangt. Als er dort ankam, zeigten Offiziere ihm einen Raum mit vielen Toten. Sie hatten alle rote Farbe an den Fingerspitzen. Es ist in Nordkorea üblich, Geständnisse nicht zu unterschreiben, sondern mit dem Fingerabdruck zu unterzeichnen. Es ist egal, was der Gefangene aussagt. Sie legen ihm in jedem Fall ein Papier vor und drücken seine Finger darauf.

Wissen Sie etwas darüber, ob aus religiösen Gründen Verfolgte noch härteren Haftbedingungen ausgesetzt sind?

Kim: Ich hörte öfter, dass jemand eine Bibel weitergegeben hat oder versucht hat, sie zu verteilen und dann bestraft wurde. Jedoch fehlten nähere Angaben über Zeit und Ort. Laut der Verfassung Nordkoreas existiert Religionsfreiheit, jedoch verbietet das Strafrecht Aberglaube. Viele halten alles, was nicht wissenschaftlich ist, für Aberglaube. Ich weiß von Zeugen aus Nordkorea, die aussagen, dass sie Gläubige sind, und den Glauben von ihren Vorfahren übernommen haben. Ich persönlich glaube, dass es erst vermehrt seit der Zeit, als Nordkoreaner wegen der Hungersnot nach China ausgewandert sind und wieder zurückkehrten, die Religion mit ins Land brachten. Von südkoreanischen Kirchen wird reichlich versucht, Bibeln in Nordkorea zu verbreiten. Ich glaube nicht, dass diese Versuche wirklich von Erfolg gekrönt sind, weil die Leute aus Angst die Bibeln an der Grenze wegwerfen. Allein der Besitz einer Bibel kann mit der Todesstrafe geahndet werden. Ich habe davon gehört, dass sich Menschen vor ihrer Hinrichtung zu ihrem Glauben an Gott bekannt haben. Aber ich kann dazu nichts sagen, weil ich es nicht gesehen habe.

Sind Sie jemals Menschen in Nordkorea begegnet, die sich als religiös bezeichnet haben?

Kim: Ich habe nur buddhistische Mönche und christliche Pfarrer im Fernsehen gesehen, die auch nur aus Pjöngjang kamen, niemand aber von außerhalb der Hauptstadt. Ich habe selbst nie jemanden getroffen, der von sich sagte, er glaube. Das wäre in der Tat sehr gefährlich.

Nun, nach allem, was Sie wissen, können Sie da sagen, dass es leichte Anzeichen für einen Wandel in Nordkorea geben könnte? Gibt es da angesichts der Abhängigkeit von humanitärer Hilfe eine Chance darauf?

Kim: Ja, es gibt einige Veränderungen, aber nicht, die wir wünschen, denn es ist zum Schlechteren. Es ist schwer bei Diktatoren, ihre politischen Absichten vorauszusagen. Aus meiner Sicht kann ich keine politische Strategie erkennen, sondern nur ein Management. Ich glaube, dass dieser Diktator tut, was auch immer er möchte, weil er weiß, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Daher setzt er mehr auf auf diese grausamen Hinrichtungen. Die Leute erwarteten, da er jung ist, einen Wandel, aber es hat sich in der Zeit noch nichts gezeigt. Vielmehr ist es so, dass die Leute sagen, er werde schlimmer.

Vielen Dank für das Gespräch.

[Erstmals erschienen in: PUR-Magazin 8-9/2016]

 

 

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