Wir möchten unsere Gebiete nicht verlassen, sondern wieder aufbauen

Interview mit dem IGFM-Referenten für humanitäre Hilfe im Nordirak, Khalil Al-Rasho

FRANKFURT, 10. Februar 2017 (Vaticanista).- Noch Ende des 19. Jahrhunderts wollte der Osmanische Sultan die Jesiden islamisieren, einer von 72 Versuchen sie auszulöschen, an die sich diese Religionsgemeinschaft erinnert. Weltweit zählen rund eine Million Menschen dazu. Im Osmanischen Reich waren sie nicht als Religionsnation anerkannt, obwohl sie 4.000 Jahre Geschichte hinter sich wissen, an einen einzigen Gott glauben. Ihre Glaubensinhalte vermitteln sie nur mündlich. Das Jesidentum wird nie durch Mission weitergeben, sondern nur durch Geburt.

Heute degradiert die Terrormiliz Islamischer Staat die Angehörigen der Gemeinschaft zu Objekten, die sie, seit sie ein Siedlungsgebiet, das Shingal-Gebirge im Nordirak, im August 2014 überrannten, versklaven. Wie die Christen, die aus diesem heiligen Land der Bibel um die Niniveh-Ebene massenweise vertrieben wurden, erfahren sie sich als ziemlich allein gelassen von der internationalen Gemeinschaft.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt unterstützt die teilweise schwer traumatisierten Opfer der Terrororganisation Islamischer Staat mit humanitärer Hilfe und in die Zukunft gerichteten Projekten zur Verständigung unter den Religionsgemeinschaften. Schon seit langer Zeit leben Christen und Jesiden friedlich Seite an Seite in dem Landstrich. Michaela Koller, IGFM-Referentin für Religionsfreiheit, fragte IGFM-Referenten Khalil Al-Rasho nach seinen Erfahrungen im Nordirak.

Herr Al-Rasho, im Namen der Terrororganisation Islamischer Staat werden unfassbare Verbrechen verübt. Wie kamen Sie dazu, Überlebende zu unterstützen?

Al-Rasho: Ich hatte von der katastrophalen Situation erfahren, die nach der Einnahme unserer Dörfer im Shingal-Gebirge durch den IS am 3. August 2014 herrschte. Diese Kämpfer sind gegen Menschenrechte, gegen andere Religionen. Sie haben Tausende unserer Frauen und Kinder verschleppt und auch Tausende Männer vor den Augen ihrer Familien erschossen. Sofort begann ich, mich einzusetzen. Ich sah es als wichtige Aufgabe an, den Überlebenden zu helfen, vor allem, weil sie aus unserem Land und aus unserer Kultur kommen. Ich bin selbst Jeside.

Zu Besuch beim geistlichen Oberhaupt der Jesiden; Khalil Al-Rasho, ganz rechts, und IGFM-Delegation; Foto: IGFM

Zu Besuch beim geistlichen Oberhaupt der Jesiden; Khalil Al-Rasho, ganz rechts, und IGFM-Delegation; Foto: IGFM

Im September ernannte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Jesidin Nadia Murad in New York zur „Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel“ der Vereinten Nationen. Kennen Sie sie?

Al-Rasho: Nadia Murad ist eine berühmte Jesidin, die nun auch international bekannt geworden ist. Sie war eine der Tausende jesidischer Frauen, die Opfer des IS wurden. Sie kommt aus dem Ort Kocho, der auch sehr bekannt ist, weil 80 bis 90 Prozent der Männer dort von der Terrororganisation erschossen wurden. Nadia Murad hat sechs Brüder und ihre Eltern verloren. Sie tritt heute für die Interessen unserer vergewaltigten Mädchen und Frauen ein. Sie ist wirklich auch zum Symbol für die IS-Opfer geworden.

Es kam offenbar systematisch zu solchen Verbrechen. Das, was Sie gesehen und gehört haben, belegt dies, dass es sich um einen geplanten Völkermord handelt?

Al-Rasho: Es gibt verschiedene Gruppen strenggläubiger Muslime im Irak und ein Name darunter ist der Islamische Staat. Sie haben im Nordirak gezielt Menschen umgebracht, weil sie eine andere Religion haben. Das geschah Tausenden, nur weil sie sich Jesiden nennen.

Viele Frauen sind versklavt worden, einige konnten sich befreien. Von welchen Größenordnungen reden wir da? Können Sie einzelne Schicksale beschreiben?

Im Flüchtlingslager; Foto: IGFM

Im Flüchtlingslager; Foto: IGFM

Al-Rasho: Täglich werden unsere Frauen versklavt und vergewaltigt. Die Opfer sind keine Soldaten, sondern unschuldige Frauen und Kinder, die nichts mit dem Kampf oder der Politik zu tun haben. Wir sind traurig darüber, dass wir keine große Hilfe internationaler Organisationen bekommen, damit wir sie vom IS zurückkaufen können. Bislang wurden 2.860 männliche Jesiden verschleppt, während 3.526 Frauen und Mädchen entführt wurden, insgesamt trifft dies auf 6.386 Jesiden zu. Europa, speziell Deutschland und die UNO haben uns etwas unterstützt. So war es möglich, 2.844 Menschen zurückzuführen, die Mehrheit davon Frauen. 1.792 Männer werden noch vermisst. Ich schätze, dass davon höchstens noch 300 leben.

Was macht der IS mit ihnen?

Al-Rasho: Sie wurden in Trainingslager gebracht und gezwungen, zum Islam zu konvertieren, Sie müssen nun mit dem IS gegen die eigenen Leute kämpfen. Der größte Teil der männlichen Gefangenen wurde jedoch erschossen. Wir hoffen auch auf Hilfe internationaler Organisationen, damit 1.750 Frauen und Kinder, die die Islamisten noch in der Gewalt haben, freikommen. Sie sind in viele Länder verschleppt worden, zum Beispiel nach Nordafrika oder in die arabischen Golfstaaten. Aber wir haben nun das Thema, dass viele Mädchen und Frauen von den Kämpfern schwanger wurden. Wir haben eine junge Frau interviewt, die ihr Kind, das sie von einem IS-Kämpfer bekommen hatte, zurückließ. Auch die Geschichte von Shirin ist dramatisch: Sie war 18 Jahre alt, hatte Träume wie alle anderen Mädchen. Sie wollte Anwältin werden, um Frauenrechte zu schützen. Und in dieser Situation nahm sie der IS gefangen, neun Monate lang, neunmal wurde sie weiterverkauft. Über diese Zeit hat sie ein Buch mit der Schriftstellerin Alexandra Cavelius (und Jan Kizilhan, Anm. d. Red.) veröffentlicht. Der Titel lautet: Ich bleibe eine Tochter des Lichts. Ich weiß von Leuten, die nur einen Teil des Berichts zu lesen verkraftet haben.

Welche langfristigen Auswirkungen haben Sie denn durch die Versklavung feststellen können?

Al-Rasho: Manche strenggläubigen Muslime denken, dass ein Mädchen nach ein paar Stunden oder höchstens einem Tag in ihrer Gewalt zum Islam konvertiert. Die Mädchen und Frauen laufen aber noch nach Monaten vor dem IS davon, weil sie nicht wie Menschen behandelt werden. So ist Lamia Baschar (zusammen mit Nadia Murad Sacharow-Preisträgerin 2016, Anm. d. Red.) mit zwei Freundinnen geflohen, die auf eine Mine traten und dadurch starben und sie hat ein Auge verloren. Vor dem Vordringen des IS war die jesidische Gesellschaft sehr kompliziert: Wenn eine jesidische Frau einen Muslim heiratete, wurde sie bestraft. Das war eine Schande für die ganze Familie. Nun waren die Frauen gezwungen, entführt und vergewaltigt worden und die Männer schämen sich, weil sie ihre Familien nicht schützen konnten. Deswegen haben wir an das geistliche Oberhaupt der Jesiden, Baba Sheikh, geschrieben, damit die Frauen barmherzig wiederaufgenommen werden.

Wie sieht es denn etwa mit der psychischen Verfassung von Opfern aus?

Al-Rasho: Es muss nicht einmal sein, dass ein Mädchen so etwas erlebt hat wie Shirin oder Lamia. Allein schon die Flucht und die Nachrichten über die Verbrechen bewirkten bei einem Mädchen namens Leila psychische Probleme: Sie kippt plötzlich um, wird bewusstlos. Sie hat mehrfach versucht, sich umzubringen. Leila ist 17 Jahre alt, es gibt dort keine Behandlung für sie. Wenn sie stundenlang bewusstlos ist, weinen die Angehörigen. Sie hat einmal Heizöl getrunken und konnte gerettet werden. Als ich sie fragte, warum sie das getan hat, sagte sie, ihre Familie sei mit ihr so beschäftigt. Wenn sie nicht mehr da sei, dann hätten die Angehörigen Ruhe. Es gibt im Nordirak maximal sechs psychologische Ärzte..

Welchen Hilfsbedarf haben die Menschen dort sonst noch, seit vor zwei Jahren der IS mit den Verbrechen begonnen hat?

Al-Rasho: Es fehlt zum Beispiel an Ärzten, an Medikamenten. Wir als IGFM haben solche Frauen, die seelisch weiter leiden, in humanitäre Projekte eingebunden. Sie bekommen schon ein anderes Gefühl, wenn sie sehen, dass sie anderen Menschen helfen können. Shirin und Leila haben mit uns gearbeitet und es geht ihnen bereits besser.

Wieso lassen Sie Sporttrikots für Flüchtlinge in einem Lager nähen?

Al-Rasho: Im Lager Qadian, nahe der Grenze zur Türkei, haben wir viele Frauen ohne Beschäftigung gesehen. Wir haben dort eine Nähstube errichtet und Kurse für je zwei Monate durchgeführt. Es nahmen jeweils 25 Frauen aus verschiedenen Religionen daran teil. In demselben Lager haben wir Jungen für ein Sportprojekt motiviert und dazu benötigen wir Trikots. Wir führen diese Projekte durch, damit sie wieder zusammenleben können, Christen, Jesiden und Muslime.

Können Sie an Beispielen veranschaulichen, wie Christen und Jesiden miteinander leben?

Al-Rasho: Beide sind Opfergruppen und haben dieselben Feinde. Sie kommen aus denselben Orten und haben die gleiche Kultur. Ich selbst komme aus einer christlichen Stadt, aus Alqosh. Ich unterhalte nicht nur gute Kontakte zu den Christen, sondern respektiere Kirchen genauso wie unsere Tempel. Wir leben in der Niniveh-Ebene schon zwei Jahrtausende nebeneinander.

Das klingt erfreulich, aber haben Christen und Jesiden überhaupt eine Zukunftsperspektive in der Region?

Al-Rasho: Die jesidische und die christliche Religion sind beide friedlich, wir verzeihen Feinden schnell und versöhnen uns wieder mit ihnen. Diesmal sind die Verletzungen aber so tief, dass wir internationale Unterstützung vor Ort benötigen. Wir benötigen ein Gesetz, das die Gleichberechtigung von Jesiden, Christen und Muslimen garantiert. Und die Umsetzung muss überwacht werden. Wir möchten unsere Gebiete nicht verlassen, sondern wieder aufbauen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Video zum Interview:

[Das Interview erschien erstmals in: PUR-Magazin 2/2017]

 

 

 

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