„Alles, was die Kämpfer tun, hat seine Wurzeln in Koran oder Tradition“

Zur Wiederaufnahme der Gespräche zwischen Rom und Kairo

Von Michaela Koller

ROM, 28. Februar 2017 (Vaticanista/ZENIT).- Der ägyptische Jesuit und Islamwissenschaftler Samir Khalil Samir hat in einem Interview mit der in Würzburg erscheinenden katholischen Zeitung „Die Tagespost“ Saudi-Arabien vorgeworfen, Druck auf die höchste islamische Rechtsautorität, die der Großscheich der ägyptischen Universität von Al Azhar, Ahmed Al-Tayeb, vertritt, auszuüben. „Als sie jedoch voriges Jahr in Tschetschenien bei einer Konferenz unter insgesamt 200 Islamgelehrten aus Ägypten, Syrien, Jordanien, Sudan und Europa erklärten, dass der Wahhabismus im Widerspruch zum wahren Islam stehe, kündigte Saudi-Arabien die Kürzung von Hilfen in Milliardenhöhe an“, sagte er im Interview. So sei Al Azhar hin und hergerissen.

Samir äußerte sich im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme der Gespräche zwischen dem Vatikan und Al Azhar. Den Abbruch vor sechs Jahren erlebte er als inszeniert, die Begründung als Vorwand. Vor sechs Jahren appellierte Papst Benedikt XVI. an den ägyptischen Präsidenten, die Kopten besser zu verteidigen, nachdem Islamisten in einer koptischen Kirche in der Neujahrsnacht eine Bombe gezündet und 23 Christen getötet hatten. „Daraufhin hat Großscheich Ahmed al-Tayeb dies zum Vorwand genommen, um die Gespräche abzubrechen. Er wies die Worte als Einmischung in die Politik zurück. Das war nur gespielt“, sagte Samir im Interview.

Er erkennt ein wesentliches Versäumnis des Mainstream-Islam bei der Klärung des Verhältnisses zur Gewalt, wie sie heute die Terrororganisation Islamischer Staat ausübt. „Diese Würdenträger verherrlichen nicht Gewalt, aber die klassische Lehre kann hingegen in die Arme des IS treiben. Die Kämpfer sagen, sie seien echte Muslime und handelten genauso wie ihr Prophet. Alles, was die Kämpfer tun, hat seine Wurzeln im Koran oder in der islamischen Tradition.“

Hoffnung gibt ihm ein jüngstes Beispiel aus Marokko: „Sie haben entschieden, die Muslime, die ihren Glauben aufgeben, die Apostaten, nicht mehr getötet oder eingesperrt werden dürfen.“ Er räumt jedoch ein, dass es zwar eine Tendenz zur Erneuerung der Gesetze der Scharia gebe, aber zugleich auch Kräfte, die das nicht wünschten.

Das Wichtigste und zugleich Schwierigste wäre, die Passagen in den Texten, in den Gewalt vorkommt, ins Heute zu übertragen, schlug abschließend Samir vor. „Das bedeutet eine Revolution. Die Christen könnten dabei helfen.“

 

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