„Das ist nur ein erster Schritt“

Interview mit dem ägyptischen Jesuiten und Islamgelehrten Samir Khalil Samir zur Wiederaufnahme der Gespräche zwischen der Kairoer Al Azhar Universität und dem Vatikan

ROM, 28. Februar 2017 (Vaticanista/Die Tagespost).- Nach sechsjähriger Unterbrechung haben der Vatikan und die Al-Azhar-Universität in Kairo am Mittwoch ihren offiziellen Dialog wieder aufgenommen. Die Wiederbegegnung stand unter dem Motto „Die Rolle von Al-Azhar-Dialog-Zentrum und Vatikan im Kampf gegen das Phänomen von Fanatismus, Extremismus und Gewalt im Namen Gottes“. Michaela Koller befragte dazu einen innigen Kenner des christlich-islamischen Dialogs, den ägyptischen Jesuiten und Islamgelehrten Samir Khalil Samir.

Von Michaela Koller

Nach sechs Jahren Unterbrechung haben sich nun in dieser Woche erstmals wieder hohe Vertreter der Al Azhar Universität und des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog getroffen. Wie kam dies nun nach so langer Zeit zustande?

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

Pater Samir; Foto: Stephan Baier

P. Samir: Vor sechs Jahren appellierte Papst Benedikt XVI. an den ägyptischen Präsidenten, die Kopten besser zu verteidigen, nachdem Islamisten in einer koptischen Kirche in der Neujahrsnacht eine Bombe gezündet hatten und 23 Christen getötet hatten. Daraufhin hat Großscheich Ahmed al-Tayeb dies zum Vorwand genommen, um die Gespräche abzubrechen. Er wies die Worte als Einmischung in die Politik zurück. Das war nur gespielt. Trotz aller Versuche, wieder aufeinander zuzugehen, blieb das Verhältnis so. Darum hat Papst Franziskus versucht, schnellstmöglich die Beziehungen wiederherzustellen. Dazu hat er oft betont, dass der Islam keine gewalttätige Religion sei. Objektiv gesehen ist diese Aussage nicht ganz richtig. Als Al-Tayeb vorigen Mai in Europa war, und dabei auch den Papst traf, haben sie entschieden, die Gespräche wiederaufzunehmen und als Termin diesen Februar festgelegt. Das ist nur ein erster Schritt.

Die Teilnehmer beschäftigten sich mit der Rolle des Al-Azhar-Dialog-Zentrums und des Vatikans „im Kampf gegen das Phänomen von Fanatismus, Extremismus und Gewalt im Namen Gottes“. Wie ist die Haltung von Al Azhar einzuordnen?

P. Samir: Anfang Dezember 2014 hat sich Al Azhar in zehn Regeln gegen Extremismus und Terrorismus ausgesprochen. Man dürfe nicht gegen die Christen vorgehen, die Gläubige seien. Das waren nur Worte ohne Konsequenz. Der ägyptische Präsident ist sehr mit der Situation angesichts der Bedrohung durch den IS [Terrororganisation Islamischer Staat, Anm. d. Red.] beschäftigt. In einer sehr starken Rede im Dezember 2014 forderte er, Al Azhar solle die Interpretation der Texte ändern und eine neue islamische Theologie verbreiten. Alle Imame haben applaudiert. Viele muslimische Denker und auch ein paar Imame treten dafür ein, die Texte im historischen und kulturellen Kontext zu verstehen. Aber zwischenzeitlich hat sich nichts an der Lehre geändert. Diese Würdenträger verherrlichen nicht Gewalt, aber die klassische Lehre kann hingegen in die Arme des IS treiben. Die Kämpfer sagen, sie seien echte Muslime und handelten genauso wie ihr Prophet. Alles, was die Kämpfer tun, hat seine Wurzeln im Koran oder in der islamischen Tradition. Etwa, wenn sie gegen Ungläubige kämpfen. Für Saudi-Arabien sind die Schiiten Ungläubige. ISIS bedeutet ja Islamischer Staat im Irak und Syrien, wo Schiiten regieren.

Man sagt, wenn Al Azhar spricht, hört die Welt zu. Auf wen hört denn Al Azhar? Welche Einflüsse sehen Sie?

P. Samir: In Ägypten gibt es eine Diskussion um die Ehescheidung. Gemäß der Tradition ist es sehr einfach für den Mann, sich von seiner Frau zu trennen. Er muss lediglich dreimal in Gegenwart von zwei männlichen Muslimen aussprechen: Du bist geschieden. Dann ist es vorbei. Das ist besonders in Ägypten verbreitet. Der Präsident möchte, dass dies nun schriftlich vor dem Gericht erfolgen soll. Al Azhar hat das abgelehnt und die Position mit der Tradition seit der Zeit Mohammeds begründet.

Als sie jedoch voriges Jahr in Tschetschenien bei einer Konferenz unter insgesamt 200 Islamgelehrten aus Ägypten, Syrien, Jordanien, Sudan und Europa erklärten, dass der Wahhabismus im Widerspruch zum wahren Islam stehe, kündigte Saudi-Arabien die Kürzung von Hilfen in Milliardenhöhe an. So ist Al Azhar hin und hergerissen. Sie spielen alle, aber die Krise geht weiter, die größte seit Jahrhunderten innerhalb des Islams, bei der so viele Menschen, viele Muslime, getötet werden. Die radikale Vision des Wahhabismus breitet sich in Asien, Afrika und überall aus.

Können Sie sagen, dass sich etwas in Richtung eines vollumfänglichen Begriffs von Religionsfreiheit bewegt?

P. Samir: Marokko hat jüngst einen richtigen Schritt getan: Sie haben entschieden, die Muslime, die ihren Glauben aufgeben, die Apostaten, nicht mehr getötet oder eingesperrt werden dürfen. Das war sehr wichtig und ist total neu. Der König wollte dies und die Imame waren einverstanden. Es gibt eine Tendenz zur Erneuerung der Gesetze der Scharia. Aber es gibt eben auch Kräfte, die das nicht wünschen. Was Al Azhar betrifft, so hat Al-Tayeb vor kurzem gerade erklärt, Christen sollten nicht mehr als Dhimmi, Schutzbefohlene, sondern als Bürger betrachtet werden. Damit kommt er einer sehr alten Forderung der ägyptischen Christen nach.

Vorige Woche wiederholte Papst Franziskus Worte, die Sie schon einmal kritisiert haben. An die Teilnehmer eines internationalen Treffens von Sozialbewegungen schrieb er: „Kein Volk ist kriminell und keine Religion terroristisch.“ Es gibt ihm zufolge weder einen christlichen Terrorismus, noch einen jüdischen oder islamischen Terrorismus, nur „fundamentalistische und gewalttätige Individuen“.

P. Samir: Die Mehrheit der Muslime will keine Gewalt. Das stimmt. Aber im Koran und in der mohammedanischen Geschichte kommt Gewalt vor. Am 6. Juni habe ich mit dem Papst darüber gesprochen und er sagte mir, für ihn sei es wesentlich gewesen, dass wieder Treffen mit Al Azhar zustande kommen und dafür müsste man das Beste sagen. Andere sind mit diesem Vorgehen nicht einverstanden.

Was gilt es im Dialog mit dem Islam zu beachten? Wieviel Offenheit und Ehrlichkeit ist bei den Begegnungen zwischen Vatikan und Al Azhar möglich?

P. Samir: Es wird dieses Mal wohl eine Erklärung geben, dass beide Seiten Fanatismus, Extremismus und Gewalt verurteilen. Ich fürchte, das wird einfach nur eine schöne Aussage bleiben, denn es entspricht nicht der Realität des Islams. Wahrscheinlich ist es beim ersten Treffen nach über sechs Jahren notwendig, liebe und schöne Worte auszutauschen. Wenn es aber so bleibt, ist es kein Schritt nach vorn. Wir sollten nächstes Mal dasselbe Thema behandeln und die Realität miteinbeziehen. Das Wichtigste und zugleich Schwierigste wäre, die Passagen in den Texten, in den Gewalt vorkommt, ins Heute zu übertragen. Das bedeutet eine Revolution. Die Christen könnten dabei helfen.

 

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