„Auch viele Muslime wünschen klare Trennung von Politik und Religion“

Interview nach dem Papstbesuch in Ägypten mit dem Jesuiten und Islamkenner Samir

KAIRO, 22. Mai 2017 (Vaticanista/Die Tagespost).- Der ägyptische Jesuit und Professor Samir Khalil Samir, einer der führenden Islamberater des Vatikans, hofft auf Nachwirkungen der Reise von Papst Franziskus im Land am Nil. Michaela Koller befragte ihn zu den Botschaften des Papstes auf seiner jüngsten Nahostreise Anfang April und zur Reaktion seiner Zuhörer.

Professor Samir, was waren Ihre Eindrücke von der Begegnung des Papstes mit dem Großscheich der Universität Al Azhar im Rahmen einer interreligiösen Friedenskonferenz zum Auftakt seines knapp zweitägigen Ägyptenbesuchs?

P. Samir: Vor sechs Jahren hatte Großscheich Ahmed Mohammed Al Tayyeb sämtliche Beziehungen zum Vatikan abgebrochen. Er begründete dies damit, dass Papst Benedikt XVI. nach einem terroristischen Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria in der Neujahrsnacht 2011 um mehr Schutz für die Christen in Ägypten gebeten hatte. Al Tayyeb bezeichnete dies als ‚Einmischung in unsere Politik‘. Das war natürlich nur ein Vorwand.

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

Jesuitenpater Samir Khalil Samir; Foto: M. Koller

Papst Franziskus wollte nun unbedingt wieder die Verbindung zu Al Azhar herstellen. Daher hat er stets betont, dass der Islam im Prinzip friedlich sei, nur manche die Religion für ihre Gewalt vereinnahmten. Diese Aussage ist aber nicht korrekt, weil im Koran bereits Gewalt gegen Ungläubige vorkommt, besonders in den späteren Kapiteln von Medina. Aber ich verstehe, dass er ein wichtigeres Ziel hatte.

Was bei der Friedenskonferenz geschehen ist, war sehr positiv, denn es wurde betont, dass Christen ebenso wie Muslime Bürger des Landes sind. Dies hat der Großscheich bereits vor einigen Wochen bei einer Versammlung hervorgehoben. Die Frage ist nun, ob die Christen auch den Normen der Scharia (des islamischen Rechts, Anm. d. Red.) folgen müssen. Gleichstellung aller Bürger würde ja bedeuten, dass sich die Gesetze nicht auf die Religion beziehen und auch für jeden Bürger, unabhängig von seiner Religion, gleich lauten. Der Begriff ‚Bürger‘ bedeutet nicht für alle dasselbe. Meine Befürchtung ist, dass der Großscheich so spricht, dass sich dies gut anhört, sich dabei nicht konkret festlegt.

Großscheich Al Tayyeb sagte etwa, das Bild der Religionen sollte von falschen Vorstellungen und Praktiken gereinigt werden. Was kann man sich darunter vorstellen?

P. Samir: Ich glaube, dass er damit sagen wollte, dass das, was der IS tut, nichts mit der islamischen Religion zu tun hat und Gewalt nicht zum Islam gehört. Das ist natürlich nicht richtig. Mohammed hat versucht, die Menschen damals mit allen Mitteln zum Islam zu bringen, auch durch Krieg. Die erste bekannte Biographie über ihn heißt „Buch der Kriegszüge“ (Kitāb al-Maghāzī). Kriegszug heißt ghazwa auf Arabisch. In vielen Fällen gehört Gewalt zum Islam: Zum Beispiel soll ein Muslim, der sagt, dass er Christ werden möchte, oder der den Glauben verloren hat, dem Gesetz zufolge getötet werden. Dies widerspricht schon der Aussage des Imams. Seine Worte sind manchmal zweideutig.

Unser Präsident Abdel Fattah al-Sisi sagte im Dezember 2014 in einer Rede in der Universität Al Azhar, dass wir eine Revolution innerhalb der Religion des Islam brauchen. Daraufhin applaudierten alle Imame. Präsident Al Sisi meinte auch, die Lehre in den Büchern für den Islamunterricht sollte geändert werden. Aber nichts hat sich geändert. Das ist das Problem des Islam in unserer Zeit.

Papst Franziskus sagte vor den Repräsentanten der Politik und Gesellschaft Ägyptens, man vermische die religiöse und die politische Sphäre miteinander. Ohne diese entsprechend zu unterscheiden, bestehe die Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten absorbiert und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren. Wo bleibt die Selbstkritik seiner Zuhörer, um diese Worte entsprechend aufzunehmen?

P. Samir: Ich glaube, dass nicht nur Christen, sondern auch viele Muslime eine klare Trennung von Politik und Religion wünschen. Leider umfasst der Islam traditionell viele Bereiche, nicht nur Religion und Politik, sondern auch Kultur und Wirtschaft. Das ist das erste Problem.

Die Realität zeigt, dass in vielen islamischen Ländern religiöse Vorschriften wie das Alkoholverbot oder das Fastengebot im Ramadan als Gesetze auch auf Nichtmuslime angewandt wird. In Ägypten etwa kommen Homosexuelle ins Gefängnis. Das sind jedoch keine Universalprinzipien. Früher war es nicht so, aber seit den siebziger Jahren hat diese Vermischung zugenommen. Das ist ein großes Problem in der gesamten islamischen Welt. Das entspricht nicht der Vision von Präsident Al Sissi.

In den Reden von Papst Franziskus in Ägypten sind viele Gedanken enthalten, die früher von Papst Benedikt XVI. zu hören waren, aber empfindlich aufgenommen wurden, ganz deutlich darunter die Zurückweisung der Gewalt im Namen der Religion. Wie erklären Sie sich die durchwegs positiven Reaktionen diesmal?

P. Samir: Sie hatten gegen Papst Benedikt XVI. das Vorurteil, dass er sich gegen den Islam richte, aufgrund des Zitats des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos in der Regensburger Rede. Wenn man jedoch diese Ansprache liest, erkennt man, dass es ihm darum ging, an die Vernunft in der Religion zu erinnern. Es kann unmöglich alles wörtlich genommen werden, was in den Schriften überliefert worden ist. Vielmehr müsse man jeden Text in seinem Zusammenhang untersuchen, um ihn besser zu verstehen.

Papst Franziskus sagte auch sehr klar, dass der Dialog frei von Zweideutigkeiten sein sollte….

P. Samir: Möglicherweise kam dies nicht bei Großscheich Al Tayyeb an. Er spricht zwar gegen Gewalt, aber Frauen und Männer sind weiterhin nicht gleichgestellt. So erbt eine Frau nur die Hälfte dessen, was ihre Brüder als Erbteil bekommen. Er muss erkennen, dass das nicht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte entspricht. Wir Christen sollten den Muslimen helfen, die religiöse von der politischen Sphäre zu trennen.

Nun hat sich der Papst direkt an die Vertreter von Politik und Gesellschaft Ägyptens gewandt. Er ermahnte dazu, die unveräußerlichen Menschenrechte zu achten. Was bewegt sich da in Ägypten?

P. Samir: Wir erwarten nicht nur die Gleichstellung aller Bürger, gleich welcher Religion, sondern auch die der Geschlechter. Da bewegt sich Präsident Al Sisi etwas: Vor einigen Wochen hat er verlangt, dass das ägyptische Scheidungsrecht geändert wird. Bislang darf der Ehemann dreimal in Gegenwart zweier männlicher Muslime erklären, dass seine Frau aus der Ehe entlassen und nicht mehr seine Frau sei und die Ehe ist damit beendet. Das könne nicht so weitergehen, hat der Präsident gesagt. Dies müsse offiziell vor Gericht erfolgen. Dies ist aber von Al Azhar noch nicht akzeptiert. Wir hoffen auf solche Schritte. Es gibt zu wenige Imame, die das befürworten.

Es gab eine sehr eindrückliche Begegnung mit Papst Tawadros II., dem koptisch-orthodoxen Patriarchen von Alexandrien. Ist die Taufe nun gegenseitig de facto anerkannt?

P. Samir: Sie war einmal anerkannt, bis einige Orthodoxen sagten, das ihre Taufe nicht mit anderen gleichzusetzen sei. Der frühere Patriarch Schenuda III. war der Meinung, man müsse noch einmal taufen. Heute erkennen wir alle Sakramente unter Orthodoxen und Katholiken gegenseitig an. Es gibt keinen echten Grund, die Taufe zu wiederholen.

Es gibt überhaupt keinen dogmatischen Punkt, der uns unterscheidet. Es geht nur um die Rolle des Bischofs von Rom. In den ersten Jahrhunderten war anerkannt, dass er der Erste unter den Patriarchen von Rom, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem ist, als Primus inter pares. Der Primat des Petrus basiert auf Matthäus 16,18: „Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Das bedeutet, dass er in manchen Fällen, wenn es Konflikte gibt, das letzte Wort hat. Die Unterschiede in den Traditionen und speziell in der Liturgie sind anerkannt, was nie ein Problem darstellte. Nur die Geschichte hat uns getrennt und ich hoffe jetzt, dass wir weitere gemeinsame Schritte tun.

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