„Denn sie ist eine Kämpferin“

Interview mit Kardinal Zen aus Hongkong

ROM, 26. Mai 2017 (Vaticanista/ZENIT).- Papst Franziskus hat am Mittwoch bei der Generalaudienz Pilger aus der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong begrüßt und sie an den Festtag Unserer Lieben Frau von Sheshan erinnert. Der Wallfahrtsort nahe der ostchinesischen Metropole Schanghai feiert am heutigen Mittwoch, dem Fest der Muttergottes unter dem Namen Maria, Hilfe der Christen, sein Patrozinium. Tausende Gläubige werden alljährlich aus diesem Anlass dort als Pilger erwartet. Eine besondere Beziehung zu diesem Fest haben auch die Salesianer Don Boscos, da ihr Gründer das Attribut „Maria Helferin“ in den Ordensnamen aufgenommen hatte. Michaela Koller sprach vor kurzem mit dem chinesischen Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, vormals Bischof von Hongkong, der auch Salesianer Don Boscos ist, über dessen Berufung, die persönliche Bedeutung seines Ordensgründers für ihn sowie über die Verehrung Mariens als Hilfe der Christen.

Kardinal Zen in Kevelaer; Foto: Michaela Koller

Kardinal Zen in Kevelaer; Foto: Michaela Koller

Eure Eminenz, können wir etwas über Ihre Berufungsgeschichte erfahren? Warum haben Sie sich entschieden, Salesianer Don Boscos zu werden?

Kardinal Zen: Ich bin in Schanghai geboren. Mein Vater und meine Mutter wurden während der Zeit der Schulausbildung getauft. Mein Vater zeigte besonderen Glaubenseifer. Er wollte schließlich Priester werden. Aber der Missionar, der ihn getauft hat, sagte: ‚Nein, Du bist ein Neubekehrter. Du solltest heiraten und Dein Kind Priester werden lassen.‘ So heiratete er und ich habe fünf größere Schwestern. Ich war der sechste Spross und der erste Junge der Familie. Mein Vater war sehr glücklich mit mir und brachte mich immer zur Kirche. Während des Kriegs mit den Japanern erkrankte mein Vater, er war gelähmt, und dadurch verarmte meine Familie mit all den Kindern. Er war auch nicht mehr in der Lage, mich zur Kirche zu bringen, während meine Mutter sehr damit beschäftigt war, unsere große Familie zu versorgen. Schließlich hat jemand meiner Mutter das Knabenseminar der Salesianer vorgeschlagen. Auch mein Vater war darüber sehr erfreut, weswegen sie mich dorthin schickten. Ich besuchte die weiterführende Schule der Salesianer. Nach dem Tod meines Vaters kam für mich die Zeit, ins Noviziat der Salesianer zu gehen. Das war in Hongkong und daher zog ich dorthin, während meine Familie in Schanghai zurückblieb.

Wann war das?

Kardinal Zen: Ich kam im Jahr 1948 nach Hongkong. Die Kommunisten kamen im Jahr 1949 an die Macht. Ich konnte nicht mehr zurückkehren. Ich daraufhin für neun Jahre zum Studium nach Italien gegangen, sechs Jahre in Turin und drei Jahre in Rom. Vor meiner Rückkehr nach Hongkong wurde ich bereits im Jahr 1961 zum Priester geweiht. Während ihrer letzten Lebensjahre war meine Mutter in Macau, aber sie starb, bevor ich zurückkehren konnte. Nach meiner Rückkehr im Jahr 1964 begann ich, im Seminar der Salesianer, aber auch in dem der Diözese zu unterrichten. Daher habe ich 52 Jahre lang ohne Unterbrechung Philosophie und Theologie unterrichtet. Damit habe ich erst vor kurzem aufgehört. Ich habe es genossen. In den siebziger Jahren bis Anfang der Achtziger war in Provinzoberer meines Ordens.

Sie haben die Situation in Festlandchina auch kennengelernt, nicht wahr?

Kardinal Zen: Ich konnte nicht nur in Seminaren Hongkongs, sondern auch vielerorts in China in den Jahren von 1989 bis 1996 lehren. Das bedeutet, dass ich unmittelbar nach dem Massaker auf dem Tiananmen Platz dorhin kam. Ich habe mich sehr darüber gefreut, der Kirche in China helfen zu können, und sie näher kennenzulernen. Die Führung in China hat mich gut behandelt, weil viele nach dem Massaker China verlassen haben, ich jedoch gekommen bin, habe ich ihr Vertrauen gewonnen. Aber ich beobachtete, dass sie zu den Bischöfen nicht nett waren, sie nicht respektierten. Schlimm, schlimm. Meine Mitbrüder gehörten der Untergrundkirche an. Sonst durfte ich keine Priester aus dem Untergrund treffen. Aber ich stellte fest, dass Priester und Bischöfe selbst in der offiziellen Kirche sehr gut waren und treu zur Kirche standen. So war ich während der sieben Jahre sehr glücklich. Schließlich wurde ich Koadjutorbischof von Hongkong im Jahr 1996, weswegen ich nicht mehr nach Festlandchina zurückkehren durfte.

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie von der Geschichte des heiligen Don Giovanni Bosco hörten?

Kardinal Zen: Wir hatten in Schanghai zuächst sehr gute Jesuitenmissionare. Die Salesianer kamen später dazu und siedelten sich in den Vororten der Stadt an. Jedoch verstanden sie es sehr, von sich reden zu machen. Unter ihnen waren Studenten der Theologie und ausgezeichnete Missionare, die sich um die Jungen kümmerten, um sie auf das Priesteramt vorzubereiten. Auf diesem Weg erfuhr ich von den Salesianern. Aufgrund der Empfehlung an meine Mutter kam ich zu den Salesianern. Dies war während des Kriegs, als wir sehr arm waren, aber ich war sehr glücklich. Ich lernte viele Dinge, dazu zählte der Gesang, in der Kirche und auch sonst. Ja, es war eine glückliche Zeit trotz des Kriegs.

Wenn Sie an das Besondere des salesianischen Charismas denken, was hat Sie da angezogen?

Kardinal Zen: Ich empfand die Missionare als so liebenswürdig, sehr freundlich und so fröhlich, so dass ich froh war, in den Orden eintreten zu können. Ich war sehr froh, ein Salesianer zu sein, für die jungen Menschen zu arbeiten, für die Kirche: Der Ordensgründer Don Bosco liebte Jesus, liebte die Muttergottes unter dem Namen Hilfe der Christen, liebte den Papst und die jungen Menschen. DAS ist anziehend.

Sie haben das in einer sehr sensiblen Zeit das Amt eines Bischofs in Hongkong übernommen, kurz vor der Übergabe als Sonderverwaltungszone an die Volksrepublik China. Wie hat Ihnen denn das Beispiel Don Boscos in jener Zeit helfen können?

Kardinal Zen: Aufgrund der Erfahrung in China wusste der Vatikan, dass ich die Kirche in China sehr gut kannte. Ich unterhielt dorthin gute Verbindungen, und da ich ein Salesianer, Sohn Don Bosco, bin, treu zur Kirche stehe, machten sie mich zum Koadjutorbischof in Hongkong. Die Zeit nach der Übergabe war sehr unsicher, daher wünschten sie jemanden, der stark im Glauben ist und die Rechte der Kirche verteidigt. Don Bosco war für mich ein Vorbild, da er sehr treu zum Heiligen Vater stand. Er entsandte viele Missionare überallhin und nun gibt es Salesianer überall in der Welt. In Hongkong sind wir unter dem Gemeinschaften die Größte. Wir unterhalten Schulen und leiten Pfarreien, nicht nur in Hongkong, sondern auch in Macau und Taiwan. Die Salesianerschulen in Festlandchina konfiszierte die Regierung und die Missionare wurden ausgewiesen. Einige Salesianer sind in Gefängenschaft gestorben, in Arbeitslagern. Offiziell sind wir dort nicht mehr präsent und mir ist die Einreise nicht gestattet. Sie sagen: ‚Bevor wir Sie nicht einladen, kommen Sie nicht rein.‘ Sie mögen die Wahrheit nicht.

Wie geben Sie denn den Glauben an die junge Generation weiter?

Kardinal Zen: Wie es künftig sein wird, wissen wir nicht. In Hongkong haben sie ein Gesetz eingeführt, auf dessen Grundlage sie uns die Kontrolle über die Schulen entzogen haben. Daher können wir sie nicht mehr leiten. Sie hängen nun einzig von der Regierung ab. In der Vergangenheit führte die katholische Kirche viele Schulen dort, insgesamt 300. Die Katholiken machen lediglich fünf Prozent der Bevölkerung in Hongkong aus, aber wir hatten durch die Konfessionsschulen sehr viel Einfluss.

Papst Franziskus ist gerade vor kurzem im portugiesischen Fatima gewesen, aus Anlass des 100. Jahrestags der ersten Marienerscheinung dort. Gibt es denn in China auch eine Verehrung der Muttergottes von Fatima?

Kardinal Zen: In Macau oder Hongkong ist es kein Problem, jedoch sollten Sie in China nicht Unsere Liebe Frau von Fatima erwähnen. Versuchen Sie einmal ein Bild Unserer Lieben Frau von Fatima nach Festlandchina einzuführen. Das ist nicht möglich, weil ihre Botschaft als anti-kommunistisch betrachtet wird. Aber man muss auch sehr darüber lachen, dass die Kommunisten zwischen Unserer Lieben Frau und Unserer Lieben Frau unterscheiden. Die Anrufung der Muttergottes als Hilfe der Christen ist jedoch erlaubt. Dessen Ursprung geht auf eine lange Kirchengeschichte zurück: Bereits Papst Pius V. bat alle um das Gebet des Rosenkranzes als die Christen sich in der Seeschlacht (von Lepanto, Anm. d. Red.) dem Osmanischen Reich gegenüber sahen, und dies führte zum Sieg.

Und beim zweiten Mal war es die Belagerung Wiens, als der König der Polen Jan Sobieski kam, um die Stadt mit Hilfe einem kleineren Heer davon zu befreien. Diese Siege standen am Anfang der Tradition der Anrufung Mariens als “Hilfe der Christen”. Daher sollten die Kommunisten sich vor Maria, Hilfe der Christen, fürchten, da sie eine Kämpferin ist. (lacht) Papst Benedikt hat dazu ein wundervolles Gebet verfasst, zu Maria, Hilfe der Christen, die wir auch Unsere Liebe Frau von Sheshan nennen, wo sie verehrt wird.

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