„Glaube kann Berge versetzen“

Interview mit Cesare Zucconi von Sant’Egidio

Von Michaela Koller

ROM, 8. September 2017 (Vaticanista/Die Tagespost).- „Wenn die Menschen zu den Wurzeln ihrer religiösen Identität zurückgehen, finden sie das friedenstiftende Potenzial“, sagte der Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio, Cesare Zucconi im Gespräch mit Michaela Koller. Fanatiker suchten jedoch in den Religionen eine Ideologie, um Feindbilder zu festigen. Ein Schwinden der religiösen Überzeugungen könne er nicht feststellen. Die Religionsgemeinschaften dürften daher nicht vor dem Krieg resignieren, sondern müssten für den Frieden mobilisieren, auch um der Gewalt der Armut zu begegnen. An diesem Sonntag beginnt in Münster das diesjährige internationale Friedenstreffen seiner Gemeinschaft, bei dem nicht nur über die Rolle der Religionen und das Zeugnis des Martyriums, sondern auch über Europa und Afrika, Migration und Terrorismus nachgedacht wird.

Cesare Zucconi; Foto: Marco Pavani

Cesare Zucconi; Foto: Marco Pavani

Herr Zucconi, drei Tage Weltfriedenstreffen von Sant’Egidio in Münster und Osnabrück stehen bevor. Diese Orte erinnern uns an den Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg. Beobachter des Nahen Ostens sagen, dass sie derzeit Parallelen in dem Kriegsgeschehen erkennen, das sich vor den Toren Europas ereignet, zu dem Geschehen in Europa von damals. Ist es ein Kampf der Religionen oder eine Instrumentalisierung der Religionen, die sich da vollzieht?

Zucconi: Was wir im Nahen Osten und manchen afrikanischen Ländern beobachten, sind besonders viele Kriege, die anscheinend endlos sind. Der Grund ist nicht in den Religionen zu finden. Vielmehr werden die Religionen instrumentalisiert. In einer Welt, in der die Ideologien an Bedeutung verloren haben, suchen manche in den Religionen eine Ideologie, um den Anderen als Feind zu sehen. Auch wenn wir uns die einzelnen Konflikte konkret anschauen, ist es so, dass die Religion nicht nur im Islam instrumentalisiert wird, sondern auch in anderen Religionen wie etwa gegenüber den Rohingya in Myanmar, einer ethnischen, islamischen Minderheit, die von Buddhisten verfolgt wird. Wir sehen die Gefahr der Ideologisierung auch in manchen christlichen Gegenden.

Wie versucht denn Sant’Egidio die Menschen vom friedenstiftenden Potenzial der Religionen zu überzeugen?

Zucconi: Der Geist von Assisi hat inzwischen einen langen Weg seit dem historischen Gebetstreffen von 1986, das sich Papst Johannes Paul II. wünschte, zurückgelegt und hat immer mehr religiöse Welten angesprochen, ein Geist des Dialogs, des Respekts, der Freundschaft und des Wahrnehmens der eigenen Verantwortung durch religiöse Würdenträger gegen Krieg, Gewalt, Armut und viele Herausforderungen unserer Zeit. Ich glaube, dass der Geist von Assisi nicht nur viele religiöse und kulturelle Welten durchdrungen, berührt und verändert sowie viele aus ihrer Selbstbezogenheit befreit hat. Wenn die Menschen zu den Wurzeln ihrer religiösen Identität zurückgehen, finden sie das friedenstiftende Potenzial. Diese Friedensenergien müssen künftig noch mehr freigesetzt werden, nicht nur, indem man gegenüber der Instrumentalisierung der Religion Stellung bezieht, sondern auch, indem man konkret gemeinsam für den Frieden arbeitet. Die Geschichte von Sant’Egidio ist eine Geschichte, die zeigt, wieviel friedensstiftende Energie durch den Glauben freigesetzt wird. Als Beispiel kann der Frieden von Mosambik vor 25 Jahren genannt werden, und um ein Beispiel aus der jüngeren Zeit zu erwähnen – die Bemühungen um die Zentralafrikanische Republik. Wie es sprichwörtlich heißt: Der Glaube kann Berge versetzen. Die Religion spricht zum Herzen, zum Gewissen der Menschen und jeder Krieg fängt im Herzen der Menschen an, dort beginnt die Veränderung, der Weg zum Frieden.

Wenn wir in die Geschichte auf die Auswirkungen blicken, die der Dreißigjährige Krieg auf das Verhältnis der Menschen zur Religion hatte, könnte man befürchten, dass viele Menschen heutzutage, angesichts der Grausamkeiten ihren Glauben verlieren. Wird über so eine Befürchtung im interreligiösen Dialog mit den Freunden anderen Glaubens gesprochen?

Zucconi: Das, was wir in dieser Welt heute beobachten, ist eher ein Erstarken der religiösen Dimension bei vielen Menschen, Völkern und Kulturen. Es ist eine Suche, die wir auch in unserem säkularisierten Europa beobachten, eine Suche nach Sinn und nach Antworten auf Fragen im Herzen. Was ich beobachte, ist kein Schwinden der religiösen Überzeugungen. Natürlich stehen wir hier vor einer Herausforderung, was die Religionen mehr für die Verbreitung der Botschaft des Friedens tun können angesichts einer sehr gewalttätigen Welt heute. Schauen Sie nur, was in Lateinamerika mit den Jugendbanden geschieht, deren Anhänger in der Schule der Gewalt aufwachsen sind, oft ohne Familien, auf der Straße leben, in Ländern, jahrzehntelang nur Bürgerkrieg erlebt haben.

Wie kann man da Abhilfe schaffen?

Zucconi: Die Bevölkerung muss mehr involviert werden. Ich sehe selbst in den Regionen, in denen heute Friede herrscht, keine große Mobilisierung gegen Krieg. Wo bleibt der Pazifismus, wo die Proteste, wie damals, als der Irakkrieg 2003 ausbrach? Wer geht gegen den Krieg in Syrien auf die Straße? Sehr wenige. Man ist eher resigniert angesichts dessen, was geschieht. Es gibt eine wachsende Kultur des Krieges. Wir haben die letzten Jahrzehnte aber gesehen, dass Kriege nicht Kriege beenden können. Den Weg, den wir gehen müssen, ist ein anderer und da müssen die Religionen viel mehr dafür tun.

Nehmen Sie und Ihre Freunde anderen Glaubens eine wachsende Religionsfeindlichkeit als gemeinsame Herausforderung wahr?

Zucconi: Natürlich sehen wir die Verfolgung vieler Glaubenden, etwa der Christen, wo sie in der Minderheit sind. In manchen Welten gibt es auch eine Islamophobie. Der Antisemitismus ist sicher nicht beendet. Wir hören immer wieder antisemitische Töne. Religionsfeindlichkeit zeigt sich auch in der Idee, dass irgendwie die Ursache aller Probleme dieser großen Gewalt in unserer Welt in den Religionen begründet sei, so als ob die Theologie die Gewalt begründen würde.

Armut ist ein großes Thema Ihrer Gemeinschaft. Worin erkennen Sie das größte Hindernis auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit?

Zucconi: Dies ist an erster Stelle eine Frage der Armen. Es ist richtig, dass Papst Franziskus einen Welttag der Armen ins Leben gerufen hat und nicht einen Welttag der Armut. Die Frage nach Aufmerksamkeit gegenüber den Armen, nach einer persönlichen Beziehung zu ihnen, ist eine an jeden Menschen, jeden Gläubigen, jeden Christen und nicht nur an die Wohltätigkeitsorganisationen. Die Armen sind überall. Wenn wir auf Europa schauen, diesen Kontinent der alten Menschen, die vergessen und verlassen wurden, sehen wir die Ungerechtigkeit der Einsamkeit. Welche Zukunft hat eine Gesellschaft, in der diejenigen vergessen wurden, die den Wohlstand der Gesellschaft aufgebaut haben? Was vermitteln wir unseren Kindern, wenn wir unsere Eltern in der Einsamkeit zurücklassen? Hier stellt sich die Frage nach einem neuen Bund der Generationen. Ich denke an die Migranten, die unseren Kontinent erreichen: Viele fliehen vor der Gewalt der Kriege, aber auch vor der Gewalt der Armut, auch durch die Verwüstung mancher Regionen. Es ist keine Lösung, Mauern zu errichten. Hier sind wir zu einem neuen Bund mit Afrika herausgefordert, in den nächsten Jahrzehnten wird dort ein Viertel der Weltbevölkerung leben, ein enormes Potenzial: Junge, intelligente und kreative Menschen brauchen wir auch für unseren Kontinent.

Wie sehen aktuelle Beiträge Sant’Egidios in dieser Hinsicht aus?

Zucconi: Sant’Egidio hat die humanitären Korridore initiiert. Das ist der Versuch, einen Weg zu finden, wie man das Leben der Menschen retten kann, die sich nach Europa auf den Weg machen, bevor sie zur leichten Beute der Schlepper werden oder ertrinken. Dazu hat Sant’Egidio zusammen mit den evangelischen Kirchen in Italien und der Regierung ein Abkommen unterzeichnet. Demnach bekommen wir eine gewisse Anzahl an humanitären Visa zur Verfügung gestellt, und dann einen Korridor für syrische Flüchtlinge aus dem Libanon nach Italien geöffnet. Dazu identifizieren wir die Schwächsten, stark Traumatisierte, Kriegswitwen mit Kindern, Kriegsverletzte, schwer kranke Kinder, die wir mit ihren Familien in einem normalen Linienflugzeug nach Italien bringen. Ihre Identität wird geprüft, noch bevor sie das Visum im Libanon bekommen. Es gibt die doppelte Sicherheit: für die Flüchtlinge, aber auch für den Staat, der sie aufnimmt, der weiß, wer hereinkommt. Dann gibt es das zweite Momentum, das wichtig ist: Dass die Familien, die zu uns kommen, von Familien, Pfarreien, Gruppen von Bürgern aufgenommen werden, die sich zusammentun, Wohnungen zur Verfügung stellen, sich dafür einsetzen, dass die Kinder zur Schule gehen, die Erwachsenen die Sprache lernen. In einigen Monaten haben wir fast 1 000 Menschen in Sicherheit gebracht und können sie auf diesem Weg auch einfacher integrieren. Oft wird von der Politik nicht wahrgenommen, dass es einen Willen zur Hilfsbereitschaft und Solidarität gibt.

 

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