„Er veränderte ihr Leben“

Seligsprechung von Johannes Paul II. in Rom

Von Michaela Koller

Foto: Ferdinand Seizmair

ROM, 2. Mai 2011 (Vaticanista).- In einer fast dreistündigen Zeremonie ist am Sonntag vor 1,5 Millionen Gläubigen Papst Johannes Paul II. (1978 – 2005) selig gesprochen worden. Bereits in den frühen Morgenstunden brachen Pilger aus aller Welt auf, um sich rechtzeitig Plätze auf dem Petersplatz und der nächsten Umgebung zu ergattern. An der Viale Vaticano, gleich bei der leoninischen Mauer, stoppten große Reisebusse, um Gruppen von Gläubigen herauszulassen:

Rund zwei dutzend Afrikaner, von denen die meisten sich ihre Nationalfahnen hinten an die Schirmmütze geklemmt hatten, eilen Richtung Porta Angelica. „Woher kommen Sie? Wir kommen aus Gabun“, sagt der Priester auf Englisch am Ende der kleinen Prozession. Eine Gemeinschaft von Frauen aus Afrika tragen einheitliche Kleider mit dem Jesus-Bild, das einst Schwester Maria Faustyna Kowalska in Auftrag gegeben hatte. Unter dem Bild steht in Französisch: „Gott ist barmherzig.“

Zehntausende Pilger hatten sogar die Nacht durchgemacht, und campierten mit Zeitungen und Isomatten geschützt an der Prachtstraße, die auf den Platz zuläuft, der Via della Conciliazione oder in der nächsten Umgebung. Rom gehört eigentlich nicht zu den Städten, die nie schlafen. Aber die Nacht vor der Seligsprechung des vorigen Papstes war alles andere als ruhig, der dichte Verkehr nahm noch lange nach der Vigilfeier, die bis halb elf Uhr im Circus Maximus stattfand, nicht ab. Fortlaufend erschallte von irgendwoher ein Martinshorn.

Grelle Flutlichter erhellten den Petersplatz, wo rings um die Kolonnaden Fotos aus dem 27-jährigen Pontifikats Johannes Pauls II. noch einmal die ganze Fülle dieser Ära in Erinnerung riefen. Im Fenster zu den päpstlichen Gemächern flackerte eine Kerze. Allmählich hob sich die beleuchtete Engelsburg markant rötlich vom blau-gräulichen Horizont ab. In den folgenden Stunden wurde er entgegen aller Wettervorhersagen immer blauer, während die Sonne die feucht-frische Luft des Morgens erwärmte. Als der Rosenkranz zur Barmherzigkeit Gottes gebetet wurde, stand fest: Es wird ein strahlend-sonniger Festtag.

Das offizielle Porträt Papst Johannes Pauls II., das an der Mittelloggia des Petersdomes hängend, langsam nach den Worten der Seligsprechung unter Applaus enthüllt wurde, zeigt diesen ebenfalls vor einem strahlend-blauen Hintergrund. Eine weiße Taube flog in diesem Moment vor dem Bild und zwischen dem Torbogen Karls des Großen und dem gegenüberliegenden Apostolischen Palast. Wenn sie nicht einen kleinen grauen Federnkranz gehabt hätte – es hätte wie arrangiert gewirkt.

Papst Benedikt XVI., der zu Beginn seines Pontifikats entschied, nur noch Heiligsprechung selbst vorzunehmen, stand erstmals überhaupt als Pontifex einer Seligsprechung vor. Er hatte gerade im ersten Teil der Messe, dem Wortgottesdienst, die Worte dieses feierlichen Aktes gesprochen. Dabei hatte er angekündigt, dass der 22. Oktober eines jeden Jahres der Gedenktag für den neues Seligen sein wird.

Das „Santo Subito“, das auf Spruchbändern während der größten Beisetzungsfeier der Menschheitsgeschichte am 8. April 2005, zu lesen war, wurde damit wahr, ganz real: „Und heute ist der erwartete Tag gekommen; er ist schnell gekommen, weil es dem Herrn so gefallen hat: Johannes Paul II. ist selig“, rief sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. kräftig den Gläubigen in seiner Predigt zu. Das Datum für diese Feier sei gewählt worden, weil nach dem Plan der Vorsehung sein Vorgänger genau am Vorabend des Sonntags der Göttlichen Barmherzigkeit verstorben sei. „Heute ist außerdem der erste Tag des Marienmonates Mai; und es ist auch der Gedenktag des heiligen Josef des Arbeiters“, erinnerte er in seiner Homilie. Das Fest Josef des Arbeiters, das inzwischen mancherorts in Vergessenheit geraten ist, wurde erst von Papst Pius XII. eingeführt.

„Liebe Brüder und Schwestern, heute erstrahlt vor unseren Augen im vollen geistlichen Licht des auferstandenen Christus die Gestalt des geliebten und verehrten Johannes Paul II.“, sagte Papst Benedikt weiter. An diesem Tag werde sein Name der Schar der Heiligen und Seligen hinzugefügt, die er selbst währen seines langen Pontifikats heilig- und seliggesprochen hatte. Er habe nachdrücklich an eine allgemeine Berufung zur Heiligkeit erinnert, im Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Er selbst habe die Gesellschaft, die Kultur, die Bereiche der Politik und der Wirtschaft für Christus geöffnet: „Mit der Kraft eines Riesen – die er von Gott erhalten hat – hat er eine Tendenz umgedreht, die unumkehrbar erscheinen mochte“, betonte Benedikt XVI. „Non abbiate paura, spalancate le porte a Cristo“, stand auf einem langen weißen Spruchband mit roten Lettern vor den Kolonnaden inmitten eines Meeres von polnischen Fahnen zu lesen. Dieses Motto der ersten feierlichen Messe Johannes Pauls II. auf demselben Platz zitierte auch Benedikt in seiner Ansprache. Es heißt auf Deutsch: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“ Eine Botschaft, die auch jetzt, in einer Situation des allgemein offenbar werden Glaubensverlusts

Das „Santo subito“ des 8. April war im Vorfeld der Seligsprechung oftmals auch von Kritikern des neuen Seligen hinterfragt worden. Papstbiograf Michael Hesemann, der unmittelbar vor den Feierlichkeiten mit YOUCAT-News sprach, hält dem entgegen: „Warum sind beinah anderthalb Millionen Menschen heute hierher gekommen? Es geht nicht darum einen Administrator selig zu sprechen, oder Papst Johannes Paul II. als Theologen zu Ehren der Altäre zu erheben. All die Menschen sind aus Dankbarkeit hierher gekommen, weil er durch eine Begegnung einmal ihr Leben verändert hat.“

Unter ihnen war als erstes auch Schwester Marie Simon-Pierre. Sie durfte eine Reliquie des am 2. April 2005 verstorbenen Karol Wojtyla, der seitdem nicht nur in seiner polnischen Heimat wie ein Heiliger verehrt wird, zum Papst tragen. Im Frühjahr des Todesjahres des neuen Seligen hätte sie das prachtvolle Reliquiar nicht einmal anheben können, so schwer litt sie an der Krankheit Parkinson.

Die Angehörige der Kongregation der „Petites Soeurs“ war in der Nacht zum 2. Juni 2005 schließlich auf die Fürsprache von Papst Johannes Paul II. hin geheilt worden. Alle Petites Soeurs hatten eine Novene zu ihm gebetet. Die Heilung ist übernatürlich, wie Ärzte später feststellten. Es war das für die Seligsprechung notwendige Wunder. Sie widmet sich seither wieder dem Dienst an den Familien. „Ja, es ist nicht nur leiblich eine neue Geburt, sondern auch geistig“, stellte sie vor einiger Zeit in einem Interview mit dem französischen Fernsehsender KTO fest.

Nach der Heiligen Messe standen noch Zehntausende Menschen an, um den aufgebahrten Papst Johannes Paul II. im Petersdom zu verehren, darunter wieder eine Gruppe mit dem Jesus-Bild der Schwester Maria Faustyna auf ihrer Tracht. Auch sie sind wohl, wie Autor Hesemann schon vermutete, aus Dankbarkeit mit dabei.

 

 

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