Die Früchte des ökumenischen Zusammenrückens

Interview mit Walter Kardinal Kasper über Erinnerungen, Erfahrungen und Ausblicke

Kardinal Walter Kasper

 

ROM, 9. Mai 2011 (Vaticanista).- Eines der berühmtesten Bilder des vor rund einer Woche selig gesprochenen Papst Johannes Paul II. zeigt ihn betend vor der Klagemauer in Jerusalem. Während dieser Jubiläumspilgerreise im Jahr 2000 ins Heilige Land kam es auch zu herausragenden ökumenischen Begegnungen, etwa im griechisch-orthodoxen Patriarchat von Jerusalem.

Walter Kardinal Kasper ist einer derjenigen, die die Hintergründe dieser herausragenden Momente der Ökumene und des Dialogs mit dem Judentums aus der Nähe erlebten. Im März 1999 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, dessen Präsident Kasper zwei Jahre später wurde. Das Amt hatte er bis Juli vorigen Jahres inne.

Michaela Koller sprach mit ihm in Rom über seine Erinnerungen an den neuen Seligen, die Kontinuität der Grundausrichtung im Pontifikat Papst Benedikt XVI. und über die Bedingungen für die Ökumene und den interreligiösen Dialog im Wandel der Zeiten.

Wie haben Sie, damals als Kurienkardinal, den neuen Seligen, Papst Johannes Paul II., erlebt?

Kardinal Kasper: Papst Johannes Paul II. war für mich der erste Papst, den ich bereits kannte, bevor er gewählt wurde. Meine Erinnerung an ihn ist die Erinnerung an einen großen Menschen: Diese menschliche Größe, diese Sensivität für menschliche Probleme, die Offenheit und die Neugier geradezu, Menschen kennenzulernen und jedem ganz persönlich nahe zu sein. Ich erinnere mich zudem an einen geistlichen Menschen: Wenn er gebetet hat, da war er wirklich versunken in Gott. Ich denke, die Seligsprechung ist eine Konsequenz aus dieser geistlichen Dimension seines Lebens. Er sagte nicht nur: Öffnet Christus Eure Pforten und Eure Herzen. Er hat das einfach selbst getan und hat sich für viele junge Menschen geöffnet. Ich war bei verschiedenen Weltjugendtagen dabei und habe das da so erlebt.

In Deutschland wird manchmal kritisiert, man hätte die Seligsprechung voreilig vorangebracht. Es war aber die Basis, die sie gewollt hat und nicht vatikanische Politik, wie in einer Zeitung zu lesen war. Es war für mich sehr eindrucksvoll, hier in der Nähe jeden Tag die lange Reihe von Menschen zu sehen, die zu seinem Grab gingen. Das war ein großer Papst und er ist nach wie vor bei uns und mit uns. Er hat vielen Menschen, die Freude, die Schönheit des Glaubens und der Kirche neu erschlossen.

Sie haben ihn gerade auch im Hinblick auf sein Wirken in Ihren Zuständigkeitsbereichen, der Ökumene und des Dialogs mit dem Judentum erlebt. Johannes Paul II. pflegte ja eine enge Freundschaft zu seinen jüdischen Klassenkameraden, die ihn noch im Apostolischen Palast besuchten…

Kardinal Kasper: Als Bub spielte er in der jüdischen Schulmannschaft Fußball. Er hat seither auch Freunde gehabt, die er erst nach der Shoah wiedergetroffen hat – einige davon erst viel später, als er in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem war. Das war etwas ganz Bewegendes.

Da waren Sie ja als Sekretär des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen nah dabei…

Kardinal Kasper: Ja. Es war ihm ein persönliches Anliegen, den Dialog mit den Juden auszubauen. Und das haben sie auch nie vergessen. Und natürlich die Ökumene, zu der er zunächst als Pole wenig Zugang hatte – was verständlich war. Aber er öffnete sich da auch in unglaublicher Weise und war interessiert, dies voranzubringen. Er hat sich nicht bloß angehört, was wir machen, sondern hat uns vielmehr gedrängt, weiterzumachen. Er legte Wert darauf, als der erste slawische Papst mit den slawischen Orthodoxen Kontakt und sogar Freundschaft aufzubauen. Es ist nicht ganz gelungen, aber ich erinnere mich noch, wie er mir die Madonna von Kasan‘ übergab.

Als ich sie nach Russland brachte, war dies ein nationales Ereignis. Ich habe mir damals gedacht, die Muttergottes von Kasan‘ schafft es auch noch, die Herzen der Orthodoxen, in denen sie ja sowieso verwurzelt ist, wieder zu öffnen. Man hat es nicht in der Hand, wie, wann und wo dies geschieht. Es hat sich aber schon viel entwickelt: Bei der Beerdigung waren praktisch alle Kirchen mit hochrangigen Repräsentanten vertreten. Das war zum ersten Mal in der Kirchengeschichte so. Da hat man gemerkt: Noch ist die Kirche nicht eins, aber die Christenheit rückt wieder näher zusammen. Das ist doch ein großes Erbe dieses Papstes. Ich habe es etwas bedauert, dass dieser Aspekt seines sehr bedeutenden Wirkens rund um die Seligsprechung nicht auch noch erwähnt wurde.

Es wird oftmals eine klare Trennlinie zwischen dem neuen Seligen und Papst Benedikt XVI. hinsichtlich ihrer Herangehensweise beim Dialog mit den Juden gezogen. Bei der Veröffentlichung des neuen Jesusbuchs zeigten sich jüdische Vertreter recht überrascht über dessen Haltung zur Frage nach der Schuld an der Kreuzigung. Konnte man mit so einer Positionierung nicht vorab rechnen, wenn man die Schriften Joseph Ratzingers – Papst Benedikts – kennt?

Kardinal Kasper: Es sind schon zwei recht verschiedene Persönlichkeiten, aber in der Grundausrichtung besteht eine eindeutige Kontinuität. Die Größe des gegenwärtigen Papstes besteht auch darin, dass er nie versucht hat, Johannes Paul II. zu imitieren. Das kann er nicht, er ist sich selbst treu geblieben. Und das ist auch das, was die Menschen und besonders die Jugendlichen überzeugt. Das hat man schon in Köln beim Weltjugendtag gemerkt.

Die Passage überraschte überhaupt nicht, denn dies ist schon im Zweiten Vatikanischen Konzil ganz deutlich gesagt worden. Wer ihn aus seiner früheren Zeit als Professor kennt – und ich kenne ihn seit 1964, der weiß, dass ihm die Versöhnung mit den Juden immer schon ein Anliegen war. Das kommt anders zum Ausdruck als bei Johannes Paul II., aber es ist da und es ist sehr lebendig bei ihm.

Auch wenn es keine Überraschung war, hat es mich gefreut, dass es nochmals verdeutlicht worden ist. Es gibt doch immer wieder Aufwallungen des Antisemitismus und meiner Überzeugung nach müssen wir Deutschen alles tun, dies zu überwinden. Es gibt in dieser Hinsicht also keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen beiden Päpsten, aber in der Herangehensweise und in der Persönlichkeit sowie vor allem eine inzwischen veränderte Situation. Benedikt XVI. steht vor einer ganz anderen Herausforderung, sich mit dem neuen Atheismus, dem Indifferentismus und Relativismus der westlichen Welt sowie mit einer neuen Kirchenfeindlichkeit auseinander zu setzen.

Herr Kardinal, es gibt, angegliedert an die Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner in Vallendar das nach Ihnen benannte Kardinal Walter Kasper Institut, über das auch zu erfahren ist, wie viel Sie noch immer für die Ökumene unterwegs sind. Sie zählen offenbar nicht zu den emeritierten Kardinälen, die sich ausschließlich in ihre Studierstube zurückziehen, sondern sind jemand, der in die Welt hinausgeht. Gibt es Ziele, die Sie gerne noch als Präsident des Einheitsrates erreicht hätten?

Kardinal Kasper: Ökumene ist nicht einfach ein Job, den man dann ablegt, wenn man emeritiert wird, sondern etwas, das einem am Herzen liegt. Für mich bestand Ökumene in den ganzen Jahren nicht einfach aus Dokumenten, sondern bestand darin, persönliche, menschliche, christliche Beziehungen, Vertrauen und Freundschaft aufzubauen. Man muss miteinander reden, miteinander essen und miteinander beten. Da habe ich bei vielen anderen Christen doch gespürt, nicht nur bei evangelisch-lutherischen, sondern auch bei freikirchlichen: Der Geist Gottes weht auch dort. Es gibt soviel Sehnsucht nach einer größeren Einheit.

Das Miteinander war das A und O und das hört dann nicht von einem Tag auf den anderen auf. So bekomme ich noch viele Einladungen, von denen ich bei weitem nicht alle annehmen kann. Es ist mir eine Freude, den Menschen zu begegnen ohne mich aber in die Sache einzumischen. Ich bin aber auch gerne wieder zur Theologie zurückgekehrt, das ist mein Handwerk, das ich gelernt habe.

Sie haben gerade auch ein Buch abgeschlossen, das am 8. Juni vorgestellt wird. Worum geht es darin?

Kardinal Kasper: Ich wollte schon zum Abschluss meiner akademischen Laufbahn nach dem Buch über Jesus Christus und dem Buch über Gott ein Buch über die Kirche schreiben. Jetzt habe ich zehn Jahre Erfahrung als Bischof und elf Jahre in Rom. Die Grundprinzipien sind dabei geblieben, aber es hat sich die Perspektive natürlich verändert, die universaler wurde. Auch praktische Erfahrungen kamen dazu. Das Buch trägt nun den Titel „Katholische Kirche. Wesen, Wirklichkeit, Sendung“. Im ersten Kapitel schildere ich meinen eigenen Weg in der Kirche, bei dem ich auf ein halbes Jahrhundert zurückschaue. Die Kirche ist ja nicht etwas, mit dem ich nur ein akademisches Anliegen verbinde. Ich lebe schließlich in dieser Kirche. Dann folgt die Lehre von der Kirche aus der theologischen Perspektive, biblisch, patristisch und von der Warte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ich stelle auch die Dialoge, die die Kirche führt, dar, den ökumenischen Dialog, den Dialog mit dem Judentum und mit der heutigen Welt. Abschließend gebe ich einen Ausblick auf die Zukunft der Kirche, vor allem auch in dieser in Deutschland kritisch gewordenen Situation.

Im vorigen Jahren haben Sie bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes gesprochen und dort festgestellt, dass man nicht von einem ökumenischen Winter sprechen könne und dabei auf die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 verwiesen. Jüngere Erfolge konnten Sie da nicht aufzeigen?

Kardinal Kasper: Ich möchte doch zum ökumenischen Winter noch eines sagen: Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und weiß daher gut, dass die Saat auch in der kalten Jahreszeit wächst, auch wenn sie nicht sprießt. Der Winter ist keine tote Zeit. Die Ökumene lebt nicht von äußeren Erfolgen, sondern muss in den Herzen der Menschen wachsen, sie muss geistlich wachsen. Es muss auch die Ökumene des Gebets und des Opfers geben, zu der jeder Christ beitragen kann. Das sind nicht nur Großveranstaltungen und akademische Dialoge. Da ist sicher einiges inzwischen gereift.

Zusammen mit meinen Mitarbeitern habe ich ein Buch in englischer Sprache veröffentlicht, das den Titel „Harvesting the fruits“ trägt, „Die Früchte ernten“. Ich war selbst überrascht, wie viele Früchte da sind, die in der Öffentlichkeit zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Ich erinnere mich noch daran, dass ich als Bub nie in eine evangelische Kirche gegangen bin, weil ich dachte, ich müsse das beichten. Heute feiere ich mit den evangelischen Bischöfen Wortgottesdienste. Jetzt kommt es vor allem darauf an, dass man die richtigen Wachstumsbedingungen für die Ökumene schafft. So darf ich etwa die Menschen, die Bedenken bei der ökumenischen Annäherung haben, nicht einfach abstempeln und eine Polarisierung in der eigenen Kirche riskieren.

Nun sieht es aber so aus, als sei aufgrund theologischer Voraussetzungen die Ökumene mit den orthodoxen Kirchen sehr viel fruchtbarer als mit den protestantischen Denominationen…

Kardinal Kasper: Ich bin mir sicher, wenn wir mit der Orthodoxie weiterkommen, wird dies Rückwirkungen auf die evangelische Kirche haben. Wir betonen im Dialog mit den Orthodoxen zurzeit sehr stark die synodale Struktur. In dem Augenblick, in dem wir dies wieder stärker verwirklichen, bringt uns das der evangelischen Kirche näher. Die Ökumene ist ein unteilbares Ganzes.

Jetzt steht der Papstbesuch bevor: Es findet ein ausführliches Gespräch des Heiligen Vaters mit evangelischen Christen in Erfurt im Lutherkloster statt. Man darf sich da nicht großartige Ergebnisse erwarten, aber die Begegnung hat für sich eine große Bedeutung. Es gibt ohnehin keine Alternative zum Zusammenrücken der Christen in einer Welt, die sich stark vom Christentum distanziert.

Sie schrieben ja bereits in Ihrer Stellungnahme zum Theologen-Memorandum von einer Gotteskrise. Inwiefern beeinflusst diese auch den ökumenischen und interreligiösen Dialog?

Kardinal Kasper: Ja, selbstverständlich wirkt sich diese Glaubenskrise auf den Dialog aus. Unter der Verdunkelung Gottes oder des göttlichen Horizonts in unserer Welt leiden alle Kirchen in Europa, das wirkt bis in sie hinein. Die Kirchen sollten deshalb auch gemeinsam Zeugnis geben und den Glauben lebendig und aktuell für das Leben der Menschen zu zeigen. Das geht nicht allein mit Worten.

 

 

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