„Sein Charisma rührte von seiner Herzenswärme her“

Interview mit dem Kommandanten der Schweizergarde über das Selbstverständnis des Päpstlichen Korps und seine Erinnerung an Papst Johannes Paul II.

ROM, 9. Mai 2011 (Vaticanista).- Am Freitag sind 34 neue Schweizergardisten im Vatikan angelobt worden. Unter den neuen Hellebardieren sind 28 Deutschschweizer, drei der Neuen sind französische, zwei sind italienische und einer ist rätoromanischer Schweizer. Die Angelobung findet alljährlich am 6. Mai, dem Jahrestag des Sacco di Roma statt, an dem des heldenhaften Einsatzes der Schweizergarde gegen marodierende deutsche Landsknechte und spanische Söldner gedacht wird.

Nur 42 von ihnen überlebten damals, 146 des im Jahr 1506 gegründeten Armeekorps fielen. Aus Anlass der Feierlichkeit im Damasushof befragte Anna Artymiak Oberst Daniel Rudolf Anrig, den Kommandanten der Schweizergarde. Das Interview wurde erstmals durch die brasilianische Nachrichtenagentur Gaudium Press http://www.gaudiumpress.org/view/show/25898–e-necessario-agir-com-coragem-e-rigor-e-prestar-o-servico-com-extrema-lealdade-e-fidelidade-diz-chefe-da-guarda-suica veröffentlicht.

Der traditionelle Wahlspruch der Schweizergarde „ Acriter et Fideliter“ bedeutet, dass der Dienst der Gardisten mit Tapferkeit und in Treue geleistet werden muss. Wie verwirklicht ein Gardist heutzutage dieses Motto in seinem persönlichen Leben?

Oberst Anrig: Die Schweizergarde hat heute neben ihrem repräsentativen Dienst auch die Verantwortung für die Sicherheit der Person des Heiligen Vaters. Diese beiden Aufträge waren schon immer die Hauptaufgabe der Garde, also schon seit der Gründung des Korps im Jahre 1506 bis heute. Insbesondere beim Auftrag, die Sicherheit und den Schutz des Heiligen Vaters zu gewährleisten, war es wichtig, ein gehöriges Maß an Mut und Opferbereitschaft zu besitzen. Heute ist die Lage da ein wenig anders, aber da ja der Heilige Vater hier in unserer Welt lebt und dort seinen Auftrag erfüllt, ist es immer noch sehr wichtig, diese Gaben zu haben. „Acriter et Fideliter“ bedeutet, in unserem Dienst mit Mut und Pflichtbewusstsein zu handeln und dass man seine Arbeit in großer Ehrlichkeit und Treue gegenüber dem Heiligen Vater ausführen muss. Das war schon immer so gewesen.

Und welche weiteren Werte verkörpert die Schweizergarde heute?

Oberst Anrig: Ich denke, dass man außer Mut und Ehrlichkeit auch einen Sinn für Disziplin, Bescheidenheit und Kameradschaftlichkeit haben sollte und eben auch Liebe zum Nächsten. Das alles sind Werte, die nicht nur während des Dienstes im Apostolischen Palast und an anderen Orten hilfreich sein können, sondern auch im alltäglichen Kasernenleben.

Bevor Sie Kommandant wurden, haben Sie als Hellebardier gearbeitet, das war in den Jahren 1992-1994. Was hat Sie dazu bewogen, in das Korps der Schweizergarde einzutreten?

Oberst Anrig: Persönlich gesagt spürte ich eine Berufung, die mir sagte, ich müsse der Kirche dienen. Und die Kirche identifizierte sich für mich in der Person des Heiligen Vaters. Dabei hat meine Entscheidung sicherlich auch beeinflusst, dass ich gerne einmal die Erfahrung machen wollte, ins Ausland zu gehen.

Inwiefern hilft Ihnen Ihre frühere Erfahrung bei Ihrem neuen Auftrag?

Oberst Anrig: Meines Erachtens wurde ich dadurch befähigt, mehr Mitgefühl für die jungen Leute haben zu können. Ich kann ihre Probleme besser verstehen. Schon in der Rekrutenschule bemühe ich mich mitzubekommen, wie es den angehenden Gardisten geht. Ich versuche, sie bei ihrer Arbeit im Detail zu begleiten, weil ich weiß, dass manchmal Schwierigkeiten geben kann, aber natürlich auch Momente der Begeisterung. Ich selbst habe das ja auch durchgemacht. Ich glaube, dass ich gelernt habe, die verschiedenen Befindlichkeiten der jungen Gardisten besser zu verstehen.

Sie sind nun schon seit mehr als zwei Jahren Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde. Wie beurteilen Sie jetzt die Arbeit, die Sie in diesen zwei vergangenen Jahren geleistet haben?

Oberst Anrig: Wenn man einen neuen Auftrag erhält, gibt es ja immer zu Beginn eine Zeit, in der man die bestehende Situation überprüfen muss. Und danach beginnt man dann mit Veränderungen, um die Dienstsituation zu verbessern. Das habe ich jetzt schon hinter mir. Natürlich waren das zwei sehr intensive Jahre. Hoffen wir, dass die kommenden Jahre nicht so intensiv sein werden. Ich hoffe, natürlich auch immer wieder gleich motiviert zu bleiben wie am Anfang.

Welche Veränderungen haben Sie in das Korps eingeführt?

Oberst Anrig: Zunächst war für mich die Überprüfung der alten Prozeduren innerhalb des Korps wichtig. Ein anderer Aspekt war die Regelung der Rekrutierung, da habe ich ein paar Änderungen vorgenommen. Dann habe ich mich der Verbesserung und der Ordnung des alltäglichen Lebens des Dienstes gewidmet. Das waren die evidenten Dinge, außer ein paar kleineren Vorgängen, wo ich auch noch meinen Beitrag geleistet habe. Ich glaube, dass es für jede Struktur wichtig ist, dass der Verantwortliche die Ratschläge, die ihm aus seinem Inneren erwachsen, prüft und mithilft, sie in die Wirklichkeit umzusetzen.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Oberst Anrig: In unserer heutigen Welt ist die Frage der Sicherheit von größter Bedeutung, sie ist für unsere Truppe noch wichtiger als sämtliche Repräsentationsaufgaben. Und das ist eine Herausforderung, die uns sehr in Anspruch nimmt. Und was den Sicherheitsauftrag betrifft, so kann ich sagen, dass meine früheren professionellen Erfahrungen als Polizeichef in der Schweiz dem Korps durchaus behilflich sein könnten. Deswegen halte ich diesbezüglich meine Augen offen für Probleme, die auftreten könnten oder die es vielleicht einmal geben wird. Das ist eben eine ganz präzise Verantwortung der Person, die dem Korps vorsteht, und in Zukunft möchte ich mich auch zunehmend für die Frage der Sicherheit einsetzen.

Von welchen der neueren Technologien denken Sie, dass es sinnvoll wäre sie in das Korps der Schweizergarde einzuführen?

Oberst Anrig: Ich bin schon immer skeptisch gewesen, wenn ich von neuen Technologien sprechen höre. Natürlich können sie uns bei der Arbeit von Nutzen sein, aber was Sicherheitsfragen betrifft, ist doch immer noch der Mensch selbst am wichtigsten. Ich meine damit, dass der Gardist selbst, seine konkrete Person, für die Sicherheit garantiert und nicht Geräte oder Techniken. Am wichtigsten sind die Personen hinter diesen Geräten, die sie funktionieren lassen.

Heute ist ja zum Beispiel der Einsatz von Kameras ganz in und es ist ja ganz nett, wenn man solche Kameras hat, aber wenn man sie nicht richtig bedienen kann, wenn man nicht in der richtigen Weise auf die Informationen reagieren kann, die man durch sie bekommt, dann nützt das Ganze nichts. Darum bin ich eben ein Kommandant, der seine Leute lehren muss, Gardisten im wahren Sinne des Wortes zu sein, d.h. wachsam zu sein und bereit, in jeder Situation richtig zu reagieren.

Hat man denn als Kommandant bei all diesen verschiedenen Aufgabenbereichen noch Zeit fürs eigene Privatleben?

Oberst Anrig: Als Kommandanten sind wir bevorzugt, weil wir am gleichen Ort leben, wo wir arbeiten. Unsere Kaserne ist der Ort, wo wir leben und arbeiten, und wo auch unsere Familien wohnen. Das ist sicher ein Privileg. Trotzdem ist das gleichzeitig auch eine Herausforderung, weil das Leben sich sozusagen ständig inmitten der Kollegen abspielt, ohne dass man so eine richtige Privatsphäre hat. Man muss sich halt daran gewöhnen, sonst fühlt man sich nicht wohl.

Als Hellebardier hatten Sie Gelegenheit Johannes Paul II. kennenzulernen. Ein paar Erinnerungen aus dieser Zeit…

Oberst Anrig: Ich hatte das Glück, in den Jahren 1992 bis 1994 meinen Dienst zu leisten und hatte während dieser zwei Jahre Gelegenheit, ihm mehrmals zu begegnen – auch in ganz persönlichen Momenten. Ich glaube, dass sein Charisma von seiner Herzenswärme herrührt, die man einfach immer spürte, wenn man ihm begegnete und das vergisst man dann einfach nicht mehr. Ich habe da auch eine besondere Erinnerung an eine Begegnung mit ihm in der Weihnachtsnacht 1992, als er mir nach meinen fünf Dienststunden entgegenkam, und ich konnte dann mit ihm alleine in der Loggia sein. Diese Begegnung war für mich ein großes Geschenk. Ich glaube, dass auch andere solche Erfahrungen gemacht haben. Aber für mich waren dies immer ganz besondere Begegnungen, weil ich mich von seinem Charisma inspiriert fühlte.

In dieser Zeit konnten Sie auch den früheren Kardinal Joseph Ratzinger kennenlernen. Anders als damals begegnen sich da heute zwei „Oberhäupter“: Sie sind Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde geworden und Kardinal Ratzinger wurde zum Papst gewählt. Wie wirkte er auf Sie, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation war, und wie ist er heute als Papst?

Oberst Anrig: Als ich ihm damals begegnete, also in den 90er Jahren, war ich ja nur ein junger Gardist. Ich grüßte ihn immer und uns allen schien er eine sehr demütige und auch sehr weise Person zu sein. Die jüngeren Gardisten waren von ihm beeindruckt. Mit diesem Kardinal redete man immer mit großer Hochachtung und großem Respekt. Aber er selbst begegnete den jungen Gardisten immer mit großer Herzlichkeit. Heute ist natürlich alles ganz anders, man begegnet sich auf eine andere Weise.

Aber sicherlich ist er noch heute als Papst die gleiche Person, die ich damals kennengelernt habe. Jede Person, die ihm heute begegnet, schätzt ihn einfach absolut, weil man sofort merkt, dass er eine herausragende Persönlichkeit ist, nicht nur wegen seiner theologischen Intelligenz, sondern auch wegen der Herzenswärme, die er ausstrahlt. Alle, die ihm begegnen, haben dieses Gefühl. Ich habe halt außerdem das Glück, dass ich ihm häufiger begegne, als andere.

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