Verhütung von Krankheiten oder Verhütung von Kranken?

Großbritannien: Vorschlag für genetisches Standard-Screening Jugendlicher

Von Alexandra Maria Linder

ROM, 11. Mai 2011 (Vaticanista).- Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Humangenetische Kommission in Großbritannien (HGC – Human Genetic Commission) mit den Möglichkeiten und Risiken genetischer Untersuchungen und gibt entsprechende Empfehlungen ab. Der neueste Vorschlag der Kommission richtet sich an Jugendliche vor dem ersten Geschlechtsverkehr:

Um Risiken zu senken, sollten sich die jungen Leute zunächst genetisch testen lassen, bevor sie die erste sexuelle Beziehung eingehen. Dies ist möglich, seit es solche Testverfahren gibt, mit denen sich zur Zeit etwa 100 Krankheiten erkennen lassen. Ein neues Verfahren aus den USA soll bereits 580 Krankheiten im Testkatalog haben.

Der Preis für einen Test liegt bei 400 britischen Pfund, die Möglichkeit eines solchen Screenings könnte gemäß der Empfehlung der HGC auf lange Sicht standardmäßig im Rahmen der sexuellen Schulerziehung erklärt und den Jugendlichen als freiwilliges Angebot empfohlen werden.

Auf den ersten Blick kann man das für eine gute Idee halten: Warum erkennbare Risiken eingehen, wenn man sie im Vorfeld minimieren kann? Mit derselben Argumentation wie aktuell in Deutschland bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) wird das Risiko, ein Kind mit schweren Behinderungen oder Krankheiten abtreiben zu müssen, gegen die Chance aufgewogen, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

Die konsequente Weiterführung dieses Gedankens aber geht in eine ganz andere Richtung: In die Einschränkung der persönlichen Würde und Freiheit und in die Verzweckung des Menschen. Denn was passiert, wenn bei einem solchen Test entdeckt wird, dass ein 12-jähriges Mädchen die genetische Veranlagung für Brustkrebs in sich trägt? Diese Veranlagung ist nicht behandelbar und wird vererbt. Darf dieses Mädchen dann überhaupt noch auf natürlichem Wege Kinder in die Welt setzen? Jede Tochter könnte dasselbe Risiko in sich tragen. Muss man ihr dann nicht empfehlen, nur männliche Nachkommen zu haben? Bei jeder sexuellen Beziehung muss sie Angst haben, unkontrolliert schwanger zu werden, auch weil die künstliche Verhütung nicht sicher ist.

Folglich wird sie bei einer solchen Schwangerschaft, wenn sie eine Tochter erwartet, aufgrund des inneren Drucks und des Drucks durch das Umfeld viel eher an eine Abtreibung aus „Sicherheitsgründen“ denken. Man wird ihr, wenn sie sich irgendwann ein Kind wünscht, eine künstliche Befruchtung, ergänzt durch eine Präimplantationsdiagnostik, empfehlen, mit all den Risiken für sie selbst, mit den statistisch erwiesenen geringen Erfolgsaussichten, mit der Selektion und Tötung vieler Embryonen, die den gewünschten Kriterien nicht entsprechen.

Die Kommission ist sich solcher Entwicklungen durchaus bewusst. So empfiehlt sie zwar, bei der PID nur die besten Embryonen auszusuchen, will aber auch hier den Eltern die Wahl überlassen, wobei fraglich ist, inwieweit sie wirklich die Wahl haben, wenn sie die PID vornehmen lassen, um gesunde Kinder zu bekommen. Deutlich genannt wird zum Beispiel auch das Dilemma bei Kindern, die eine genetisch problematische Veranlagung in sich tragen und selbst zwar nicht daran erkranken, sehr wohl aber diese Veranlagung weiter vererben können. Gelten diese Kinder als aussortierbar, obwohl sie selbst gesund sind?

Auch die Problematik eines sogenannten „Rettungskindes“ für ein erkranktes älteres Geschwisterkind wird klar angesprochen: Was bedeutet die Auswahl nach solchen Kriterien für dieses Rettungskind selbst? Wie lebt man mit dem Wissen, nicht um seiner selbst willen gewünscht worden zu sein, sondern nur aufgrund bestimmter Eigenschaften und aufgrund eines Nutzens für jemand anderen? Darf man ihm eigentlich ungefragt Knochenmark entnehmen? Dies sind nur einige der schwerwiegenden, grundlegenden Fragen, mit denen sich die Öffentlichkeit auch in anderen europäischen Ländern beschäftigen müsste, etwa in Deutschland im Rahmen der Diskussion um die Zulassung der PID. In einigen Jahren werden die Bürger im Falle einer Zulassung exakt vor denselben Fragen stehen.

Die Kommission betont in jeder Stellungnahme ausdrücklich, vorrangig sei die absolute Freiheit und „reproduktive Wahlmöglichkeit“ der Betroffenen. Angesichts ständig steigender Kosten im Gesundheitswesen, zusammenbrechender Solidarsysteme und sinkender Kinderzahlen stellt sich die Frage, wie lange es wohl dauern wird, bis aus dem Recht eine gesellschaftliche Pflicht wird.

 

 

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