„Die Zeit ist gekommen, dass die gemäßigten Muslime den Mund aufmachen“

Stephanusstiftung zeichnet den irakischen Erzbischof Louis Sako aus

Von Walter Flick/ IGFM

Foto: IGFM; Stifter Wolfgang Link übergibt die Preisurkunde an Erzbischof Sako

Foto: IGFM; Stifter Wolfgang Link übergibt die Preisurkunde an Erzbischof Sako

FRANKFURT, 16. Mai 2011 (Vaticanista).- Der 62-jährige chaldäisch-katholischen Erzbischof Louis Sako aus dem irakischen Kirkuk ist diesjähriger Preisträger der Stephanusstiftung. In einer Feierstunde in der Theologischen Hochschule Sankt Georgen erhielt er am Samstag den Stephanuspreis als Auszeichnung für seinen großen Einsatz zugunsten seiner verfolgten christlichen Landsleute aus der Hand des Stifters Wolfgang Link. Die Stiftung ist aus der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt hervorgegangen und mit ihr eng verbunden.

Die Stiftung würdigt mit der Anerkennung den Mut des Erzbischofs: Obwohl mehr als die Hälfte der Christen wegen Verschleppung und Mord ihrer Priester und anderer Glaubensbrüder sowie aufgrund der Zerstörung ihrer Kirchen und fortdauernder Bedrohung das Land verlassen haben, rief Bischof Sako die Christen wiederholt auf, in ihrer Heimat zu bleiben, in dem sie ihrem Glauben seit Christi Zeit treu sind. Der Bischof pflegt den Dialog zwischen allen Religionen und Ethnien in seiner Heimat und bittet die friedfertigen Muslime, sich für die Christen einzusetzen: Sie brauchten sich gegenseitig, um den Irak in ein menschenwürdiges, friedliches Land zu verwandeln.

Seine Hoffnung und sein Vertrauen in die Zukunft strahlten in seiner Umgebung aus. In vielen Sprachen, darunter Deutsch, werbe er mit großer Herzlichkeit persönlich in vielen Ländern und internationalen Organisationen um Verständnis und Beistand für die Christen im Irak und dem Nahen Osten. Ihre Präsenz dort sei wichtig, um die Wurzeln des christlichen Glaubens zu erhalten. Mit dem Preis und kleinen Projekten im Irak, darunter ein interreligiöses Nähprojekt für Frauen, drückt die IGFM ihre Verbundenheit aus.

In seiner Ansprache anlässlich der Preisverleihung betonte Erzbischof Louis Sako: „Die Kirche im Irak ist eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt. Das Christentum fand in Mesopotamien, später von den arabischen Moslems als Irak bezeichnet, am Ende des ersten Jahrhunderts und am Anfang des zweiten Jahrhunderts Eingang.“

Zu Zeiten Saddam Husseins lebten seinen Angaben zufolge 850.000 Christen im Land. Seit dem Jahr 2003 bis Frühjahr 2011 wurden 900 Christen ermordet. In 52 Kirchen explodierten Bomben. Die Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten im Irak habe viele Ursachen. „Es ist eine Tragödie. Christen haben alles verloren, ihre Häuser, ihre Arbeit. Viele hatten gute Jobs. Sie waren Lehrer, Ingenieure, Ärzte oder Geschäftsleute“, berichtete der Erzbischof.

Seine christlichen Landsleute hätten Angst und die Regierung des Irak könne sie nicht beschützen. „Seit dem Jahr 2003 bis heute 2011 durchleben die Christen eine harte Zeit. Wir sind nur noch 400.000 Christen in unserem Land“, sagt er. Die Zeit sei gekommen, dass die gemäßigten Muslime den Mund aufmachten. Sie seien in der Mehrheit und müssten zwischen den Ethnien in ihrer eigenen Gesellschaft Einigkeit und religiöse Toleranz fördern. Durch ihre Taten sollten sie beweisen, dass der Islam eine Religion der Toleranz und der Koexistenz sein könne.

Die Flucht der Christen sei ein Verlust auch für die muslimische Welt. Wenn die Christen gehen, bedeutet dies ein Ende ihres Beitrages, der sich durch Aufgeschlossenheit, hohe technische Fertigkeiten und ein hohes Bildungsniveau auszeichnet. An die internationale Gemeinschaft appellierte er, die Iraker bei der Gesetzgebung zu unterstützen, um eine offene, tolerante Gesellschaft mit Gleichberechtigung für alle zu garantieren. „Ich verspreche Ihnen, dass ich alles tun werde, was ich kann, um die Kultur des Dialogs und den Frieden zu fördern“, kündigte Sako an.

Im Rahmen der Preisverleihung hielt Professor Martin Tamcke von der Universität Göttingen einen Fachvortrag über „Bedrohte Christen im Nahen Osten“, besonders zur Lage in Ägypten und Syrien. Darin bezeichnete er die orientalischen Christen als „Zeichen für die Welt“. „Ohne Dialog mit dem Islam gibt es keine Zukunft“, sagte der Orientexperte.

 

 

 

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