„Eine Brücke zu den orientalischen Kirchen“

Interview mit deutschem Pfarrer in Kairo

Monsignore Joachim Schroedel in der Kapelle

Monsignore Joachim Schroedel in der Kapelle

KAIRO, 20. Mai 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Monsignore Joachim Schroedel ist seit 1995 Beauftragter für die deutschsprachigen Katholiken in Kairo, wo er regelmäßig in der Kapelle der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Karl Borromäus zur heiligen Messe einlädt, in der die deutschsprachige katholische St.-Markusgemeinde ihre Heimat gefunden hat. Der Priester der Diözese Mainz ist für ein riesiges Einzugsgebiet zuständig, das er von der ägyptischen Hauptstadt aus bereist: Für Ägypten, Syrien, Jordanien, Libanon, Sudan und Äthiopien. Zusätzlich zum regelmäßigen Gottesdienstangebot zelebriert Schroedel jeden Sonntag um sieben Uhr morgens die heilige Messe in der außerordentlichen Form. Mittwochs bietet er oftmals noch eine weitere Möglichkeit des Mitfeierns die überlieferten Messe. Der Priester des Weihejahrgangs 1983 feiert sie privat fast täglich. Im Gespräch mit Michaela Koller schildert er seine persönlichen Erfahrungen mit der außerordentlichen Form in einer katholischen deutschen Gemeinde im Orient und im Umgang mit Menschen anderer Riten, Konfessionen und Religionen.

„Wegen ihres ehrwürdigen und langen Gebrauchs muss die außerordentliche Form mit gebührender Achtung bewahrt werden“, heißt es in der Instruktion zur Anwendung von ‚Summorum Pontificum’. Sie zelebrieren selbst regelmäßig in dieser Form. Wie war Ihre Reaktion auf das neue Dokument?

Monsignore Schroedel: Für mich persönlich war es wichtig, dass der Heilige Vater die Bischöfe dazu ermutigt, die alte Messe nicht vergessen zu lassen. Ich glaube, dass dieser Ritus in neuer Weise für viele Menschen erschlossen werden kann. Ich habe sehr viele junge Menschen erlebt, die nach dem Mitfeiern der außerordentlichen Form so begeistert waren und gemerkt, dass da etwas Neues aufbricht. Die überlieferte Form der Messe hält für die Menschen, die spirituell offen sind, einen unheimlich großen Schatz bereit. Der Höhepunkt der heiligen Messe, die Heilige Wandlung in ehrfürchtiger Stille, ermöglicht mir einen Blick Jahrtausende zurück auf den Berg Golgotha. Und der Priester vollzieht das Opfer Jesu Christi immer wieder neu auf dem Altar. In vertraue fest auf die Offenheit der Bischöfe, die gerade im neu angesetzten Dialog der Kirche mit der Welt eine Chance sehen. Die Kirche muss nicht weltlicher, sie muss geistlicher werden. Nur das ist letztlich attraktiv. Und die Messe in der überlieferten Form ist in der Tat ein „geistliches Ereignis“.

Wie sind Sie persönlich auf diesen Weg gekommen?

Monsignore Schroedel: Ich trat 1974 in das Priesterseminar Mainz ein. Ministrant war ich bereits in der tridentinischen Messe seit 1961. Und ich bin sicher, dass hier auch meine Berufung zum Priestertum zugrunde gelegt ist. Doch im Seminar traf ich auf ein Experimentierfeld der Liturgie, das meine erste Liebe zur Liturgie erschütterte. Dann durfte ich zum so genannten Freisemester nach Jerusalem. Und hier lernte ich die orientalischen Riten und deren Frömmigkeit kennen und ich wusste auf einmal, was wir im Westen aufgegeben hatten: die Anbetung Gottes in dem sich für uns opfernden Jesus.

Ich konnte mich in Jerusalem neu verorten, neu orientieren, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die erneuerte Liturgie hatte die Orientierung verloren. Der Mensch trat in den Mittelpunkt, Christus spielte die Rolle einer moralischen Instanz zu einem besseren Leben. Jerusalem hat mich wieder zurückgeführt zur Anbetung. Die erneuerte Liturgie konnte ich von da an in Ehrfurcht feiern. Im Seminar nannte man eine der Kapellen Liturgieraum. Dieses Experimentierfeld habe ich schnell verlassen und mich der römischen Liturgie auch im Novus Ordo zugewandt. Doch ich wusste zutiefst: Die Feier der Heiligen Geheimnisse, wie ich sie als Kind kennen lernen durfte, wird nicht vernichtet werden, da in ihr eine tiefe Chance zur wahrhaften Ökumene liegt. Der 7. Juli 2007, als das Apostolische Schreiben Summorum Pontificum veröffentlicht wurde, war eine Gnadenstunde für die Christenheit.

Welche Auswirkungen hat wohl diese Ermutigung, die althergebrachte Liturgie zu feiern, auf die Ökumene? Wie ist denn der östliche Blick auf die ordentliche Form?

Monsignore Schroedel: Der Effekt könnte immens sein, was meine Situation in Ägypten anbelangt. Ich lebe in einem Land, in dem die die Christen zu rund 90 Prozent der Orthodoxie und den mit Rom unierten Riten angehören. Wir haben immer wieder gespürt, dass zu den römisch-katholischen Christen mehr Distanz gewahrt wurde als zu den anderen katholischen Riten. Unsere Liturgie, wie wir sie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als Novus Ordo kennen, ist zwar eine für Europäer nachvollziehbare schöne erneuerte Liturgie, für Orientalen ist sie aber eher eine protestantisierte Lehrveranstaltung. Aus ihrer Sicht hatte die katholische Kirche mit der seit 1970 geltenden ordentlichen Form sehr viel an Eigenem aufgegeben. Die Verehrung des Herrn in der Eucharistie können sie dabei nicht mehr deutlich erkennen.

Mehrfach haben mir andere Christen nach dem 7. Juli 2007 gesagt, es sei nun eine Brücke zu den orientalischen Kirchen wieder errichtet worden. Ich hörte einige sagen: ‚Jetzt haben wir wieder eine gemeinsame Richtung bei der Verehrung des Herren, ad orientem, zum Osten hin.‘ Ja, ex oriente lux.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der alten Messe konkret in Ägypten gemacht, wo Sie seit 16 Jahren leben und wirken?

Monsignore Schroedel: Seit ich diese Messe feiere, haben wir in der Markusgemeinde der deutschsprachigen Katholiken zahlreiche Angehörige anderer Nationalitäten zu Gast: Rumänen, Ungarn, Amerikaner, Franzosen und Libanesen. Wir haben das in unserem Pfarrbrief angekündigt und zwei Amerikaner, die an der American University in Cairo arbeiten und selbst einigermaßen Deutsch verstehen, haben davon weitererzählt. Es sind nicht so viele Ausländer und in der internationalen Gemeinschaft in Kairo spricht sich das herum. Alle Gläubigen, die daran teilnehmen, fühlen sich zur Gemeinschaft aufgerufen und geeint durch die Möglichkeit, die heilige Messe in der außerordentlichen Form auf Latein zu feiern.

Das ist immer eine große Erfahrung, fast wie ein Pfingsterlebnis. Die Leute sagen mir, dass sie da eine geistliche Heimat gefunden haben. Sie sind dankbar dafür, dass der Papst einen Weg eröffnet hat, der wirklich zur Catholicam hinführt. Die Amerikaner sagen, dass diese alte Messe alles mit in die Verehrung Gottes einschließe, Rom, zusammen mit ihrer Heimat Wisconsin und meiner deutschen Heimat und Kairo, wo wir leben. Diese Chance möchte ich noch vielen Menschen schenken, Heimat zu finden in der Catholica, die una voce, mit einer Stimme, spricht.

Sie schildern die besondere Situation einer römisch-katholischen Auslandsgemeinde. Wo sehen Sie eine Verbindung zwischen den orientalischen Riten und dem römischen Ritus in der außerordentlichen Form?

Monsignore Schroedel: Ich habe gute Kontakte zu den koptisch-orthodoxen Christen, die ja in Ägypten die Mehrheit in der christlichen Minderheit ausmachen, aber auch zu den Griechisch-Orthodoxen und Koptisch-Katholischen. Sie allesamt haben sich sehr positiv nach dem 7. Juli 2007 geäußert und gesagt, dass sei etwas, das uns wieder mit ihnen neu zusammenschließe. Ein Mönch des koptisch-orthodoxen Paulusklosters Deir Anba Bula in der arabischen Wüste unweit des Roten Meeres beglückwünschte mich und sagte, Papst Benedictos, wie er ihn nennt, ermögliche uns damit, wieder die Gemeinde zu Christus führen zu können.

Er und die anderen Orthodoxen oder Angehörige östlicher Riten sehen das so: Nachdem der Mensch zunächst sehr ins Zentrum gesetzt worden war, richte sich die Kirche nun neu auf den Auferstandenen aus. Wir zeigen, dass wir nicht Menschen sind, die um sich selbst drehen, sondern etwas erwarten. Die Priester verstehen sich nicht als Alleinunterhalter, die hinter dem Altar stehen und etwas zu sagen haben, sondern nur als einer unter all den Menschen in Erwartung des Herrn. Wir beten dann gemeinsam, wenn wir alle in die gleiche Richtung schauen. Bei aller Bedrängnis der Christen im Orient ist es die Liturgie, die ihnen seit Jahrhunderten Halt gegeben hat.

Was verbindet sie denn hinsichtlich der Eucharistie?

Monsignore Schroedel: Die Brücke besteht darin, sich als Menschen zu verstehen, die aus dem geopferten Leib Jesu Christi, der Eucharistie leben. Sie sehen die heilige Messe nicht als ein Gemeinschaftsmahl, sondern ein Mahl in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Ein Gemeinschaftsmahl kann anschließend als Agape immer noch stattfinden. Das haben wir in der außerordentlichen Form nach der heiligen Messe sehr häufig. Ich habe selbst die Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen, wie sie voller Ehrfurcht die heilige Eucharistie empfangen. Oft höre ich, wenn ich die Kinder frage, warum der Priester Zeigefinger und Daumen zusammenhält, nachdem er den Leib des Herrn berührt hat: ‚Natürlich, da kann dann kein Teilchen verloren gehen, denn es ist ja alles der Herr.‘ Die Kinder können absolut die Messe in der alten Form mitvollziehen, wenn sie es erklärt bekommen. Es ist der Herr.

Welche Auswirkungen hat denn die Öffnung zur alten Messe auf den interreligiösen Dialog, mal abgesehen von der Debatte, die es um die Karfreitagsfürbitte gab?

Monsignore Schroedel: Auch von islamischer Seite wird die Messe in der ordentlichen Form eher als Lehrveranstaltung wahrgenommen, als ob Christen ganz viel zu erzählen hätten und mitteilen wollten, was zu tun sei. Mehrere Muslime hielten mir vor, wir vergäßen zu beten. Das ist zwar nicht wahr, aber sie sehen es so. Seit ich begonnen habe, in der außerordentlichen Form zu zelebrieren, hatte ich mehrmals auch muslimische Gäste, die dann bemerkten: Wir beten in die gleiche Richtung, das heißt zu dem, was für uns jeweils zentral ist. Sie bekommen das sehr wohl mit.

Nur in einer klar positionierten katholischen Kirche, die aus der Glaubensüberzeugung der Jahrtausende lebt, sehen auch Muslime einen Dialogpartner. Es wäre fatal, wenn ein Dialog dem nicht-christlichen Partner nur anböte, man könne letztlich alles akzeptieren. Klare Position, deutliche Glaubenspraxis, gelebte Verehrung des Herrn in der Eucharistie, das sind keine Stolpersteine der Ökumene, sondern Treppenstufen. Schließlich haben wir etwas zu verkündigen. Nein, mehr: Wir haben Christus zu verkündigen, als den Erlöser der Welt.

[© Die Tagespost vom 19.5.2011]

 

 

Artikel drucken

Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten, Weltkirche - Ökumene veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.