„In was für ein Europa wollen wir da eintreten?“

Papst Benedikt besucht in einem höchst sensiblen Moment EU-Bewerber Kroatien

Von Michaela Koller

Der zentrale Platz Bana Josip Jelačič: Hier demonstrierten Tausende am 15. April gegen den Urteilsspruch von Den Haag; Foto: Michaela Koller

Der zentrale Platz Bana Josip Jelačič: Hier demonstrierten Tausende am 15. April gegen den Urteilsspruch von Den Haag; Foto: Michaela Koller

ZAGREB, 2. Juni 2011 (Vaticanista).- Am Sonntag wird Papst Benedikt XVI. bei einer feierlichen Vesper am Grab des seligen Alojzije Viktor Stepinac in der Kathedrale von Zagreb beten. Es wird keine der großen Termine seines kurzen Kroatienaufenthaltes an diesem Wochenende, wie die Gebetsvigil am Samstagabend mit Jugendlichen am zentralen Platz Bana Josip Jelačič. Aber das Gebet am Sarg des Märtyrer-Kardinals ist umso symbolischer: Kommunisten hatten ihn in einem Schauprozess im Oktober 1946 als Kriegsverbrecher und Kollaborateur der Ustascha-Faschisten gebrandmarkt – die erste schwarze Legende Kroatiens war geboren. Nach fünf Jahren hinter Gittern und neun Jahren unter Hausarrest starb Stepinac 1960 infolge einer schleichenden Vergiftung: Er hatte sich geweigert, die katholische Kirche in Kroatien von Rom abzuspalten. Im Jahr 1994 betete Papst Johannes Paul II. erstmals an seinem Grab und 1998 sprach er ihn selig.

Die mehrheitlich katholischen Kroaten sahen sich gerade jüngst mit einer weiteren Schauergeschichte konfrontiert, gegen die sie zur Zeit in ganz Europa und in den USA demonstrieren: Die Verurteilung der kroatischen Generäle Ante Gotovina und Mladen Markač am 15. April durch den Internationalen Strafgerichtshof für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) in Den Haag zu Gefängnisstrafen von jeweils 24 und 18 Jahren begründete vorerst eine zweite Lesart der jüngsten kroatischen Geschichte. Gegen das Urteil wurde im Mai Berufung eingelegt.

Bevor serbische und kroatische Historiker ein gemeinsames Geschichtsbuch zustande bringen, fließt sicher noch viel Wasser durch den Hauptstrom Sava. Der Den Haager Justizapparat büßte schon im Vorfeld gravierend an Glaubwürdigkeit ein. Die Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals, die Schweizerin Carla del Ponte, warf dem Vatikan und der kroatischen Ortskirche im September 2005 vor, Gotovina zu decken und in einem kroatischen Kloster zu verstecken. Rom sei in der Lage gewesen, ihn “binnen weniger Tage” ausfindig zu machen. Gotovina, der vor Rechtskraft eines Urteils noch nicht als Kriegsverbrecher bezeichnet werden darf, konnte knapp drei Monate darauf auf der spanischen Ferieninsel Teneriffa festgenommen werden, in einem Hotel und nicht in einem Kloster.

„Das Urteil von Den Haag gegen die kroatischen Generäle ist eine Schande und eine Beleidigung des kroatischen Volkes. Auch die kroatische Bischofskonferenz hat es so bezeichnet“, sagt der ehemalige kroatische Minister für Flüchtlinge, Adalbert Rebić, im Gespräch mit Vaticanista News. Gotovina und die anderen hätten das Vaterland verteidigt und von den serbischen Okkupatoren das Land befreit. „Serben hatten 30 Prozent unseres Territoriums okkupiert und von dort hatten sie rund 300.000 Kroaten vertrieben“. Das Tribunal habe aber nur von der Vertreibung von Serben gesprochen. „Es war meine Aufgabe, diese Menschen unterzubringen“, erinnert sich der emeritierte Professor für Bibelwissenschaft und Priester. Serbische Offiziere hielten diese Gebiete streng unter Kontrolle und errichteten dort einen Parallelstaat, wo Kroaten nicht geduldet waren. Deren Häuser seien verbrannt worden. „Das konnte man nicht auf ewig dulden. Jedes Land würde sich verteidigen. Die Operation „Sturm“ war eine Befreiungsaktion“, fährt Rebić fort. Von Vertreibung damals könne hingegen keine Rede sein. „Ich selbst habe sie herausgeführt“, berichtet der Priester aus Zagreb über die Zivilisten. An dem Tag, an dem die kroatischen Serben kapitulierten, habe ihn Präsident Tudjman angerufen und gefragt, ob er drei große Lastwagen mit Nahrungsmitteln, Getränken und sogar Zigaretten beladen könne. Als er in der Krajina in Topusko ankam, hatte es geheißen, die Menschen wollten nicht in Kroatien bleiben, sondern nur noch nach Jugoslawien zurückkehren.

Eine Karawane von rund 15.000 Menschen stand schon bereit zur Abreise. „Gehen Sie nach vorne und zeigen Sie ihnen den Weg“, der kroatische General Stipetić gesagt: „Teilen Sie ihnen die Nahrung an der ersten Tankstelle auf der Autobahn aus.“ Stipetić hatte zuvor vom serbischen General Bulat die Kapitulation der Serben angenommen und unterschrieben.Sie hätten ihnen dann nicht nur die Hilfsgüter, sondern auch Zettel verteilt, auf denen stand, dass ihnen, wenn sie ihn Kroatien blieben, die Freiheit garantiert werde. Er habe noch gesagt, dass sie nicht vertrieben würden, sondern bleiben könnten. Dem serbischen Minister, der in der Kolonne hinter ihm fuhr, sagte Rebić in der Pause in der Nähe von Sisak: »Bleiben Sie mit ihrem Volk in Kroatien, verlassen Sie Kroatien nicht. Es ist euch allen die Sicherheit garantiert!« Er aber antwortete: „Es ist in Belgrad entschieden, wir sollen Kroatien verlassen und nach Belgrad kommen!«

Selbst seine eigene Behörde, das Amt für Flüchtlinge, sei zeitweise ins Visier der Ermittler Den Haags geraten und die Verwaltung als Konzentrationslager abgestempelt worden. „Die wussten dort in Haag weder wo Zagreb noch wo die Krajina liegt“, erinnert er sich. Er glaube zwar nicht, dass sich der Papst zu dem Urteil äußern würde. Er hoffe aber, dass das katholische Oberhaupt bei seinem Aufenthalt feststelle, dass die kroatische Befreiung legitim war. Näher könne er sich nicht einlassen.

Im Kroatischen Nationaltheater spricht der Papst zu Vertretern der Gesellschaft; Foto: Michaela Koller

Im Kroatischen Nationaltheater spricht der Papst zu Vertretern der Gesellschaft; Foto: Michaela Koller

Die Mühlen der Geschichtsaufklärung mahlen oft langsam. Davon weiß auch der Jesuitenpater Vladimir Horvat ein Lied zu singen. Der emeritierte Professor hat sich frühzeitig bemüht, die Wahrheit über den „Märtyrer der Menschenrechte“, Kardinal Stepinac, an die Öffentlichkeit zu bringen. Ein erstes Buch darüber veröffentlichte er schon 1981 unter dem Pseudonym M. Landercy. Er erfuhr, dass das Zentralkomitee des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens 50 Exemplare bestellt hatte. Im Jahr 2008 kam eine Neuauflage heraus, auf der endlich sein richtiger Name stehen konnte.

„Ich wollte klar und deutlich die Wahrheit über Kardinal Stepinac erzählen, der nur Gutes getan hat“, sagte der Jesuitenpater. „Er hat viele Juden und Serben gerettet“, fuhr er fort. Er habe dies nur unter größter Geheimhaltung tun können. Viele Juden waren aus Österreich nach dem Anschluss 1938 nach Zagreb geflüchtet. „Er hat eigens eine Hilfsstelle eingerichtet, in dem nur eine Frau arbeitete, um den Exilanten Geld zu geben.“ Um sie vor dem Zugriff des Ustascha-Regimes zu bewahren, ließ er sämtliche Unterlagen über die Hilfsaktionen vernichten. „Eine Gruppe von jüdischen Buben und Mädchen aus Zagreb ist von einem Beauftragten nach Nonantola bei Modena in Italien gebracht worden, wo der Pfarrer sie in einem Schwesternkonvent unterbringen konnte.“

In der Stadt, wo einst der heilige Anselm ein Kloster gründete, blieben sie, bis sie später in die Schweiz und in andere sichere Länder weiterreisen konnten. „Vor zehn Jahren sind rund 20 von ihnen aus Israel nach Nonantola gekommen, um für die Rettung zu danken. „ Stepinac habe dies alles nur unter größter Geheimhaltung steuern können. „Es gibt daher darüber nichts in den Akten, nur Zeugenaussagen.“ Nun hofft der emeritierte Professor, über den Einsatz Stepinac’ eine Ausstellung und vielleicht auch einen Film verwirklichen zu können.

Nach der Verurteilung gegen die kroatischen Generäle habe die Europaskepsis in Kroatien einen Höhepunkt erreicht. Die Zusammenarbeit mit dem Tribunal war letztlich Voraussetzung für den Beginn der Beitrittsverhandlungen Kroatiens mit der EU gewesen. Nun aber sieht sich ein ganzes Land wegen seines Befreiungskampfes auf der Anklagebank: Der Vorwurf lautet, Kroatiens damaliger Staatspräsident Franjo Tudjman sei an der Planung und Durchführung beteiligt gewesen.

„In was für ein Europa wollen wir da eintreten?“ Diese Frage stellt sich Horvat und viele seiner Landsleute sollen sich das ebenso fragen. Gotovina habe nur für die Freiheit Kroatiens gekämpft, während auf der anderen Seite noch immer Verbrechen ungesühnt geblieben seien. „Vielen Leuten macht das Angst.“ Sie seien für ein christliches, aufrichtiges Europa, nicht für ein Europa, das keine Werte habe. Für sie stelle sich erneut die Frage, warum der Gottesbegriff nicht ausdrücklich im Lissaboner Vertrag verankert sei.

„Wichtig ist zunächst die Unbedingtheit, mit der Menschenwürde und Menschenrecht hier als Werte dastehen, die jeder staatlichen Rechtssetzung vorangehen“, hatte aber Joseph Kardinal Ratzinger vor seiner Wahl zum Papst in einem Vortrag zu Vorentwürfen des Textes betont. Werte, die für niemanden manipulierbar seien, schützten menschliche Freiheit und Größe. „So schützt dieser Satz ein Wesenselement der christlichen Identität Europas in einer auch dem Ungläubigen verstehbaren Formulierung.“ Mit solchen Sätzen könnte der Pontifex den Zweifeln der Kroaten entgegenwirken, an diesem Wochenende, in der mitteleuropäischen Stadt Zagreb.

 

 

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