„Das ist das, was wir in Kroatien von ihm erwartet haben“

Papst Benedikts XVI. Besuch bei seinen kroatischen Freunden

Von Michaela Koller

ZAGREB, 6. Juni 2011 (Vaticanista).- In Zagreb hat sich Papst Benedikt XVI. die Kroaten am Wochenende zu einem konsequenten Glaubensleben angehalten. Die mehrheitlich katholischen Gastgeber dankten es ihm mit einer starken Beteiligung an den Veranstaltungen mit ihm und einem „sehr positiven und aufgeschlossenen Klima“, wie Vatikansprecher Pater Federico Lombardi feststellte. Das katholische Oberhaupt kritisierte am Sonntagabend die Lauheit: „Die heute oft nicht verstandene Morallehre der Kirche kann nicht vom Evangelium abgekoppelt werden“, sagte er bei der Vesperfeier in der Kathedrale am Grab des Märtyrers Kardinal Alojzije Stepinac.

Die Bischöfe sollten die Gläubigen dazu anhalten, ihre Verantwortung, die sich aus den Anforderungen des Glaubens ergeben, bei ihren Entscheidungen wahrzunehmen. Er hofft zudem, dass das heroische Zeugnis des seligen Kardinal Stepinac gerade junge Kroaten Berufungen erwecke. „Geliebte Kirche in Kroatien, übernimm mit Demut und Mut die Aufgabe, das moralische Gewissen der Gesellschaft, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein“, sagte Benedikt XVI. Tausende Gläubige säumten nach der Vesperfeier und einem anschließenden Besuch des Papstes bei der Diözesanverwaltung seinen Weg zum Flughafen und applaudierten. Viele von ihnen nach einem Segen von ihm sichtbar bewegt. Eine Frau mittleren Alters ermahnte in der Nähe des Doms aufgeregt die Umstehenden zur Ruhe: „Jetzt ist der Heilige Vater einmal in Kroatien. Also bitte leise!“ Als das Papamobil vorbeigerollt war, stand sie stumm da, den Tränen nahe.

„Willkommen – Freund der Kroaten“ war auf einem riesigen Plakat gegenüber dem Dom auf Deutsch zu lesen. „Benedikte, Benedikte, Benedikte“, skandierten Tausende Jugendliche vom nahegelegenen Bana Josip Jelacic Platz seinen Namen auf Kroatisch kurz vor seiner Ankunft dort am Samstagabend. Minutenlang jubelte die Menge, angefeuert von einem tanzenden, bunt gekleideten Chor, und der Papst saß einfach ruhig da und lächelte.

Seine jungen Zuhörer rief er auf, der Innerlichkeit den Vorzug vor äußerem Erscheinen zu geben und nach „vollkommener Gemeinschaft mit dem Herrn“ zu streben. Die Versammelten wurden zunehmend stiller. Als Benedikt XVI. eine gute Viertelstunde vor dem Allerheiligsten betete, breitete sich von dem zentralen Platz die Ruhe in weiten Teilen der Innenstadt Zagrebs aus, von dem Ort, wo sonst das Leben pulsiert oder Bilder von wütenden Demonstranten zu sehen sind.

Die katholischen Kroaten wollten offenbar nicht nur den hohen Besuch feiern, sondern hatten vielfach auch konkrete pastorale Erwartungen an die Reise. „Wir müssen beten, dass der Besuch Papst Benedikts uns hilft, neue Hirten zu bekommen, Priester, aber auch Laien, die sich für eine christliche Politik einsetzen“, sagte der Jesuitenpater Vladimir Horvat. Bei seinem Auftritt zuvor im Nationaltheater hatte sich das katholische Oberhaupt, diesen Erwartungen entsprechend, für einen positiven Säkularismus und für eine künftige christliche Rolle Kroatiens in Europa stark gemacht. Die Verantwortlichkeit vor Gott und vor den Mitmenschen solle dabei als „Bollwerk gegen alle Formen der Tyrannei“ helfen.

Kroatische Familien feiern die Heilige Messe mit Papst Benedikt XVI.; Foto: Michaela Koller

Kroatische Familien feiern die Heilige Messe mit Papst Benedikt XVI.; Foto: Michaela Koller

Am Sonntagmorgen im Hippodrom Zagrebs kurz vor dem Einzug, zumindest nahe an den Absperrungen, blieben die Wanderklappstühle in den Rucksäcken. So dicht gedrängt standen die Gläubigen im feuchten Gras und auf matschigem Boden und warteten auf den Papst im Papamobil: Männer in Trachten, junge Frauen dem Konterfei des Papstes und einem roten Herz auf dem T-Shirt, Familien und Ordensfrauen. Sie lauschten in der Predigt während der heiligen Messe im Rahmen des nationalen Tages der katholischen Familien in Kroatien Benedikts klaren Aufruf zu lebendiger Frömmigkeit. Als Beispiel erinnerte er an das eucharistische Wunder von Ludbreg, einem Wallfahrtsort in Mittelkroatien, dessen 600. Jahrestag die kroatischen Katholiken in diesem Jahr begehen. Und als konsequentes Bekenntnis zur Ehe fordert er von den unverheiratet Liebenden unter ihnen, vor der Hochzeit nicht zusammenzuziehen.

Während des Kommunionempfangs, als die Priester, an Sonnenschirmen in den Vatikanfarben von weitem erkennbar, sich mit den Hostienschalen in der Menge aufteilten, begleitete einen davon eine Mutter, mit ihrem Säugling im bunten Tragetuch vor dem Bauch, um ihm den Schirm zu halten. Fotografen scharten sich um sie, die Benedikts Worte zu Eucharistie und Familie versinnbildlichten. Adalbert Rebić, emeritierter Professor für Bibelwissenschaft, der den Papstbesuch in diesen Tagen für einen kroatischen Fernsehsender kommentierte, versteht die Aussagen des Papstes als Aufruf an alle Kroaten, sich auf ihre religiösen Fundamente zu besinnen und dazu zu stehen. Rebić, der als katholischer Priester in den neunziger Jahren kroatischer Minister für Flüchtlinge war, sagte: „Das ist das, was wir in Kroatien von ihm erwartet haben. Die kroatischen Katholiken wollten, dass er sie belehrt und sie in ihrem Glauben kräftigt, indem er die großen Wahrheiten betont.“ Und dies tat der Heilige Vater teilweise sogar auf Kroatisch.

Tatsächlich waren deutlich mehr Menschen als erwartet zu der großen heiligen Messe zum südlichen Stadtrand hinaus gepilgert. Die kroatischen Behörden hatten mit rund 300.000 Teilnehmern gerechnet. Aber die Polizei schätzt, dass es am Ende insgesamt 450.000 Gläubige waren, rund 400.000 auf der Pferderennbahn, und weitere 50.000 noch mehrere Kilometer weit entfernt, wo junge und alte Menschen auf einer Brücke standen, hoch über den bunten Massen, um teilzuhaben am Besuch ihres Sveti Oce, wie Heiliger Vater auf Kroatisch heißt.

 

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