„Wir wurden herausgefordert, die Wahrheit zu suchen“

Im Gespräch mit Papstschüler Pater Vincent Twomey SVD

MAYNOOTH, 9. Juni 2011 (Vaticanista/PUR).- Am kommenden Fest Sankt Peter und Paul begeht Papst Benedikt XVI. sein 60-jähriges Priesterjubiläum, das mit einem Festgottesdienst auf dem Petersplatz begangen wird. Aus diesem Anlass befragte Michaela Koller den irischen Steyler Missionar Pater Vincent Twomey, der 1978 bei Professor Joseph Ratzinger an der Universität Regensburg promovierte, nach den Kernthemen des großen Theologen auf dem Stuhl Petri. Der emeritierte Professor für Moraltheologie, der im irischen Maynooth an der Päpstlichen Hochschule Saint Patrick’s College lehrte, verfasste zu Beginn des Pontifikats ein theologisches Porträt seines Doktorvaters.

Erschienen im Sankt Ulrich Verlag

Erschienen im Sankt Ulrich Verlag

Sie haben Papst Benedikt XVI. in Ihrem Buch „Das Gewissen unserer Zeit“ als Dissidenten bezeichnet. Er ist aber doch zugleich moralische Autorität für einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung. Wie passt beides zusammen?

Pater Vincent Twomey: Ich habe diesen Begriff aus rhetorischen Gründen im Zusammenhang mit seiner Aufnahme als Kardinalpräfekt in die Académie française verwendet. Er war 1992 in den Kreis der „Unsterblichen“ als Nachfolger für den russischen Physiker und Dissidenten in der Zeit der Sowjetunion Andrei Sacharow bestimmt worden.

Kardinal Ratzinger war damals als Panzerkardinal oder Großinquisitor tituliert worden, weil der die herrschende Meinung der westlichen Welt in Frage gestellt hat. Er hat gerade die Ideologien der westlichen Welt benannt und dagegen Stellung bezogen. Auch wurde er bekannt dadurch, dass er eine Reihe von Theologen diszipliniert hat, die mit dem Strom der Zeit geschwommen sind. Indem er sich gegen die allgemeine Medien-Orthodoxie und Political Correctness richtete, wurde er in diesem Sinne zum Dissidenten. Weil er den Mut hat, dagegen Stellung zu beziehen, ist er auch persönlich eine moralische Autorität geworden.

Indem er Papst wurde, hat das natürlich noch eine neue Bedeutung gewonnen. Die Medien fassen gerne persönliche Äußerungen als unfehlbare Lehrmeinung auf. Aus diesem Grund stellt er seine beiden bisherigen Bände über Jesus auch zur Diskussion. Ein Papst darf auch Meinungen äußern und kann sich auch in seiner Privatmeinung irren.

Sie haben Ihren Lehrer Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt als originellen Denker bezeichnet. Was macht denn seine Originalität aus?

Pater Vincent Twomey: Natürlich muss jeder Wissenschaftler eine Originalität in seinem Ansatz haben. Es gibt auch große Köpfe, die eine ganz neue Einsicht in die Wirklichkeit gewinnen können. Und das trifft auf ihn zu. Obwohl er vollkommen in der Überlieferung verankert ist, wiederholt er nichts aus der Tradition. Was er sagt, hat eine Frische und eine Klarheit, die dadurch entstanden ist, dass er selbst mit der Sache gerungen hat und auf der Suche nach Wahrheit die die Zusammenhänge durchdrungen hat. Zudem hat er die Fähigkeit, es brillant zur Sprache zu bringen, auf eine Weise, die nicht nur Gelehrte verstehen.

Es ist auffallend, wie stark der Aspekt des Dialogs in seinem Pontifikat hervortritt. Die meisten medialen Erschütterungen, die während der vergangenen sechs Jahre über ihn hereinbrachen, wurden durch das Abenteuer des Dialogs ausgelöst, ob 2006 mit den Muslimen, 2007 mit den Juden, 2008 mit den Traditionalisten. Benedikt XVI. ist offenbar einer der Päpste, die es besonders dazu treibt, die Dinge offen anzusprechen, Position zu beziehen, wesentliche Herausforderungen mutig in Angriff zu nehmen. Was wissen Sie darüber aus seiner früheren Zeit?

Pater Vincent Twomey: Ich erinnere mich daran, wie ich ihn als Professor an der Universität erlebte. Ich hatte zuvor in Münster (Westfalen) bei einem damals sehr berühmten Professor der Dogmatik studiert, ihn in Vorlesungen und Seminaren gehört. Aber dieser berühmte Theologe ließ keine Diskussion zu – er hatte selbst alle Antworten. Dann kam ich in das Doktorandenkolloquium von Professor Ratzinger. Dort herrschte eine ganz andere Stimmung. Es gab eine Freiheit der Diskussion und eine Offenheit, sowie auch die Herausforderung, die Wahrheit zu suchen und sich mit anderen Positionen auseinander zu setzen.

Pater Vincent Twomey erinnert sich noch lebhaft an das Studium bei Professor Ratzinger; Foto: SUV

Pater Vincent Twomey erinnert sich noch lebhaft an das Studium bei Professor Ratzinger; Foto: SUV

Unser Kolloquium besuchten rund 30 Doktoranden, Habilitanden und Gäste und die Meinungen gingen dort weit auseinander. Das ganze theologische Spektrum der Kirche war da vertreten. Alle fühlten sich dort zu Hause und konnten in seiner Anwesenheit diskutieren, auch wenn sie eine andere Meinung als die des Professor Ratzinger vertraten, gerade weil er die Meinung der Anderen achtete und sich um objektive Sachlichkeit bemühte.

Papst Benedikt scheut sich nicht, sich mit den echten Problemen auseinander zu setzen und aufmerksam zuzuhören, auch wenn jemand spricht, der der Kirche gegenüber kritisch eingestellt ist. Einwände nimmt er ernst. Er selbst ist immer auf der Suche nach der Wahrheit, weil sie letztlich unbegreiflich ist.

Das Bild vom „konservativen“ oder gar „rechten“ Joseph Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt ist sehr weit verbreitet und in diesem Punkt sind sich auch Menschen ganz unterschiedlicher Ausrichtung innerhalb und außerhalb der Kirche einig. Passt diese Begriffe hier überhaupt?

Pater Vincent Twomey: Nein, sie passen einfach nicht. Vor kurzer Zeit habe ich über Katholiken gelesen, die sich selbst als rechts in der Kirche bezeichnen würden. Sie waren ganz aufgeregt, weil sie vom Papst so enttäuscht waren. Anlass dazu gab ihnen die Ankündigung, noch einmal nach Assisi zu einem Treffen der Weltreligionen einzuladen. Sie passte nicht zu diesem Bild in der Öffentlichkeit, wo er als konservativer Theologe dargestellt wird.

Ich habe ihn, wie schon erwähnt, als Dissidenten bezeichnet, weil er sich gegen die herrschende Meinung stellt. Er ist nicht nur ein origineller Denker, sondern in bestem Sinne auch ein kritischer. Aus diesem Grund hat die Öffentlichkeit ihn als Gegner der Moderne abgestempelt und betrachtet ihn als nicht fortschrittlich. Er selbst hat dazu einmal gesagt: ‚Ich habe nicht meine Meinung geändert, sondern die Welt hat sich geändert.‘ Es gibt wirklich im Denken Joseph Ratzingers eine Konsistenz in wesentlichen Themen. In Detailfragen hat er sich natürlich auch weiter entwickelt.

Viele liberal-progressive Theologen der ersten nachkonziliaren Jahre sind hingegen „reaktionär“ in dem Sinne, dass sie immer noch in der Ablehnung leben, von dem was sie vor dem Konzil gelernt und, zum Teil zurecht, nicht weiter vertreten können. Sie haben die Sache nicht weitergedacht. Ratzinger blieb aber selbst im Konzil kritisch, etwa in seinem Kommentar zum Dokument Gaudium et spes. Er meinte meines Erachtens, dass manche Ideen nicht genug ausgereift waren und so leicht missverständlich wurden.

Obwohl zuallererst ein herausragender Theologe und Theologen-Papst, ist er aber zugleich ein bewusst politischer Mensch. Wie sehen Sie das?

Pater Vincent Twomey: Ich erinnere mich, dass seine Vorlesungen in Regensburg, jedes Mal, wenn er ein neues Thema aufgriff, immer mit einer Beschreibung der Lage in der Welt begannen und so das Thema in den Kontext der heutigen kulturellen und politischen Umstände zu stellen. Ich war immer erstaunt, wie genau er die politische Entwicklung verfolgt hat. Ich glaube aber auch, dass es grundsätzlich eine politische Wirkung hat, wenn man die Wahrheit spricht. In gewissen Sinn leben wir in einer Welt der Lüge, voll Machtinteressen, kommerzieller und politischer Interessen.

Vertreter der Kirche Lateinamerikas haben etwa die Ausbeutung der Armen offen angeprangert. Insofern diese Stimmen auf der Grundlage des Marxismus argumentierten, hat der damalige Kardinal Ratzinger diese scharf kritisiert. Zugleich hat er aber anerkannt, dass die Sorgen, die die Befreiungstheologen äußerten, echte Sorgen waren. Sein Zugang war und ist die Erkenntnis, dass es Gerechtigkeit geben muss, aber diese Gerechtigkeit muss auch mit Liebe und Barmherzigkeit verbunden werden. Es darf nicht nur auf gesellschaftliche Strukturänderungen gepocht werden, als ob Gerechtigkeit in der Gesellschaft allein strukturell hervorgebracht werden kann, sondern die Menschen müssen sich auch wandeln und so von innen her sich selbst und die Welt verändern.

Der Begriff des Gewissens spielt eine große Rolle im Denken dieses Papstes. Das haben Sie bereits in Ihrem Buch zu Beginn des Pontifikats deutlich gemacht. Wie verhält sich das Gewissen zur Macht und umgekehrt gemäß der Definition Joseph Ratzingers?

Pater Vincent Twomey: Das Gewissen ist die Sprache der Machtlosen, es verweist die Mächtigen in die Schranken. Ein anderes Wort dafür wäre etwa ‚Verantwortung‘. Joseph Ratzinger hat in seinem theologischen Werk diesen Begriff neu entdeckt und die eigentliche Bedeutung aufgespürt. Oftmals wird das Gewissen als die persönliche, subjektive Einsicht in die Wirklichkeit betrachtet. Für ihn hingegen ist das Gewissen die Fähigkeit, Wahrheit zu erkennen. Weil diese uns herausfordert, wollen wir sie oft nicht erkennen. In dem Buch „Licht der Welt“ hat Peter Seewald die Frage nach der Macht des Papstes gestellt. Der Papst antwortete schlicht und einfach, dass er keine politische Macht im eigentlichen Sinne habe. Seine eigentliche Macht aber ist das Zeugnis der Wahrheit, die Macht der Machtlosen. Und diese Wahrheit ist letztlich nur im Dialog zu finden.

Papst Benedikt ist überzeugt, dass auch ein christlicher Gottesstaat auf Erden nicht zu Frieden und Gerechtigkeit führen kann. Warum?

Pater Vincent Twomey: Dieser utopische Gedanke ist immer die große Versuchung der Menschheit gewesen. Es ist nicht möglich, auf der Erde eine perfekte Gesellschaft aufzubauen, weil dadurch die menschliche Freiheit ausgeschaltet würde, der höchste Ausdruck der Schöpfung und der menschlichen Würde. Gerade weil es die menschliche Freiheit gibt, bleibt die Welt unvollkommen. Das ist beim Denker Ratzinger auch ein Grundthema: Mut zur Lücke, mit einfachen Worten gesagt, Mut zu Unvollkommenheit.

Nur Gott ist vollkommen, wie auch die Muslime sagen. Wenn sie einen Teppich weben, dann lassen sie bewusst einen Fehler darin, um diese Einsicht zu bekennen. Ein Gottesstaat müsste durch Strukturänderungen geschaffen werden: Als ob jemals der Mensch sich dadurch wandeln würde. Friede und Gerechtigkeit kann es nur teilweise geben. Immer bleibt beides unvollkommen. Beides muss von innen her entstehen und wachsen, aus der Verantwortung, aus dem Gewissen, aus der Tugend. Gott will uns nicht zwingen.

Gibt es eine moralische Pflicht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, ob hinsichtlich der letzten (oder ersten) Ursache, die wir Gott nennen, oder auch hinsichtlich laufender Vorgänge im Staat, in einem Betrieb oder einer Gemeinschaft?

Pater Vincent Twomey: Ja, man muss die Wahrheit suchen. [Das ergibt sich auch aus dem Gewissensbegriff dieses Papstes.] Zunächst was Gott betrifft: Wenn man zufrieden wird mit seiner eigenen Gottesbeziehung, dann ist etwas nicht in Ordnung. Es ist immer ein Suchen nach dem Willen Gottes. Joseph Ratzinger hat von einer Unruhe des Herzens gesprochen. Diese Unruhe ist immer auch ein Ausdruck der Demut.

Auch in der Situation einer Firma, Familie oder einer Gesellschaft: Wenn man in einer Bank zum Beispiel vermutet, dass dort gepfuscht wird, kann man nicht einfach das beiseite schieben. Es gibt natürlich die Versuchung, bequem zu leben und die Augen vor dem Verdacht zu schließen. Man weiß, dass man Unruhe hereinbringt und die eigene Stellung verlieren könnte. Deshalb wird es immer nur wenige Menschen geben, die den Mut und den Glauben haben, sich nur auf die Gnade Gottes zu verlassen und für die Wahrheit in so einer Situation einstehen.

Auch im Staat gilt dasselbe: Man kann zum Beispiel nicht einfach gleichgültig gegenüber Korruption, grober Unterdrückung oder der Abtreibung sein, sondern muss dazu Stellung nehmen. Wichtig ist aber auch die Klugheit, um zu erkennen, auf welche Weise das Unrecht wirksam bekämpft werden kann, da man leider oft mit unpassenden Mitteln, zum Beispiel Gewalt, den guten Zweck herbei zwingen will.

[Erstveröffentlichung: © PUR-Magazin, Juni 2011]

 

 

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