„Sie muss in unser Herz dringen, unser Leben und Handeln prägen“

Theologie des Leibes als Studienfach

DORNBIRN, 17. Juli 2011 (Vaticanista/KSZ).- Papst Johannes Paul II. befasste sich in seinen Mittwochskatechesen zwischen 1979 und 1984 mit der menschlichen Liebe im göttlichen Heilsplan – und entwickelte in diesem Rahmen seine „Theologie des Leibes“. Das Ehepaar Birgit und Corbin Gams setzt sich mit Hilfe des Vereins Vision Liebe (http://www.visionliebe.com) im österreichischen Dornbirn für deren Verbreitung ein. Ab Wintersemester 2011 beginnt an der Philosphisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz bei Wien ein viersemestriger Studiengang in Blockveranstaltungen zur Theologie des Leibes, für den Corbin Gams als Studienleiter fungiert. Michaela Koller befragte das Ehepaar Gams zu den Inhalten und zur Alltagstauglichkeit dieses von Johannes Paul II. vorgezeichneten Weges.

Birgit und Corbin Gams lehren die Theologie des Leibes; Foto: privat

Birgit und Corbin Gams lehren die Theologie des Leibes; Foto: privat

Zur Sexuallehre wollen die meisten Menschen seit Jahrzehnten die Kirche überhaupt nicht mehr hören. Was vermitteln Sie über vier Semester in Ihrem Studiengang?

Corbin Gams: Die Hörer erfahren – konkret, authentisch und auf wissenschaftlichem Niveau – den Inhalt des katholischen Verständnisses von Liebe, Familie und Sexualität. Es ist ja grundsätzlich so, dass der Mensch an den Themen Liebe, Freundschaft und Sexualität brennend interessiert ist – das liegt in unserer Natur. Was sich die meisten Menschen heute nicht mehr vorstellen können ist, dass die katholische Kirche zu diesem Thema etwas Wesentliches beizutragen hat. Der Studienlehrgang will einen Beitrag leisten, dieses Vorurteil aus der Welt zu räumen.

Die moralische Welt, in der wir heute leben, wurde geprägt von der Generation, die um die Mitte des letzten Jahrhunderts geboren wurde. 1968 brachen sie mit der Wertetradition der abendländischen – christlichen Kultur. Freier Sex war die große Verheißung. Heute fühlen sich viele junge Menschen ratlos. Die Welt ist übersättigt mit Sex, aber sie hungert nach Liebe. Und die Frage bleibt: Wie finde ich das Glück, die Liebe, nach der ich mich sehne.

Die Theologie des Leibes von Papst Johannes Paul II. gibt auf diese Frage erfrischende Antworten. Weit davon entfernt die Sexualität gering zu achten und ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger, zeigt er eine überraschende Vision von Liebe auf. Dabei verwendet er den philosophischen Ansatz der Phänomenologie. Er fragt den modernen Menschen, welche Erfahrungen er mit der Liebe gemacht hat. Und von dieser Erfahrung her erklärt er den tiefsten Sinn und die Schönheit der menschlichen Liebe und Sexualität.

Der Studienlehrgang will eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Theologie des Leibes anbieten. Hierzu beginnen wir mit dem philosophischen Weg Wojtylas, um dann auf seine Katechesen einzugehen. In allen Modulen wird auf den Praxisbezug Wert gelegt. Denn die Theologie des Leibes kann nicht nur aus Studienbüchern gelernt werden, sie muss in unser Herz dringen und von dort her unser Leben und Handeln prägen.

Papst Johannes Paul II. segnete jedes frischvermählte Ehepaar in den Mittwochsaudienzen; Foto: Felici

Papst Johannes Paul II. segnete jedes frischvermählte Ehepaar in den Mittwochsaudienzen; Foto: Felici

Strenge und Leibfeindlichkeit sind es, die viele Menschen der Kirche hinsichtlich ihrer Lehre zur Sexualität vorwerfen…

Corbin Gams: Die häufigste Reaktion von Teilnehmern unserer Vorträge und Seminare ist Überraschung und Freude. Sie teilen die Erfahrung, die meine Frau und ich gemacht haben: Wir sehen unsere Ehe in einem neuen Licht. Viele, besonders ältere Christen, sind mit dem Denken aufgewachsen, ihr Geist sei „gut“ und ihr Körper, ihre Sexualität „schlecht“. Eine solche Denkweise ist weit entfernt von einer wirklich christlichen Sicht! Die Idee, dass der menschliche Leib „schlecht“ sei, ist ein Irrtum, der von der Kirche ausdrücklich zurückgewiesen worden ist und der bekannt ist unter dem Namen Manichäismus. Leider sind diese Gedanken auch immer wieder in die Kirche eingedrungen. In der Theologie des Leibes zeigt Johannes Paul II. die authentische christliche Sichtweise über die Schönheit der menschlichen Liebe, aber auch die Gebrochenheit des menschlichen Herzens und die Notwendigkeit der Heilung.

Könnte die aktuelle Übersexualisierung einmal wieder in Leibfeindlichkeit umschlagen?

Corbin Gams: Diese Gefahr besteht immer, denn wir Menschen neigen zu Extremen. Die Geschichte zeigt, dass dieses Pendel immer wieder in die eine oder andere Richtung ausschlug. Bei der Renovierung der Sixtinischen Kapelle ordnete Johannes Paul II. die Entfernung der Lendenschurze an, mit denen einige seiner Vorgänger die ursprünglich nackten Figuren Michelangelos übermalen ließen. In unserer Zeit ist Pornographie allgegenwärtig, wir wissen alles über Sex, das heißt aber nicht, dass wir auch gelernt haben zu lieben. Es gab Zeiten in denen man Nacktheit und Sexualität von vornherein als schlecht und sündig ansah. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Pornographie und der angemessenen Darstellung von Nacktheit, zwischen bloßem Sex und Sexualität verbunden mit Liebe. Das müssen wir neu entdecken.

Eine gute Ehe lebt von Liebe, Treue und Rücksichtnahme. Wie können diese eingeübt werden?

Birgit Gams: Als Christen glauben wir, dass die Liebe eines Ehepaares Abbild der Liebe ist, die Gott uns entgegenbringt. Wir lernen als Ehepaar zu lieben, indem wir diese Liebe Gottes betrachten und ihre Eigenschaften erkennen. Denn die Liebe Gottes ist frei, bedingungslos, treu und lebensspendend. Freie, treue, bedingungslose und lebenspendende Liebe sind die Basis für eine glückliche Ehe. Es sind Eigenschaften, die wir einüben können. Fehlt auf Dauer eine dieser Eigenschaften, z. b. die Treue, dann fehlt ein wesentliches Fundament.

Viele Paare ziehen schon vor der Trauung zusammen. Papst Benedikt XVI. warnte in seiner Predigt Anfang Juni zum Abschluss des nationalen Familientages der kroatischen Katholiken in Zagreb vor dieser, wie er es nannte, säkularisierten Mentalität. Warum könnte dieser Lebensstil dem wahren Glück im Weg stehen?

Birgit Gams: Unsere Zeit fordert von uns Eigenschaften wie Flexibilität und Mobilität, die Fähigkeit immer wieder neu auf Lebenssituationen reagieren zu können. Doch Kindererziehung und Ehe sind kein Projekt für drei Jahre. Sie fordern Beständigkeit und eine dauerhafte Verpflichtung. Das macht vielen Menschen Angst. Junge Menschen möchten oft auf Probe zusammen leben, mit der Option auf Trennung, falls die Beziehung nicht gelingt.

Doch mit dem Zusammenleben werden Fakten geschaffen: Ein Haus, gemeinsame Anschaffungen, vielleicht kommt ein Kind. Man lebt die Ehe, doch ohne die eindeutige Bindung an den Partner. Hier möchte ich an Johannes Paul II. erinnern, der sagte: „Man kann nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“

Sollten Seelsorger Paare auf diese Problematik hinweisen?

Corbin Gams: Ja, unbedingt. Ich rate den Seelsorgern, den Mehrwert einer Ehe aufleuchten zu lassen. Doch das nimmt die Seelsorger auch in die Pflicht, denn eine gute Ehe braucht eine gute Vorbereitung und Begleitung.

Im Juni vor fünfzig Jahren war die Antibabypille erstmals in Deutschland erhältlich, die zehn Jahre zuvor entwickelt wurde. Kann sie zum ehelichen Glück beitragen?

Birgit Gams: Ursprünglich wurde die Antibabypille mit dem Ziel eingeführt, die Zahl der Abtreibungen zu senken. „Besser verhüten als abtreiben“ lautete der Slogan. Ein weiteres Argument war, dass mit der Pille die Liebe spontan und ohne Angst gelebt werden könne. Seit dem Erscheinen der Pille sind jedoch die Ehescheidungen rasant angestiegen. Auch die gesundheitsschädigende Wirkung für die Frau sollte man nicht vergessen. Die Feministinnen, die Verhütung zur sexuellen Befreiung forderten, waren auch die ersten, die erkannten, dass die Pille leicht zur sexuellen Ausbeutung der Frau führen kann.

Im Jahr 2002 wurde in den USA eine Studie durchgeführt, die im vorigen Jahr durch Ergebnisse in Europa bestätigt wurde. Sie zeigte, dass Paare, die natürliche Empfängnisregelung praktizierten deutlich seltener geschieden wurden als andere, nämlich nur drei Prozent. Das ist anscheinend eine echte Alternative, die leider noch viel zu wenig bekannt ist.

Das Argument, dass etwa mit der natürlichen Familienplanung ein großer Aufwand einherginge und den Partnern sehr viel Wissen abverlangt werde, hält aber Verantwortliche oftmals davon an, diese Methode in ärmeren Gegenden und in weniger gebildeten Schichten zu propagieren…

Birgit Gams: Wir lehren zwar nicht selbst natürliche Familienplanung, kooperieren aber mit einem Paar, dass diese lehrt. Von ihnen wissen wir, dass diese Methode gerade in ärmeren Ländern mit einfachen Mitteln, aber großem Erfolg gelehrt wird. In Indien wurde sie anhand von Temperaturbeobachtungen vermittelt. In El Salvador konnte mit einfachen Bildern das Wissen um den Zyklus der Frau an Analphabeten weitergegeben werden. Darüber hinaus zeigen uns unsere Freunde in der ganzen Welt, dass sie oft einen besseren Zugang zu den natürlichen Abläufen haben als wir. Die Familie hat häufig einen hohen Stellenwert und Kinder sind durchaus erwünscht.

[Erstveröffentlichung: © Katholische Sonntagszeitung, 16./17. Juli 2011]

 

 

 

 

 

 

 

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