Requiem für einen großen europäischen Staatsmann

Großer Abschied von Otto von Habsburg mit Kaddisch und Kaiserhymne

Von Michaela Koller

MÜNCHEN, 11. Juli 2011 (Vaticanista).- Tausende Trauergäste und Schaulustige haben am Montagmittag gebannt dem hebräischen Totengebet für den verstorbenen Europapolitiker und Kaisersohn Otto von Habsburg auf dem Müchner Odeonsplatz gelauscht. Kaum waren die letzten Silben des Kaddisch „Al Molah Rachamim“ verklungen, vorgetragen durch den ehemaligen Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde von München, Steven Langnas, läuteten die Glocken der Münchner Theatinerkirche St. Kajetan. Was als Dank im Anschluss an das Münchner Requiem für von Habsburgs Einsatz für Religionsfreiheit und interreligiöse Verständigung und für die Juden während der Nazizeit gedacht war, geriet zu einem höchstsymbolischen Akt: „Kann es ein schöneres Symbol für die Überwindung des Nationalsozialismus geben“, sagte der Chef des Hauses Habsburg und älteste Sohn des Verstorbenen, Karl von Habsburg, in seiner anschließenden Ansprache über die Szene: Ausgerechnet vor der Feldherrnhalle, in der Folge des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 nach der Machtergreifung ein besonderer Ort der Nazipropaganda, wurde der Erzherzog von Österreich aus seiner letzten Heimat verabschiedet. Und ein Nachfolger des Nazigegners Kardinal Michael von Faulhaber sprach ebenso Totengebete wie der Rabbiner als Vertreter der Juden, bevor schließlich noch die Kaiserhymne erklang.

Erzherzog Ottos letzte Reise von Bayern nach Österreich; Foto: Koller

Erzherzog Ottos letzte Reise von Bayern nach Österreich; Foto: Koller

Sein Vater habe seit jeher intellektuelle Ehrlichkeit und Sauberkeit der politischen Korrektheit vorgezogen, erklärte Erzherzog Karl bei dem von der CSU organisierten Trauerempfang im Kaisersaal der Münchner Residenz, der Partei, für die Otto von Habsburg rund 20 Jahre als Abgeordneter im Europäischen Parlament wirkte. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer und Vorsitzende der CSU, erinnerte daran, das Otto von Habsburg während der NS-Herrschaft Tausenden verfolgten Landsleuten, darunter vielen Juden, zur Flucht verholfen habe. Er konnte aber auch ein ganzes aktuelles Beispiel für das viele Jahrzehnte lange währende Wirken des Europapolitikers nennen: „Dass der EU-Beitritt Kroatiens vor rund zwei Wochen beschlossen wurde, ist auch das Werk von Otto von Habsburg.“

Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP), erinnerte daran, dass die Nazis versuchten, mit Bespitzelungen, Entführungs- und Attentatsversuchen Otto von Habsburg vergeblich auszuschalten trachteten. „Er hat nie mit dem Zeitgeist kokettiert und war doch immer auf der Höhe seiner Zeit.“ Er habe nie viel zu sagen gehabt, aber doch sich oft zu Wort gemeldet. Trotz aller Nachstellungen habe der Erzherzog nie sein sein Lachen, nie sein Lächeln verloren. In seinem Leben habe er aber nicht viel zum Lachen gehabt. Schüssel räumte auch das Versagen vergangener österreichischer Regierungen ein: „Wie wir mit ihm umgegangen sind, zählt nicht zu den Sternstunden der Geschichte.“ Von Habsburg sei im Grunde genommen zweimal vertrieben worden: Als seine Familie im März 1919 ins Exil gezwungen wurde und 1955, als das Habsburgergesetz Bestandteil des österreichischen Staatsvertrags wurde. Mit der Abgabe und in der Folge der Verzichtserklärung habe der älteste Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich Größe gezeigt. Überzeugend habe er der Weltöffentlichkeit klargemacht: „Ich danke Gott dafür, dass ich Parlamentarier bin“, wie Schüssel Otto von Habsburg zitierte. Schließlich habe er auch noch alle Feinde überlebt, Stalin, Hitler, Honecker und Milosevic. Eine Zeitung habe geschrieben: „Er war nicht nur Otto von Österreich, sondern Otto von Europa.“

Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering, erinnerte sich als ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments daran, wie maßgeblich der Verstorbene die europäische Einigung mitgestaltete: Die Flagge mit den zwölf Sternen als sichtbares Symbol der europäischen Einigung, die gemeinsame Währung und einen einheitlichen Pass. Dem langjährigen Europaabgeordneten sei es dabei nicht darum gegangen, irgendeine bedeutsame Rolle dabei zu spielen, sondern „bestimmte Ideen durchzusetzen“. „Welche Demut“, betonte Pöttering. Dabei sei er „eine der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“ gewesen, „ein großer europäischer Staatsmann“.

Im vorausgegangenen Pontifikalrequiem in der mit blauen und weißen Gladiolen geschmückten Theatinerkirche würdigte bereits Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, die Verdienste des vor genau einer Woche Verstorbenen um Europa. „Otto von Habsburg hat es als seinen Auftrag gesehen, an die große Berufung Europas zu erinnern: dass Europa nicht zum Geldverdienen da ist, sondern dass es eine geistliche und geistige Berufung ist“, sagte Marx in seiner Predigt vor mehr als 700 Trauergästen in der Theatinerkirche St. Kajetan in München: „Europa wird ohne die Stimme der Heiligen Schrift seine Berufung nicht leben können.“ Der Sohn des letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn habe gewollt, dass diese Stimme auf dem Kontinent hörbar bleibe. Europa sei ein Beitrag für eine bessere Welt, darauf habe der große Europäer Jean Monnet verwiesen, wie Marx betonte: „Die große Berufung Europas in der Welt ist der Kampf für die Würde des Menschen. In einer globalisierten Welt brauchen wir die kraftvolle Stimme Europas.“

Der Name des Verstorbenen Otto von Habsburg sei verwoben mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und mit der politischen Geschichte des Kontinents. „Otto von Habsburg hat versucht, die Zeitstunde anzunehmen, in die er gestellt ist.“ Ihm sei es darum gegangen, realistisch auf das zu blicken, was notwendig sei, und nicht zu träumen von einer Wirklichkeit, die es nicht gebe. Jedem Menschen stelle sich die Frage: „Wozu bin ich da? Ich habe einen Auftrag, einen Ruf, in Beruf, Familie, Gesellschaft, Politik. „Otto von Habsburg ist ein ermutigender Zeuge für uns geworden, unsere Berufung anzunehmen.“ Es sei Zeit, Dank zu sagen für das „einfache und demütige Zeugnis des Glaubens“, das Otto von Habsburg abgelegt habe. Und der Kardinal schloss seine Predigt mit Worten, die er direkt an den Verstorbenen richtete: „Danke für das, was Du für Deine Familie, für Dein Land, für Europa getan hast. Möge die Mutter Gottes Dich in die Begegnung mit dem Herrn geleiten.“

Zusammen mit Kardinal Marx zelebrierte sein Vorgänger als Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, sowie der ungarische Weihbischof Franz Cserháti, sowie die Äbte von Scheyern, und der Stifte Stams und Wilten in Tirol. Sie unterstützten elf weitere Geistliche. Unter der Leitung von Cornelia Kerssenbrock umrahmten Chor, Orchester und Bläserensemble die Totenmesse mit dem Requiem von Michael Haydn, jüngerer Bruder von Joseph Haydn.

 

 

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