„Manchen zu unkonventionell, anderen zu konservativ“

Requiem in Wien für Österreichs letzten Thronfolger

Von Michaela Koller

WIEN, 16. Juli 2011 (Vaticanista).- Schon Stunden vor Beginn haben sich am Samstag Tausende Menschen vor dem Hauptportal des Wiener Stephansdoms zum Requiem des letzten österreichischen Thronfolgers Otto von Habsburg versammelt. Zehntausende nahmen insgesamt in der Wiener Innenstadt Abschied von dem am 4. Juli im oberbayerischen Pöcking verstorbenen Europapolitiker. Ein buntes Bild rund um die Kathedrale auf dem Stephansplatz ergaben schaulustige Touristen aus aller Welt zusammen mit Abordnungen von Traditionsverbänden aus vielen Teilen der ehemaligen Donaumonarchie mit ihren Fahnen, darunter Kroaten, Südtiroler und Ungarn.

Nach dem Requiem - Tiroler Schützen tragen den Sarg zur Kapuzinergruft; Foto: Koller

Nach dem Requiem - Tiroler Schützen tragen den Sarg zur Kapuzinergruft; Foto: Koller

An seine Bemühungen, die Verständigung unter Völkern und Volksgruppen in Europa zu fördern, erinnerte Christoph Kardinal Schönborn in seiner Predigt. Otto von Habsburg habe sich während seines politischen Wirkens nach Kräften darum bemüht, das Unglück des Ersten Weltkrieg wiedergutzumachen, wie dies auch schon sein Vater, der selige Kaiser Karl getan habe. Der Verstorbene sei „den einen zu modern, zu unkonventionell, den anderen zu konservativ, ja reaktionär“ gewesen“, betonte der Kardinal über den letzten österreichischen Thronfolger.

Im Tod eines Menschen komme es darauf an, wie dieser seiner unverwechselbaren Berufung vor Gott nachgekommen sei. „Es gehört zur political correctness, die Idee des Gottesgnadentums für völlig vorgestrig zu halten. Otto von Habsburg hat sie, im ganz ursprünglich gemeinten Sinn, zuerst als Verantwortung verstanden“, hieß es in der Homilie weiter.

Otto von Habsburg habe er wegen zweier Fähigkeiten bewundert: Ihm sei es gelungen, sich immer wieder auf neue Situationen einzulassen und dabei gleichzeitig seiner Verantwortung gerecht zu werden, die er als Erbe und Auftrag aufgrund seiner Herkunft ansah. „Otto von Habsburg hat seine Berufung angenommen, im christlichen Glauben, den er in seltener Tiefe von seinen Eltern vorgelebt sah“, sagte der Kardinal. Er habe Gottesgnadentum im ursprünglichen Sinn, als Pflichterfüllung und guten Willen, verstanden. Weil er sich Schönborn zufolge klein vor Gott sah, blickte er auf niemanden herab und kannte keinen Standesdünkel.

Der Kaisersohn habe die königliche Würde eines jeden Menschen, nicht nur der Christen, hochgehalten. „Vergelt’s Gott, geh ein in die Freude Deines Herrn“, schloss Schönborn seine Predigt, die vor dem Hauptportal unter Applaus aufgenommen wurde.

Unter den Konzelebranten waren Priester und Bischöfe aus ganz Mitteleuropa: Dominik Duka, Erzbischof von Prag, Robert Bezák, Erzbischof von Ljubljana,  der Brünner Bischof Vojtech Cikrle, Bischof Franjo Komarica von Banja Luka, Altabt Gregor Henckel von Donnersmarck aus Heiligenkreuz, Abt Bruno Platter, Hochmeister des Deutschen Ordens, Pater Karl Schauer, Superior von Mariazell und Pater Paul von Habsburg von den Legionären Christi.

Nach einem anschließenden Trauerkondukt durch die Wiener Innenstadt fanden Otto und Regina von Habsburg zusammen ihre letzte Ruhestätte in der Kaisergruft der Wiener Kapuzinerkirche. Die Frau Otto von Habsburgs war am 3. Februar vorigen Jahres verstorben; ihr Sarg befand sich bislang in ihrer Heimat, in der thüringischen Veste Heldburg. Von wo sie in dieser Woche in die Kapuzinerkirche überführt wurde. Wie 1989 bei der Beisetzung von Kaiserin und Königin Zita gab es nach der Ankunft des Konduktes eine Anklopf-Zeremonie.

Zeremonienmeister Ulrich-Walter Lipp, ein Freund der Familie, klopfte dabei zunächst dreimal mit einem Gehstock an die schwere Eisentür der Gruft. Und der Kustos der Kapuziner fragte von innen: „Wer begehrt Einlass?“ Er antwortete darauf mit den historischen Titeln des des Verstorbenen, darunter: „Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien.“

„Wir kennen ihn nicht“ hieß es daraufhin aus dem Innern. Lipp klopfte erneut, nannte Ehrungen und Auszeichnungen, die Otto von Habsburg aufgrund seiner eigenen Leistungen verliehen wurden. Und wieder hieß es: „Wir kennen ihn nicht!“ Das bedeutet, dass all dies irdisch ist und auf dieser Erde zurückbleibt. Einlass in die Gruft fand Otto von Habsburg schließlich als „sterblicher, sündiger Mensch“. Vor Gott zählen nur der Glaube und die aus dem Glauben erwachsenen guten Werke.

Unter den Ehrengästen der Trauerfeier versammelten sich neben Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer, König Carl Gustaf von Schweden mit Königin Silvia, Großherzog Henri von Luxemburg mit Großherzogin Maria Teresa, Fürst Hans Adam von Liechtenstein mit Fürstin Marie, der georgische Staatspräsident Mikheil Saakashvili, Prinz Hassan ibn Talal, Onkel des jordanischen Königs Abdullah, die kroatische Premierministerin Jadranka Kodor, der mazedonische Ministerpräsident Nikola Gruevski, EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek, Simeon von Bulgarien, ehemaliger Zar und Ministerpräsident sowie Prinz Michael von Kent.

Totengebete nach jüdischem, christlichem und islamischem Glauben wurden bereits am Donnerstagnachmittag in der Wiener Kapuzinerkirche vor den Särgen von Otto und Regina von Habsburg gebetet. Familienoberhaupt Karl von Habsburg verwies auf die enge geschichtliche und lebensgeschichtliche Beziehung seines Vaters zu Juden und Muslimen. Der Dialog der gläubigen Christen, Juden und Muslimen sei seinen Eltern lebenslang ein großes Anliegen gewesen. In Österreich-Ungarn habe es neben christlichen Militärgeistlichen selbstverständlich auch Heeresrabbiner und Heeresimame gegeben.

Der Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky betete einen Psalm, das Glaubensbekenntnis und den Rosenkranz, der frühere Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, Steven Langnas, das jüdische Totengebet „Al Molah Rachamin“. Der Großmufti von Sarajevo, Reisu-l-Ulema Mustafa Ceric, trug in arabischer und englischer Sprache ein Gebet vor, das von seinem Amtsvorgänger vor 100 Jahren für Kaiser Franz Joseph geschrieben worden war. Ceric würdigte auch Otto von Habsburgs Eintreten für ein freies und unabhängiges Bosnien-Herzegowina. Wörtlich sagte der Großmufti: „Oh Gott, lass meinen Freund, der ein Freund Bosniens war, ein Förderer eines neuen Europa, ein Patron einer neuen, friedlichen Welt, eine Persönlichkeit für alle Zeit, ruhen in Frieden und in Gottes ewiger Gnade.“

Die jüdische Gemeinde von Wien nahm Freitagabend nochmals mit einem eigenen Totengebet in der Wiener Synagoge Abschied von Otto von Habsburg. Engste Angehörige des Verstorbenen nahmen an dieser Zeremonie teil. Als Oberhaupt seiner Familie sprach Karl von Habsburg dabei einige einleitende Worte. Vor dem Gebet erinnerte er daran, dass der erste Gefallene auf österreichischer Seite im Ersten Weltkrieg Jude war und sich das Haus Habsburg einer besonderer Verantwortung gegenüber den Juden verpflichtet wisse.

 

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