Predigt von Christoph Kardinal Schönborn beim Requiem für Otto von Habsburg

WIEN, 16. Juli 2011 (Vaticanista/Dokument)

Liebe trauernde und im Glauben zuversichtlich hoffende Familie!

Verehrte Mittrauernde, Mitfeiernde und Mitbetende!

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn – hier im Stephansdom, draußen am Domplatz und durch die Medien mit uns verbunden! Viel Würdigendes ist in den vergangenen Tagen über das Leben des Verstorbenen gesagt worden.

Heute, am Ende seines Pilgerweges, geht es um die letzten Fragen, die sich für jeden von uns angesichts des Todes stellen. Heute stell ich an ihn und an uns, die wir seiner gedenken, die Frage: Wie können wir uns von Otto von Habsburg in Dankbarkeit und Respekt so verabschieden und sein Leben und Sterben so deuten, dass viele angeregt werden, über ihr eigenes Leben und auch über ihr unausweichliches Sterben nachzudenken und es im Licht des Glaubens der Kirche zu verstehen und zu gestalten. Es ist unsere christliche Grundüberzeugung, dass jeder Mensch von Gott gewollt, einmalig geschaffen ist und eine eigene, unverwechselbare Berufung hat. Sie aufzufinden, auf sie zu antworten, ist letztlich entscheidend für ein geglücktes Leben – vor Gott, nicht immer vor den Menschen. Menschen sind oft gefordert, einer Berufung treu zu bleiben, obwohl das Umfeld sich völlig verändert hat, alles anders geworden ist. Das Leben des Verstorbenen ist dafür ein Beispiel. Die Lesungen der Heiligen Schrift, die wir gehört haben, weisen in diese Richtung.

Abraham – Treue im Wandel

„Der Herr sprach zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land … in das Land, das ich dir zeigen werde. Ein Segen sollst du sein … Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.“ Abraham, den wir als Vater der Glaubenden verehren, wird ein Leben lang unterwegs sein, auf Wegen, die für ihn selber völlig unterwartet waren, denen er sich aber Gott vertrauend, Gott glaubend, gestellt hat. In den neuen Situationen, in die der Ruf Gottes ihn bringt, die ihn aus seiner bisherigen vertrauten Welt herausreißen, findet er seine eigene Berufung. Otto von Habsburg wurde durch die gewaltigen politischen Umbrüche in eine neue Lebenssituation hineingestellt, die ihm als Kronprinz und Thronfolger der großen Doppelmonarchie sicher nicht vorgezeichnet war.

Das berührende Bild des Vierjährigen im weißen Kleid zwischen seinen Eltern beim Begräbnis von Kaiser Franz Joseph ging dieser Tage durch alle Medien. Als er sechs Jahre alt war, ging die Monarchie zu Ende, und damit die Welt, in der er eine so große Rolle hätte spielen sollen. Zwei Haltungen bewundere ich an ihm, die er in seinem langen Leben seit dem Zusammenbruch der alten, kaiserlichen Welt, in vorbildlicher Weise vorgelebt hat: Einerseits die Fähigkeit, sich wach und ohne Scheu auf völlig neue Situationen einzulassen. Und andererseits den Mut und die Entschiedenheit, an dem festzuhalten, was er als Erbe und Auftrag aus seiner Herkunft ansah. Das erklärt zum Teil die Widersprüchlichkeit der Urteile über ihn: den einen zu modern, zu unkonventionell, den anderen zu konservativ, ja reaktionär. In Wirklichkeit ist er, so sehe ich es, ein leuchtendes Beispiel einer unbeirrten, lebenslangen Treue zu seiner eigenen, unverwechselbaren Berufung.

Otto von Habsburg hat seine Berufung angenommen, im christlichen Glauben, den er in seltener Tiefe von seinen Eltern vorgelebt sah. Er hat das Erbe seiner Familie als Auftrag und Berufung verstanden. Er hat nicht der Vergangenheit nachgetrauert, sich aber auch nicht von denen einschüchtern lassen,ndie sie kleinreden möchten und nur deren Schattenseiten sehen wollen. Er hat uns vorgelebt, wie wir unverkrampft aus dem Gestern für das Morgen schöpfen können. In Sachen Umgang mit der Geschichte dürfen wir in Österreich von ihm lernen. Und Lernen war noch nie eine Schande.

Es gehört zur political correctness, die Idee des Gottesgnadentums für völlig vorgestrig zu halten. Otto von Habsburg hat sie, im ganz ursprünglich gemeinten Sinn, zuerst als Verantwortung verstanden: Nicht als ein Anrecht auf eine Herrscherposition, sondern als Auftrag, die anvertrauten Aufgaben, in die wir hineingestellt sind, in Verantwortung vor Gott wahrzunehmen. Die Verantwortung vor Gott, wie wir mit dem uns Anvertrauten umgehen, können wir nicht ablegen oder delegieren. 1971 schrieb Otto von Habsburg über das, was jetzt, 40 Jahre später, für ihn Wirklichkeit geworden ist: „Wenn man seinem Schöpfer entgegentritt, gilt vor diesem nur Pflichterfüllung und guter Wille. Gott verlangt von dem Menschen nicht, Ihm Siegesberichte zu bringen. Den Erfolg gibt Er. Von uns erwartet Er nur, dass wir unser Bestes tun.“

Die Seligpreisungen – Charta eines lohnenden Lebens

Das Evangelium von den acht Seligpreisungen enthält das Herzstück der Verkündigung Jesu. Es mag schon stimmen, was immer wieder gesagt wird: mit den Seligpreisungen Jesu lasse sich kein Staat machen. Als Staatsgrundgesetz sind sie nicht gedacht. Wohl aber als Charta für ein geglücktes Leben, das sich gelohnt hat, dem Gott Seinen Lohn verheißt. Ich nehme hier drei heraus:

„Selig, die arm sind vor Gott.“

Zu einem geglückten Leben gehört vor allem die große Gabe der Demut, die Gabe der wirklich Großen, die sich vor Gott klein wissen und daher auf niemanden herabschauen. Zahllosen Menschen ist das an Otto von Habsburg aufgefallen: Keinerlei Standesdünkel, gepaart mit dem „bescheidenen Selbstbewusstsein“ (Papst Benedikt XVI.), der Erbe des Hauses Habsburg zu sein.

Wie gut täte es uns allen, auch ohne aus dem kaiserlichen Haus zu stammen, uns der königlichen Würde jedes Christen, jedes Menschen bewusst zu sein, von der die jüdisch-christliche Tradition so mächtig Zeugnis gibt. Diese tief in seinem lebendigen Glauben wurzelnde Überzeugung ermöglichte es Otto von Habsburg, Menschen unterschiedlichster Herkunft und Weltanschauung „auf Augenhöhe“ zu begegnen. So sagt er selber: „Der gläubige Mensch sieht in sich selbst und in seinem Nächsten ein Ebenbild Gottes, dem der Schöpfer Rechte gegeben hat, die ihm weder ein Einzelner noch ein Staat, weder ein Tyrann noch der schwankende Wille einer Mehrheit wegnehmen kann.“

„Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“

Das Streben nach der Gerechtigkeit war eine weitere Grundhaltung seines Lebens. Im Äußeren Burgtor, durch das nachher der Kondukt führen wird, steht der Wahlspruch Kaiser Franz I. (seines Ur-Ur-Urgroßvaters): „Justitia regnorum fundamentum“ – die Gerechtigkeit ist das Fundament aller Herrschaft. Otto von Habsburg hat in seinem langen Leben gesehen, wie Staaten zu Räuberbanden degenerieren, wenn die Gerechtigkeit nicht mehr ihre Grundlage ist, wenn Einzel- oder Nationalinteressen das Gemeindewohl verdrängen, wenn brutale Macht die Ordnung der Gerechtigkeit verdrängt.

„Selig die Friedensstifter“

Keine der Seligpreisungen Jesu hatte im Leben des Verstorbenen so ein Gewicht wie diese. „Ein Tag Krieg kostet viel mehr als ein Jahr Friedenserhalt“, hat er einmal gesagt. Es sei mir gestattet, zum Schluss im Blick auf diese Seligpreisung einen Gedanken auszusprechen, den ich im Herzen trage. Ich denke an die Katastrophe des 1. Weltkrieges. In der langen, prägenden und in vieler Hinsicht reich gesegneten Regierungszeit Kaiser Franz Josephs gab es wohl keinen schwereren, folgenreicheren Fehler als den, diesem Krieg zuzustimmen und ihn zu erklären. Er hat zum sinnlosesten Blutvergießen geführt, dem auch das Bemühen des Vaters unseres Verstorbenen, des seligen Kaisers Karl, nicht mehr Einhalt gebieten konnte. Die beiden schlimmsten, massenmordenden Ideologien, die die Menschheit bisher gekannt hat, waren bittere, giftige Früchte auch dieses Krieges.

Dürfen wir das Lebenswerk dieses großen Verstorbenen nicht auch als einen unermüdlichen Versuch verstehen, das Unglück, das der 1.Weltkrieg über Europa, über die Menschheit gebracht hat, wieder gutzumachen? Mit aller Leidenschaft seines Herzens, seiner großen Intelligenz und seines Mutes hat er dem Friedensprojekt Europa gedient.

Gewiss, auch eine noch so gut gelungene europäische Integration schafft nicht das Paradies auf Erden. Das ist auch nicht Aufgabe der Politik! Aber ein gutes gedeihliches Zusammenleben der Völker und Kulturen, der Sprachen und Religionen zu fördern, darin sah Otto von Habsburg seinen Auftrag, seine Berufung, in Treue zum Erbe seines Hauses, im Geiste des Evangeliums Jesu Christi, das die Friedensstifter seligpreist.

Am 22. Mai 2004 fand in Mariazell der „Mitteleuropäische Katholikentag“ statt. Über 100.000 Pilger waren aus 8 Ländern gekommen, Polen und Tschechen, Slowaken und Ungarn, Kroaten und Slowenen, Bosnier und Österreicher. Das Wetter war eiskalt und regnerisch. Otto von Habsburg und seine verehrte, ihm unzertrennlich helfend zur Seite stehende Frau Regina waren dabei. Nach dem Gottesdienst fragte ich den damals 92-Jährigen, ob er nicht schrecklich gefroren habe. Seine Antwort, mit einem unvergesslichen Freudestrahlen: „Nein dafür haben wir doch gelebt!“

Dafür gelebt zu haben, dafür sage ich heute:

Vergelt´s Gott, Hoher Herr! Vergelt’s Gott, du großer Heimgekehrter!

Vergelt´s Gott, du treuer Diener! Geh ein in die Freude deines Herrn. – Amen.

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