„Die Kraft des Wortes Gottes neu entdecken“

Interview mit Paul Josef Kardinal Cordes

ROM, 19. Juli 2011 (Vaticanista/Die Tagespost).- Paul Josef Kardinal Cordes, früher Vizepräsident des Päpstlichen Rates für die Laien und ehemals Präsident von „Cor Unum“, ist von der ansteckenden Dynamik in den neuen geistlichen Bewegungen überzeugt. Diese zeige, dass Gott in seiner Kirche am Werk sei. In einem Interview mit Michaela Koller sprach er über die Gottsuche vieler Menschen und die Ausstrahlung der Movimenti.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat einen Dialogprozess um die Zukunft der Kirche initiiert. Inzwischen haben einige Diözesen Anfangsschritte getan. Welche Impulse für die Pastoral erscheinen Ihnen für unsere Tage dringlich und besonders wünschenswert?

Kardinal Cordes: Professor Johann Baptist Metz hat schon vor einigen Jahren die, wie er sie nannte, Gotteskrise als Wurzel für die gegenwärtige Verunsicherung der Christen ausgemacht. Kardinal Kasper hat erst kürzlich wieder an diese Metzsche Analyse erinnert. Bei solcher substanzieller Diagnose muss heute jedwede Aufarbeitung kirchlicher Pastoral und Sendung ansetzen, sonst bleiben nur kirchliche Selbstbeschäftigung und mediales Strohfeuer.

Welche Perspektiven und Ziele drängen sich demnach auf?

Kardinal Cordes: Einmal ist der deutsche Blick wieder auf die Katholizität der Kirche hin zu weiten. Lautstarker Protest von germanischen Vorzeigekatholiken und Kirchengremien sollte nicht mit Vitalität verwechselt werden. Kürzlich dramatisierte eine große Wochenzeitung diese teutonische Nabelschau zu einer deutschen katholischen Nationalkirche – eine ebenso jammervolle wie lächerliche Zukunftsvision, denn eine solche Kirche würde bald an Schwindsucht und Blutarmut verenden. Und wenn dann die Kirchensteuer fiel! Der Blick über den Tellerrand nationalen Dünkels hinaus könnte hingegen andernorts apostolische Dynamik und die Kraft des Wortes Gottes neu entdecken: dass das Christentum keineswegs nur für Existenzbewältigung oder den Lebensunterhalt gut ist. Dass es vielmehr eine geistliche Begegnung mit einer Person ist, mit Jesus Christus. So bin ich ihm jedenfalls in mehr als 30 Jahren „Rom“ bei meinen vielen Reisen durch alle Kontinente begegnet. Ich habe mir oft gewünscht, auch meine Landsleute könnten erleben, wie Gottes Nähe beglückt und erfüllt.

Muss man denn zu solchen Erfahrungen ins Ausland fahren?

Kardinal Cordes: Keineswegs, denn das Gute liegt auch nah! Da gibt es Gebetsgruppen in einigen Pfarreien, die monatlich zusammenkommen. Auch habe ich mir sagen lassen, dass für Jugendliche in über 20 deutschsprachigen Städten eine liturgische Nacht unter dem Stichwort „Nightfever“ angeboten wird. Der Zuspruch ist außerordentlich. Offenbar führen solche Treffen zu einer geistlichen Dichte, die die Übergabe von Kopf und Herz, von Wille und Gefühl an Jesus als den Herrn des Lebens vorbereitet. Und so lernt man sich selbst zu vergessen. Im Juni hatte ich bei dem Österreichischen Seminaristentreffen in der Zisterzienser-Abtei „Heiligenkreuz“ ein Referat zu halten und nahm an einem ähnlichen nächtlichen Gottesdienst teil. Er nennt sich „Jugendvigil“. Über 300 junge Leute finden sich am Herz-Jesu-Freitag ein, beten laut oder in Stille, empfangen das Bußsakrament – und bei meiner Teilnahme erschloss sich auch mir, warum ihre Zahl ständig wächst. Offenbar suchen viele Menschen heute spirituelle Räume mit geistlicher Tiefe, um Antworten auf ihre zentralen Fragen zu finden.

Und da gab es doch auch kürzlich das große Treffen des Neukatechumenats…

Kardinal Cordes: Sie meinen die Veranstaltung am 29. Mai in der Esprit-Arena in Düsseldorf. 25.000 Menschen, meist Jugendliche, waren mit Bussen aus Spanien, Italien, Polen und Deutschland angereist. Sie hatten auf ihrem Weg ins Rheinland in verschiedenen deutschen Städten zum Straßenapostolat Halt gemacht, gesungen, gebetet, die Passanten angesprochen und ihr Glaubenszeugnis gegeben. So wollten sie das geistliche Erdreich für den Papstbesuch im September aufreißen und sich auch selbst einbringen. Eine Katechese von Kardinal Meisner setzte im Stadion selbst einen starken Akzent.

Bleiben wir noch einen Augenblick beim Neukatechumenat. Aus seinen Reihen erwachsen viele Berufungen…

Kardinal Cordes: Es ist in Tat erstaunlich, dass auch in Düsseldorf wieder über 700 junge Männer und 350 junge Frauen aufstanden, als der Gründer dieser Bewegung, Kiko Argüello, die Frage nach der Bereitschaft zu einem geistlichen Beruf stellte. Sie hatten um diese Herausforderung gewusst und erhoben sich nach einem Gebet zum Heiligen Geist in großer Stille. Dann gingen sie nach vorn und bekundeten ihre Verfügbarkeit. Natürlich ist das für viele nur ein erster Schritt. Anschließend prüfen die für Gruppen verantwortlichen Priester und Laien die Authentizität der Bereitschaft, und die jungen Leute machen sich gegebenenfalls auf den ja immer noch langen Weg der Ausbildung und Vorbereitung auf die heiligen Weihen. Natürlich sind solche „Methoden“ nicht der Grund für viele geistliche Berufe. Die Kandidaten haben vielmehr von ihren Eltern oder in ihren Gemeinschaften gelernt, dass Jesus Christus keine Theorie ist, dass ER unser Glück will, dass sein Wort in der Gemeinschaft der Kirche verlässlich ist. Dann wagen sie den Sprung ins kalte Wasser. Die über 1.000 Priester, die über diese Bewegung den Weg zur Weihe gefunden haben, sind ein starkes Zeichen.

Es heißt, dass es in den Seminaren des Neukatechmenats „strenger“ zuginge…

Kardinal Cordes: Ich habe selbst viele Jahre in Priesterseminaren gelebt, erst als Seminarist in Paderborn und Lyon, dann als Verantwortlicher in Bad Driburg und Paderborn, dann im Seminar in Mainz. Der Weg zum Priestertum ist anspruchsvoll. Wer die vielen Freiheiten des Studentenlebens vorzieht, verliert ihn. Papst Benedikt XVI. wünscht sich heilige Priester. Zwei biblische Verse fallen mir ein: „Er schuf zwölf, dass sie mit ihm seien…“ (Mk 3,14) sagt die Bibel von der Jüngerberufung; er will sie in seiner besonderen Nähe. Und der andere: „Das Tor, das zum Leben führt, ist eng“ (Mt 7,13). Es wäre fatal, wenn fehlende geistliche Berufungen durch verlockende Annehmlichkeiten für Seminaristen beglichen würden. Im Neukatechumenat nehmen die jungen Männer übrigens auf dem Weg zum Priestertum weiter an den Treffen ihrer Gemeinschaft teil. Sie begegnen wöchentlich den Problemen und Nöten, denen der Christ in Ehe und Alltag ausgesetzt ist, und sie spüren, wie intensiv gläubige Menschen heute auf Priester warten. Solche Lebenserfahrung hält ihren Berufswillen wach.

Hinsichtlich der Liturgie hatte die zuständige vatikanische Kongregation 2005 dem Neukatechumenat Auflagen gemacht. Welche Änderungen hat das gebracht?

Kardinal Cordes: Im Mai 2008 wurde das Statut des Neukatechumenats vom Apostolischen Stuhl definitiv anerkannt. Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. haben diese Gemeinschaft kontinuierlich in Ansprachen und Konferenzen für die Erneuerung der Kirche und für die Neuevangelisierung empfohlen. Dennoch gibt es immer noch Katholiken, die das „Haar in der Suppe“ ihrer Kirchlichkeit suchen. Argwohn und Ablehnung begegnen ihr. Wollen diese Skeptiker päpstlicher sein als der Papst? Ich kann mich nur wundern. Ordinarien, Pastoralräte und kirchliche Medien als neue Inquisition? Statt sich zu freuen über die Resonanz, die zahllosen Laienapostel, die Priester- und Ordensberufen, über so viele Zeitgenossen, die neu einen Sinn für ihr Leben sehen, weil sie Christus finden. Gott zeigt in dieser wie in so mancher anderen neuen geistlichen Bewegung, dass er in seiner Kirche am Werk ist. Die Augen des Glaubens können ihn erkennen und preisen ihn.

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 16. Juli 2011]

 

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