Lebens- und Glaubenswelt im radikalen Umbruch

Landflucht gefährdet Gemeinden in Osteuropa

Von Michaela Koller

FREISING, 3. September 2011 (Vaticanista/ Die Tagespost).- Der Hauptgeschäftsführer des katholischen Mittel- und Osteuropa-Hilfswerks Renovabis, Pater Stefan Dartmann, ist überzeugt, dass geistlichen Gemeinschaften bei der Pastoral in den ländlichen Regionen im Osten Europas eine besondere Rolle zukommt. Zum Auftakt des 15. Internationalen Kongresses von Renovabis unter dem Motto „Ländliche Räume im Umbruch – Herausforderungen in Mittel- und Osteuropa“ am Donnerstag in Freising betonte der Jesuitenpater, dass die Gemeinschaften soziale Beziehungen anbieten könnten, „wo Menschen durch die großen Veränderungen wurzellos zu werden drohen. „Wir im Westen nehmen nur wenig wahr, dass viele ländliche Regionen der Gesellschaften im Osten Europas von einer galoppierenden Destabilisierung mit dramatischen Veränderungen geprägt sind“, sagte er vor Journalisten. Selbstverständlich sei mit der Lebenswelt auch die Glaubenswelt der Menschen in einem radikalen Umbruch.

In dem EU-Land Rumänien ist Armut ein großes Problem. Renovabis unterstützt hier z.B. kirchliche Kindergärten und Betreuungsangebote. Foto: Renovabis

In dem EU-Land Rumänien ist Armut ein großes Problem. Renovabis unterstützt hier z.B. kirchliche Kindergärten und Betreuungsangebote. Foto: Renovabis

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, der den Aktionsausschuss von Renovabis leitet, zeigte in einer Stellungnahme den Zusammenhang von Landflucht auf die Kirche als Gemeinschaft auf: „Leider finden sich jedoch in Mittel-, Ost- und Südosteuropas inzwischen viele Gebiete, wo der ländliche Raum vernachlässigt wurde, sich entvölkert hat und jahrhundertealte Traditionen gefährdet oder bereits untergegangen sind.“ Auch die Existenz christlicher Gemeinden und die Seelsorge sei davon betroffen. Ihn als Bischof eines ostdeutschen Bistums beschäftige ebenso die Frage: „Wie kann und soll Kirche da auf dem Land präsent bleiben oder neu Fuß fassen?“ Es komme künftig noch mehr darauf an, vor Ort Verantwortliche zu gewinnen, diese zu schulen und in ihrem bürgerschaftlichen und kirchlichen Engagement zu begleiten.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, war eingeladen worden, um über den historischen Wandel des ländlichen Raums von der Industrialisierung bis zur Globalisierung als Fachmann einen Überblick zu geben. Vor dem Hintergrund seiner praktischen Erfahrung empfahl er in seinem Referat gute Verkehrsanbindung, schnelles Internet und den Ausbau von Bildungseinrichtungen als Wege zur Entwicklung des ländlichen Raums. Er war selbst als junger Mann Landwirt. Ihn prägte sein Kontakt zur Katholischen Landjugendbewegung, bevor der Experte für Entwicklungsstrategien im ländlichen Raum in die Politik ging.

Als Folge einer besseren Anbindung des ländlichen Raums, entdeckten Glück zufolge allmählich Städter diese Orte als besonders reizvoll hinsichtlich besonderer Lebensqualität. „Damit geschah eine ganz wesentliche innere Veränderung: Die Landbevölkerung entdeckte insbesondere durch Impulse von Städtern den Eigenwert des eigenen Lebensraumes, der eigenen Kultur und man entwickelte mit der Zeit ein eigenständiges Selbstbewusstsein.“ Das sei ein ganz entscheidender Faktor, denn ohne ein entsprechendes Selbstbewusstsein sei es nicht möglich, die Bevölkerung zu mobilisieren. Glück empfahl, besonderen Wert auf die Qualität der Kommunalpolitik zu legen, um durch entsprechende Weichenstellungen den ländlichen Raum für Betriebe attraktiver zu machen. „Angesichts der heutigen Anforderungen ist es ein besonderer Fortschritt in der Kommunalpolitik, wenn Kommunen beispielsweise bei der Ansiedlung von Betrieben durch die gemeinsame Ausweisung von Gewerbegebieten und Verkehrserschließung zusammenarbeiten.“

[Erstveröffentlichung: © Die Tagespost, 3. September 2011]

 

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